Hauptinhaltsbereich

Gute Praxis

Betriebsratsarbeit in der Transformation

Agile Methoden für die Betriebsratsarbeit – enercity AG

Wie können auch in Zukunft starke Mitbestimmungsstrukturen sichergestellt werden? Der Betriebsrat hat sich mit agilen Methoden auseinandergesetzt und dabei Ideen für die eigene Arbeit entwickelt.

Das Unternehmen
enercity (Stadtwerke Hannover) versorgt in der Region Hannover rund 700.000 Menschen und bietet energienahe Dienstleistungen, wie Ladestationen für E-Mobilität an. Rund 2.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dort beschäftigt.

Hintergrund: Transformation der Energiebranche
Die Energiebranche verändert sich rasant. Der Druck, neue Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln, hat sich deutlich erhöht. Es wurde eine strategische Umorganisation ausgerufen, die unter anderem durch die Einführung einer Digitalisierungsabteilung, eines Transformationsmanagements und agiler Methoden gefördert werden soll. Um die Beschäftigten abzusichern und Vertrauen gegenüber den Veränderungen zu wecken, wurde ein Haustarifvertrag über den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen und die Betriebsvereinbarung „Jobperspektive“ abgeschlossen. Letztere greift, wenn sich Arbeitsplätze verändern oder gar wegfallen. Die Beschäftigten werden dann qualifiziert: Sie erlernen die Fähigkeiten, die es ihnen ermöglichen, eine andere Tätigkeit bei enercity auszuüben.

Vielfältige Herausforderungen für den Betriebsrat
Der Betriebsrat steht vor der gewaltigen Herausforderung die Transformation von enercity im Sinne der Beschäftigten zu gestalten. Dabei hat sich die Betriebsratsarbeit selbst gewandelt. Durch die Veränderungsgeschwindigkeit und die Auseinandersetzung mit neuen Themen der Arbeitswelt steigt die Arbeitsbelastung jedes Betriebsratsmitglieds. Stellen agile Methoden eine Möglichkeit dar, die Betriebsratsarbeit für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Menschen und Organisationen aufzustellen?

In drei Workshops hat sich der Betriebsrat mit den agilen Methoden Scrum, Kanban und Design Thinking auseinandergesetzt und von zwei Seiten beleuchtet: Auf der einen Seite wollte das Gremium über mögliche Auswirkungen und Konsequenzen für die Beschäftigen informiert sein. Auf der anderen Seite reflektierte der Betriebsrat die Methoden hinsichtlich der eigenen Arbeitsorganisationen.

Was ist Scrum, Kanban und Design Thinking?

Scrum ist eine Projektmanagementmethode. Sie stammt ursprünglich aus der Softwareentwicklung. Produkte werden zyklisch unter hoher Beteiligung des Kunden entwickelt.

Kanban ist eine agile Methode. Ein Kanban-Board wird zum Aufgabenmanagement eingesetzt.

Design Thinking ist eine agile Methode. In einer systematischen und kreativen Herangehensweise werden Lösungen in enger Anbindung an Kundenbedürfnisse erarbeitet.

Drei Workshops zum agilen Arbeiten
Thematisch bauten die Workshops aufeinander auf: Zunächst wurde Basiswissen rund um die agilen Methoden vermittelt. Im Anschluss daran wurden Ideen für die Integration in die Betriebsratsarbeit ausgearbeitet.

Zunächst wurde sich mit den Grundwerten agiler Methoden auseinandergesetzt. Reflektiert auf die Arbeit im Betriebsratsgremium wurden fünf Werte festgelegt: Respekt, Ehrlichkeit, Selbstverpflichtung, Offenheit und Mut. Die Werte können als Leitlinien für den Umgang mit agilen Arbeitsformen verstanden werden. Weiterhin wurden Ideen für die eigene Arbeit gesammelt. Diese waren u. a.:

  • kürzere Planungszyklen
  • weniger Fokus auf Ausschüsse, sondern auf die Bearbeitung von Themen
  • agilere Kommunikation, schnellere Abstimmungswege
  • führen eines Backlogs im Betriebsausschuss

Was sich in der Betriebsratsarbeit geändert hat
An mancher Stelle konnten die Erkenntnisse der Workshops auf den Alltag übertragen werden. Zum Beispiel hat der Betriebsausschuss Daily’s eingeführt. Zur selben Uhrzeit wird täglich über zwei verschiedene Standorte hinweg virtuell über die aktuellen Geschehnisse berichtet und sich für 15 Minuten ausgetauscht. Die Kommunikation zwischen den wöchentlichen Sitzungen konnte dadurch verbessert werden. Weiterhin wird die Anwendung des Kanban-Boards ausprobiert. Auch in einem weiteren Ausschuss hat man sich neu aufgestellt. Zwischen den 14-tägigen Sitzungen findet ein weiteres, kurzes Treffen statt, in dem der Fortschritt von Aufgaben besprochen wird. Auch sind nun verantwortliche Personen den Aufgaben zugeordnet. Wo früher nur zwei Personen hauptsächlich Aufgaben übernommen haben, hat sich die Arbeitslast spürbar auf mehrere Köpfe verteilt. Die Sitzungszeit konnte deutlich reduziert werden. Weiterhin wurden neue Ausgestaltungsformen im Austausch mit dem Arbeitgeber ausprobiert. So fand ein gemeinsamer Design-Thinking-Workshop zu einer Betriebsvereinbarung statt. War der Arbeitgeber zunächst skeptisch, überzeugten die Ergebnisse und die Effizienz der Methode.

Was ist ein Daily Standup?

Ein Daily Standup ist ein Element agiler Methoden, in dem sich Teammitglieder täglich über Fortschritte und Probleme eines Projekts austauschen.

Fazit: Wichtige Erkenntnisse für die zukünftige Ausrichtung
In verschiedenen Workshops hat sich der Betriebsrat von enercity mit agilen Arbeitsmethoden auseinandergesetzt. Im Zuge einer Positionsbestimmung legten sie fest, welche Aspekte für den Schutz der Beschäftigten im Auge zu behalten sind. Die eigenen Arbeitsprozesse wurden reflektiert und der perspektivische Veränderungsbedarf erkannt. Man entwickelte Ideen dafür, welche agilen Elemente sich auf die Organisation der Betriebsratsarbeit übertragen lassen. Alleine, dass man sich Zeit genommen hatte, offen über die eigenen Strukturen nachzudenken, wurde rückblickend als sehr wertvoll beurteilt.

Wir haben uns als Gremium auf den Weg gemacht, unsere Struktur neu auszurichten, und wir haben die Herausforderungen der Transformation erkannt. Wenn es soweit sein sollte, sind wir vorbereitet und können auf viele Ideen zurückgreifen.

Martin Bühre, Betriebsratsvorsitzender

Ansprechpartner: Martin Bühre

Julia MassolleClaudia Niewerth

aktualisiert am 28.05.2020