Hauptinhaltsbereich

Gute Praxis

Betriebsratsarbeit in der Transformation

Agile Entwicklung einer Rahmenvereinbarung – Deutsche Telekom IT GmbH

Die Betriebsräte handeln eine Pilot-Gesamtbetriebsvereinbarung aus, in der wichtige Rahmenbedingungen zum agilen Arbeiten vereinbart sind. Doch nicht nur die Pilotvereinbarung, sondern auch die Aushandlungsweise ist besonders  ̶  denn der Betriebsrat wendet selbst neue Methoden an.

Das Unternehmen
Die Deutsche Telekom IT GmbH (DT IT) ist eine Tochtergesellschaft der Deutschen Telekom AG. Mit ihren weltweit 10.000 Beschäftigten, davon 6.300 in Deutschland, ist die DT IT als interner Dienstleister des Konzerns für alle IT-Systeme und IT-Infrastrukturleistungen verantwortlich.

Hintergrund: die Einführung von agilen Arbeitsweisen
Auch in der Deutschen Telekom IT GmbH nimmt die Arbeitsgestaltung und -organisation nach agilen Methoden zu, wodurch beim Gesamtbetriebsrat und bei ver.di der Bedarf nach einer Betriebsvereinbarung entstand. Die Einführung und Förderung von agilen Arbeitsweisen, insbesondere die Methode Scrum, werden durch Entwicklungen und Veränderungen des Marktes und Kundenerwartungen begründet.

Was ist Scrum?

Scrum ist eine Projektmanagementmethode. Sie stammt ursprünglich aus der Softwareentwicklung. Produkte werden zyklisch unter hoher Beteiligung des Kunden entwickelt.

Organisatorische Aufstellung des Betriebsrates
Um sich organisatorisch gleichwertig zum Arbeitgeber aufzustellen, wurde der Arbeitskreis Agilität gegründet. Dieser setzt sich aus 15 Mitgliedern der fünf regionalen Betriebsräte zusammen. Seine Aufgabe ist es, die Praxis um das agile Arbeiten zu beobachten, Handlungsfelder abzuleiten und Reglungskomponenten zu entwickeln. In dieser organisatorischen Aufstellung sehen die Betriebsräte einen operativen Vorteil: der Arbeitskreis setzt sich umfänglich mit dem Thema auseinander und formuliert Beschlussempfehlungen, worüber letztendlich der GBR entscheidet. Die betriebsverfassungsrechtlichen Kriterien zur Beschlussfassung müssen im Arbeitskreis nicht vorliegen, weswegen der Arbeitskreis freier und unter Anwendung neuer digitaler Methoden agieren kann.

Der Weg zur Pilot-GBV: neue Gestaltungsmomente zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber
In der Diskussion um die Notwendigkeit von Regelungserfordernissen für agile Arbeitsweisen stellen die Betriebsräte von Beginn an fest: Im Gegensatz zu Diskussionen anderer Themen war eine andere Form des Miteinanders spürbar. Seiten des Arbeitgebers und des Betriebsrates gab es nur geringe Erfahrungen im Umgang mit agilen Arbeitsweisen. Dementsprechend bestanden keine vorgefertigten Vorstellungen davon, welche Regelungsinhalte man für die Anwendung agiler Arbeitsmethoden beachten sollte.

Klar war, dass beide Seiten eine Vereinbarung wollen (…), nur der Weg dahin war beiden nicht bekannt.

Betriebsratsmitglied

Diese beidseitige Offenheit spiegelte sich in der Herangehensweise wider: Um sich gemeinsam dem Thema zu nähern und eine gemeinsame Richtung zu finden, fand auf Vorschlag des Betriebsrates ein gemeinsamer Design-Thinking-Workshop statt. Auch Expert*Innen beider Betriebsparteien und Beschäftigte nahmen an dem Workshop teil. Design-Thinking ist ebenfalls eine agile Methode und unterstützt die kreative Lösungsfindung eng an Kundenbedürfnissen orientiert. Während des Workshops gibt es keine Hierarchien, sondern alleinig die Reflexion von Problemen und Ideenfindung stehen im Mittelpunkt.

Der gemeinsame Workshop hat dazu beigetragen, dass ein gegenseitiger Perspektivenwechsel stattfindet. Am Ende war klar, dass eine Betriebsvereinbarung absolut sinnvoll ist.

Betriebsratsmitglied

In dem Workshop, und in der Beratung mit ver.di und einem Juristen, wurden wichtige Kernthemen für die Betriebsvereinbarung erarbeitet. Nach mehreren Verhandlungsrunden wurde die Pilot-Gesamtbetriebsvereinbarung (GBV) zur Einführung und Anwendung agiler Arbeitsmethoden verabschiedet. Seitens der Betriebsräte bestand das übergeordnete Ziel darin „die Beteiligungsrechte des Betriebsrates zu wahren und die notwendigen Qualifikationen für die Einführung und Anwendung agiler Arbeitsmethoden zu fördern“ (Ausschnitt aus GBV).

Transformationsmomente: eine neue Form des Miteinanders?
In dem Aushandlungsprozess zum agilen Arbeiten finden sich verschiedene neue Mitbestimmungsmomente; vorneweg der ergebnisoffene Austausch in einem Design-Thinking-Workshop. Geprägt war dieser davon, dass auf Augenhöhe Problematiken besprochen und reflektiert wurden. Im Vergleich zum sonst üblichen Aushandlungsprozess konnte dadurch Zeit gespart werden.

Das Beispiel der DT IT zeigt, dass Betriebsräte im Zuge der digitalen Transformation mit neuen Themenfelder konfrontiert werden, die es zu erschließen gilt. Mit der GBV zum agilen Arbeiten wurden erstmalig Regeln für agile Arbeitsweisen vereinbart. Der Betriebsrat nahm von Beginn an eine proaktive Rolle in der Ausverhandlung ein und hat frühzeitig Mitbestimmungsrechte in einem neuen Feld der Arbeitsgestaltung gesichert.

Fazit
Vorbereitend darauf, die Pilotvereinbarung in eine reguläre Gesamtbetriebsvereinbarung zu überführen, fand eine gemeinsame Reflexion von Betriebsrat, Arbeitgeber und den Beschäftigten statt (Retrospektive). Ziel dieser Methode war es, die Anwendung, Effektivität und Praktikabilität der Pilot-GBV kritisch zu reflektieren. Erkenntnisse hieraus werden sich in einer neuen Version der Vereinbarung widerspiegeln. Gerade weil derzeit erste Erfahrungen mit agilen Arbeitsweisen gesammelt werden, ist es umso wichtiger, dass ein regelmäßiger Dialog zwischen Betriebsräten und Arbeitgeber zur Verbesserung von Regularien stattfindet.

Ansprechpartner: Thomas Frischkorn

Julia MassolleClaudia Niewerth

aktualisiert am 28.05.2020