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Gute Praxis

Meine Zeit, mein Leben! - Arbeitszeitgestaltung

Einführung von Arbeitszeiterfassung - Neue Westfälische

Die Neue Westfälische hat erstmals ein Zeiterfassungssystem für Redakteure eingeführt. Damit wurde in einem Bereich die Möglichkeit der Arbeitszeitregulation geschaffen, der von vielen Überstunden geprägt ist.

Der Zeitungsverlag
Im Zeitungsverlag Neue Westfälische arbeiten rund 370 Beschäftigte, darunter 118 Redakteure.

Zeitungsredaktionen – Branchenkultur mit hoher Arbeitsintensität
Wie in jeder Zeitungsredaktion fallen auch in der Neuen Westfälischen oft Überstunden an. Die Arbeitsdauer überschreitet gelegentlich zehn Stunden. Der Betriebsrat beschreibt, dass dies fest in der Branche verankert und teilweise unausweichlich ist. Eine genau planbare tägliche Arbeitszeit ist unvereinbar mit den Aufgaben von Redeakteuren. Doch fehlte es in der Vergangenheit an einer grundlegenden Arbeitsplanung: Überstunden sind nicht systematisch erfasst und Wochenenddienste kurzfristig festgelegt worden.

Es hat skurrile Sachen gegeben. Da kamen Redakteure, wenn sie in den Ruhestand gehen wollten oder sollten, die hatten noch Dutzende, in Einzelfällen sogar deutlich über 100 Tage für Wochenenddienste stehen. Sie hatten also effektiv sechs, teilweise sieben Tage in der Woche gearbeitet und diese Tage nicht abgefeiert.

Arno Ley, Betriebsratsvorsitzender

Stichprobenartige Zeiterfassung zeigt Arbeitsauftrag
Um die Forderungen des Betriebsrates zu bekräftigen, wurde zunächst stichprobenartig die Arbeitszeit erfasst. Das Ergebnis war deutlich – in der Redaktion fielen massive Überstunden an. Für den Betriebsrat war dies die Basis, um aktiv zu werden, denn die Ergebnisse haben den akuten Handlungsbedarf gezeigt.

Der Prozess bis zur Betriebsvereinbarung
Das Vorhaben des Betriebsrates stieß intern auf heftigen Widerstand. Der damalige Geschäftsführer befürchtete erhebliche Mehrkosten durch zusätzliche Einstellungen. Auch unter den Redakteuren standen manche dem Vorhaben kritisch gegenüber. Der Betriebsrat begründet diese Haltung mit der Berufskultur, in der die Notwendigkeit für geregelte Arbeitszeiten verkannt werde.

Die Betriebsvereinbarung – ein umfangreiches Paket zur Zeitregulierung
Der erste Entwurf einer Betriebsvereinbarung wurde gemeinsam mit der Gewerkschaft ver.di ausgearbeitet, die vom Arbeitgeber abgelehnt wurde. Man stritt sich vehement – und schließlich entschied nach langen wie konfliktreichen Verhandlungen eine Einigungsstelle hierüber.

Neben der Verpflichtung ein Zeiterfassungssystem einzuführen, beinhaltet die Betriebsvereinbarung eine Reihe weiterer Elemente. So wurden Kernarbeitszeiten und die Einführung von Dienstplänen vereinbart. Zugleich wurde auf Wunsch der Betroffenen geregelt, dass Redakteure bis zu 40 Plus- und Minusstunden ansammeln dürfen. Wird die Grenze überschritten, müssen diese abgebaut werden.

Das Resümee des Betriebsrates: viele positive Effekte
Der positive Effekt der Betriebsvereinbarung zeigt sich für den Betriebsrat an mehreren Stellen. Zum einen hat die Zeiterfassung zur Sensibilisierung und Bewusstmachung bei den Redakteuren beigetragen – das Maß der Überstunden wurde hierdurch klar aufgezeigt.

Wir haben vorher nie drauf geguckt, wir wussten, dass wir zu viel arbeiten, wie viel wir eigentlich der Branche geschenkt haben, wussten wir ja gar nicht.

Arno Ley, Betriebsratsvorsitzender

Zum anderen beobachtet der Betriebsrat einen vorausschauenden Umgang mit Urlaubszeiten, was vor allem durch die Dienstpläne erklärbar ist. Kritisch wird reflektiert, dass die Zeiterfassung noch nicht reibungslos funktioniert: es werden zu wenige Stunden notiert – auch weil die Eintragung teilweise von Ressortleitern durchgeführt wird. Zudem ist das Zeiterfassungssystem als solches in der Handhabung zu unübersichtlich. Unter den Redakteuren zeige sich nach wie vor ein geteiltes Lager – der Anteil jener Beschäftigten, die das System ablehnten, hätte jedoch mit der Zeit deutlich abgenommen.

Ich gehe davon aus, dass deutlich zu wenig eingetragen wird. Die Mitarbeiter dokumentieren nicht alles.

Arno Ley, Betriebsratsvorsitzender

Selbstkritisch räumt der Betriebsrat Fehler bei der Umsetzung der Betriebsvereinbarung ein. Nach der Einführung ist die Anwendung nicht gut genug kontrolliert worden, so dass Anwendungslücken entstanden. Aktuell zeige sich dies an einer hohen Überstundenanzahl. Dennoch ist der Betriebsrat davon überzeugt, mit der Betriebsvereinbarung den richtigen Weg eingeschlagen zu haben: Sie übe eine deutliche Schutzfunktion aus. Ebenso hätten durch die Zeiterfassung die Aufgaben in der Redaktion einen zeitlichen Bezug erhalten. In Zeiten sinkender Auflagenzahlen ist dies ein wichtiges Argument, um einen willkürlichen Stellenabbau zu verhindern. Durch einen Wechsel in der Geschäftsführung sei mittlerweile ein sehr kooperatives Verhältnis entstanden.

Den meisten, wenn nicht allen ist bewusst, dass unsere Arbeitszeiterfassung einen maßgeblichen Anteil daran trägt, dass in der Berufsgruppe der Redakteure bisher deutlich weniger Stellen gekürzt worden sind als in anderen Bereichen.

Arno Ley, Betriebsratsvorsitzender

Fazit: Betriebsvereinbarung sichert Zeiterfassung
Der Betriebsrat der Westfälischen Zeitung hat durch eine Betriebsvereinbarung ein System zur Arbeitszeitregulierung gegen innerbetrieblichen Widerstand eingeführt. Strategisch war das Ergebnis einer Stichprobe hilfreich, das ihre Forderungen unterstrich. Fehler räumt der Betriebsrat bei der Anwendung der Betriebsvereinbarung ein. Bemerkenswert ist, dass die Arbeitszeit in einem Bereich reguliert wurde, in dem die Branchen- und Berufskultur dies üblicherweise ablehnt. Das macht die Betriebsvereinbarung zu einem guten Branchenbeispiel, bei dem der Schutz der Beschäftigten im Vordergrund steht.

Neue Westfälische: Einführung von Betriebsvereinbarung für erstmalige Zeiterfassung | © Julia Massolle
Neue Westfälische: Einführung von Betriebsvereinbarung für erstmalige Zeiterfassung | © Julia Massolle

Arno Ley
Betriebsratsvorsitzender
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33602 Bielefeld
Tel. +49 (0) 521 555676
arno.ley@neue-westfaelische.de

Julia Massolle

aktualisiert am 09.04.2019