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Drei Fragen an Michael Guggemos

Michael Guggemos
Michael Guggemos, Sprecher der Geschäftsführung der Hans-Böckler-Stiftung

Frage 1: Seit 1976 bestimmen Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsräten deutscher Unternehmen mit, das Mitbestimmungsgesetz wird 40 Jahre alt. Haben die deutschen Arbeitnehmer einen Grund zum Feiern?

Michael Guggemos: 65 Jahre Montanmitbestimmung und 40 Jahre Mitbestimmung in großen Kapitalgesellschaften ist eine Erfolgsgeschichte. Mitbestimmung ist das demokratische Gestaltungsprinzip der sozialen Marktwirtschaft. Die paritätische Mitbestimmung schafft Augenhöhe. Sie trägt dazu bei, dass die nachhaltige Unternehmensentwicklung Vorrang behält vor kurzfristigen Shareholder-Interessen. Und Mitbestimmung war der Erfolgsfaktor für die erfolgreiche Krisenbewältigung in den Jahren 2009 bis 2011.
 

Frage 2: Industrie 4.0 ist die Chiffre für grundlegende Veränderungen in der Wirtschaft und in der Arbeitswelt. Brauchen wir jetzt auch eine Mitbestimmung 4.0?

Michael Guggemos: Ja. Die Arbeitswelt wandelt sich grundlegend. In vielen Entwicklungs-, Produktions-, aber auch Verwaltungsbereichen kommunizieren Maschinen zunehmend mit Maschinen. Wo bleibt der Mensch dabei? Wie organisieren wir in dieser von der Technik getriebenen Entwicklung gute Arbeit – die zentrale Frage der Mitbestimmung.

Durch Crowdworking entstehen neue Arbeitsbeziehungen, die das klassische Beziehungsmodell Arbeitgeber-Arbeitnehmer auflösen. Ein Teilnehmer unseres jüngsten Zukunftsworkshops zur Mitbestimmung in Saarbrücken fasste das sehr treffend in die Frage: 'Gibt es künftig noch einen Betrieb, für den ich arbeite?' Die Mitbestimmung muss hier Antworten geben, wie soziale Standards in den Unternehmen durch einen kollektiven Rahmen sichergestellt werden können.

Industrie 4.0 wird nur erfolgreich, wenn Arbeit 4.0 gute Arbeit ist. Ein tragender Pfeiler für gute Arbeit ist und bleibt, dass die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen eigene individuelle und kollektive Rechte der Mitentscheidung haben. Heute jedoch flüchtet eine große Zahl von Unternehmen vor der Mitbestimmung. Hier ist der Gesetzgeber gefragt. Jedes Unternehmen mit mehr als 1.000 Arbeitnehmern/innen, egal in welcher Rechtsform, muss der Unternehmensmitbestimmung unterliegen.
 

Frage 3: Mit ihrer Kampagne "Weiterdenken. Mitgestalten. Mitbestimmung" will die Hans-Böckler-Stiftung das Mitbestimmungsthema voranbringen. Was sind die Ziele?

Michael Guggemos: Wir wollen aktiv mitgestalten. Deshalb rücken wir die Mitbestimmung in das Zentrum einer Zukunftsdebatte. Unsere Mitbestimmungsexperten haben Zukunftsszenarien der Mitbestimmung 2035 entwickelt, die wir mit allen Stakeholdern diskutieren wollen. Wir sind der Überzeugung, dass die Mitbestimmung nur gemeinsam mit allen Beteiligten erfolgreich weiterentwickelt werden kann. Deshalb suchen wir den Dialog mit Gewerkschaften, den Unternehmen, mit der Politik und der Wissenschaft sowie mit den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Wir, die Fachexperten der Mitbestimmung, sehen uns in diesem Dialog als entscheidenden Impulsgeber. Wir wollen die richtigen Fragen stellen und im Dialog mit möglichst vielen zu den richtigen Antworten kommen.

Zur Person

Michael Guggemos ist seit Anfang 2014 Sprecher der Geschäftsführung der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf. Er studierte empirische Kulturwissenschaft, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft in Tübingen. Zwischen 1986 und 1988 war er Vorsitzender der Jusos in der SPD. Von 1999 bis 2007 leitete der gebürtige Ulmer das Hauptstadtbüro der IG Metall in Berlin. Seit 2008 koordinierte Michael Guggemos die Vorstandsaufgaben beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt. Guggemos führt die Geschäfte der Hans-Böckler-Stiftung zusammen mit Dr. Wolfgang Jäger.

Perspektiven

Perspektiven: 3 Fragen an ...

Wo steht die Mitbestimmung heute? Wie verändert sich die Arbeitswelt? Welche Mitbestimmung brauchen wir morgen? Was ist zu tun? Wir wollen wissen, was bewegt – und befragen dazu Wissenschaftler und Praktiker, Politiker und Gewerkschafter, Journalisten und Juristen. Im Gespräch mit Menschen aus unterschiedlichen Kontexten werfen wir einen Blick auf den Zustand und die Perspektiven der Mitbestimmung.