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Gute Praxis

Betriebsratsarbeit in der Transformation

Anregungen für neue Gestaltungsformen – DB Systel GmbH

Wie kann die Unternehmenstransformation unter Wahrung der Mitbestimmungsrechte gestaltet werden? Die Mitbestimmung erfährt eine neue Gestaltungs- und Denkweise. Ausdruck dessen ist die selbstlernende Betriebsvereinbarung.

Das Unternehmen
Die DB Systel GmbH ist als Serviceanbieter in den Bereichen der Informations- und Telekommunikation aktiv. Als hundertprozentige Tochter der Deutschen Bahn AG treibt sie die digitale Transformation des Konzerns voran. An den Standorten Frankfurt, Berlin und Erfurt arbeiten 5.000 Beschäftigte.

Die Ausgangslage: die DB Systel als Netzwerkorganisation
DB Systel befindet sich inmitten eines großen Transformationsprozesses hin zu einer selbstorganisierten Netzwerkorganisation. Die Ursache dieser radikalen Entscheidung lag in der äußeren Wahrnehmung. Innerhalb des DB Konzerns wurde DB Systel nicht als Partner und Gestalter der Digitalisierung wahrgenommen. Mit der Neuausrichtung sollte sich dies ändern und damit DB Systel zukunftsfest gemacht werden. Dabei wird eine neue Welt der Arbeitsgestaltung und -organisation umgesetzt, in der Beschäftigte in selbstorganisierten, agilen Teams nach der Scrum-Methode arbeiten. Ein Team besteht dabei aus einem Agility Master, einem Product Owner und dem Umsetzungsteam. Im Mittelpunkt der neuen Arbeitsweisen stehen die agilen Grundprinzipien: Selbstorganisation, Selbststeuerung und Selbstregulierung. Dadurch wird ein komplett neues Verständnis von Führung und Partizipation erforderlich.

Was ist Scrum?

Scrum ist eine Projektmanagementmethode. Sie stammt ursprünglich aus der Softwareentwicklung. Produkte werden zyklisch unter hoher Beteiligung des Kunden entwickelt.

Hoher Mitbestimmungsanspruch und neue Gestaltungsweisen
Dass DB Systel sich grundsätzlich verändern muss, um zukünftig im DB Konzern als ein kompetenter Partner bei der Gestaltung der Digitalisierung gesehen zu werden, spiegelte sich im Meinungsbild der Betriebsrät_innen wider. Für den Gesamtbetriebsrat stand fest: diese Reorganisation wollte man nicht begleiten, sondern prägen und aktiv im Sinne der Beschäftigten gestalten.

Neugestaltung der Sozialpartnerschaft: Prinzipien und Grundannahmen
Der Betriebsrat bereitete sich selbst auf die neuen Thematiken vor, indem er sich bewusst mit ihnen auseinandersetzte und Fachwissen aufbaute: Seminare zu agilen Methoden wurden besucht, sich mit anderen Unternehmen ausgetauscht und in einer betriebsratsinternen Tagung eine eigene Positionsbestimmung durchgeführt. Dabei wurde festgelegt, welche Themen in dem Transformationsprozess eine wichtige Rollen spielen und daher ausgestaltet werden müssen. Auch organisatorisch richtete sich der Betriebsrat nach den Veränderungen aus, indem der „Trafo-Ausschuss“ gegründet wurde.

Markant für DB Systel ist: Mit der Transformation wurde nicht nur die grundsätzliche Arbeitsgestaltung und eigenständige Festlegung der Arbeitsmethoden neu ausgelegt, sondern auch die betriebliche Gestaltungs- und Aushandlungsweise zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat. Es lag demnach die beiderseitige Vorstellung und Überzeugung vor: Die Transformation in eine selbstorganisierte Organisation kann nur gelingen, wenn diese sozialpartnerschaftlich auf Augenhöhe und unter Nutzung flexiblerer Kommunikations- und Verhandlungsprozesse erfolgt. Mitbestimmung wurde von Beginn an anerkannt und der Betriebsrat in alle Entscheidungen eingebunden. Es werden neue Wege der Mitbestimmung und Formen der sozialpartnerschaftlichen Zusammenarbeit gegangen, die geprägt sind von einem vertrauensvollen Miteinander, einer gemeinsamen Organisationsentwicklung und der selbstlernenden Betriebsvereinbarung zur Gestaltung der Transformation. Die Gesamtbetriebsvereinbarung (GBV) „Trafo“ ist eine Rahmenvereinbarung. Sie wurde proaktiv vom Betriebsrat entwickelt und reguliert das Arbeiten in einer selbstorganisierten Arbeitswelt. Neben den grundsätzlichen Prinzipien (Selbstorganisation, -steuerung, -regulierung), der Beschreibung von Organen und Rollen der Transformation (z. B. Agility Master) sind ebenso Regelungen für den Aufbau von Teams und Beteiligungsrechte des Betriebsrates festgelegt. Das Besondere an ihr ist der iterative Anpassungsprozess. Entsprechend der Erfahrung in der Anwendung und der Entwicklungen im Unternehmen wird die GBV regelmäßig überarbeitet. Das bedeutet: Die Regelungsgegenstände der GBV Trafo sind nicht unveränderbar geregelt; sie werden bedarfsweise angepasst und ergänzt, wenn es die Situation erfordert und beide Seiten dem zustimmen. Sie besteht aus einem ständigen Lernprozess, wo Erfahrungen in wiederum neuen Veränderungen münden. Dass im Vorfeld umfängliche Regelungen für den Prozess ausgearbeitet werden, erschien nicht praktikabel. Daraus wurde die Idee der offenen, selbstlernenden Betriebsvereinbarung geboren. In der Praxis bedeutet dies, dass die Betriebsvereinbarung kontinuierlich weiterentwickelt wird.

Die GBV beinhaltet nicht jeden Fall, der eventuell in Zukunft mal auftreten kann. Sie beinhaltet den jetzigen Stand. Zukünftige Fälle, werden zukünftig erfasst.

Agility Master

Fazit
Das Beispiel von DB Systel demonstriert, wie sich Mitbestimmung unter Einfluss der Transformation verändert. Neue Wege der Mitbestimmung werden beschritten – geprägt von einer selbstlernenden Betriebsvereinbarung, einem vertrauensvollen Vorgehen bei mitbestimmungspflichtigen Prozessen und einer gemeinsamen Organisationsentwicklung.

Die selbstlernende Betriebsvereinbarung stellt eine große Veränderung in der Mitbestimmung dar.

Gesamtbetriebsratsvorsitzender

Ansprechpartner: Klaus-Theo Sonnen-Aures

Julia MassolleClaudia Niewerth

aktualisiert am 28.05.2020