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Gute Praxis

Meine Zeit, mein Leben! - Arbeitszeitgestaltung

Familienförderung im Gesundheitssektor - Martin Gropius Krankenhaus

Der Betriebsrat des Martin Gropius Krankenhauses reagierte auf den hohen Krankenstand: Er setzte bessere Arbeits- bzw. Beschäftigungsbedingungen durch und steigerte damit die Familienfreundlichkeit.

Das Krankenhaus

Die Martin Gropius Krankenhaus GmbH ist ein psychiatrisches Krankenhaus in Eberswalde, und beschäftigt ca. 800 Personen.

Die Ausgangslage: hohe Unzufriedenheit, hoher Krankenstand
Unter den Beschäftigten zeigte sich eine massive Unzufriedenheit hinsichtlich der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen. Die Beschäftigten klagten über hohe physische und psychische Belastungen, die sich in einem sehr hohen Krankenstand widerspiegelte. Kritisiert wurde von den Beschäftigten, dass der Arbeitgeber Überstunden ohne Absprache anordnete und es keinen Plan zum Abbau gab. Üblich war es, dass Beschäftigte an dienstfreien Tagen angerufen wurden, um bei Personalmangel auszuhelfen – selbst krank gemeldete Beschäftigte waren davon nicht ausgenommen. Als sehr belastend empfanden die Beschäftigten außerdem die Dienstplangestaltung, die bis zu dreizehn aufeinander folgende Dienste inklusive fünf bis sieben Nachtdienste vorsah. Unter diesen Bedingungen ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nur schwer möglich.

Das Projekt zur Förderung von Familie und Beruf
Mit dem Projekt Förderung von Familie und Beruf beabsichtigte der Betriebsrat die Situation der Beschäftigten zu verbessern. Grundsätzliches Ziel war es, den Beschäftigten mehr Regenerations- und Erholungszeiten zu ermöglichen. Auf mehreren Informationsveranstaltungen wurden die Beschäftigten nach ihren Bedürfnissen gefragt und  gemeinsame Ziele formuliert. Im Laufe des Projekts wurde vom Betriebsrat anwaltliche Beratung hinzugezogen und letztlich eine Betriebsvereinbarung formuliert.
Durch die Initiative des Betriebsrats wurde der Arbeitgeber selbst aktiv und veranlasste eine Gefährdungsbeurteilung. Das Ergebnis bestätigte die Forderung des Betriebsrats und benannte als weiteren Grund für die schlechten Arbeitsbedingungen einen deutlichen Mangel an Pflegepersonal. Der Einführung der Betriebsvereinbarung wurde schließlich zugestimmt.

Nein, das ist unsere Freizeit und Familie – das ist uns wichtig!

Ingo Zimmermann, stellv. Betriebsratsvorsitzender

Umsetzung der Belange von Beschäftigten
In der Betriebsvereinbarung ist festgehalten, dass eine Angabe der privaten Telefonnummer nunmehr auf freiwilliger Basis erfolgt. Gegenüber kranken Beschäftigten wurde ein striktes Kontaktverbot eingeführt. Das Problem der ausufernden Überstunden wurde durch die Einführung eines Mehrarbeitszeitkontos mit einer Grenze von 60 Überstunden angegangen – bei Überschreitung muss dem Betriebsrat ein Plan zum Überstundenabbau vorgelegt werden.

Auch wurde die Dienstplangestaltung grundlegend verändert. Für eine bessere Planbarkeit werden diese drei Monate im Voraus und gemeinsam mit dem Betriebsrat erstellt. Weiterhin wurde festgehalten, dass nur zehn Dienste hintereinander geleistet werden dürfen und darauf zwei freie Tage folgen. Die Anzahl der Nachtdienste am Stück wurde auf fünf begrenzt, anschließend erfolgen zwei freie Tage. Der Betriebsrat hat außerdem durchgesetzt, dass er bei jeder Änderung des Dienstplans informiert werden und der jeweiligen Änderung zustimmen muss. Zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird zudem vermehrt auf Wünsche der Beschäftigten mit Kindern eingegangen.

Vorher konnte der Arbeitgeber machen, was er wollte.

Ingo Zimmermann, stellv. Betriebsratsvorsitzender

Hohe Zufriedenheit in der Belegschaft
Rückblickend bewertet der Betriebsrat die neue Vereinbarung als Erfolg. Dies drückte sich auch in der diesjährigen Betriebsratswahl aus, bei der das Gremium mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde. Gelobt wird die Änderung der Dienstplangestaltung und die dadurch verbesserte Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren. Ebenso hervorzuheben ist die ausgeweitete Mitbestimmung des Betriebsrats bei Änderung des Dienstplans. Eine Verbesserung des Krankheitsstandes ist jedoch nicht eingetreten, was auf eine generelle wachsende Arbeitsverdichtung zurückgeführt wird.

Weil wir als Betriebsrat da sehr streng sind und unsere Mitbestimmung da komplett in Betracht ziehen. Bei jeder Dienstplanänderung muss der Betriebsrat mit einbezogen werden.

Ingo Zimmermann, stellv. Betriebsratsvorsitzender

Fazit: Eingrenzung von Flexibilität zum Schutz der Beschäftigten
Der Betriebsrat des Martin Gropius Krankenhauses hat bewiesen, dass auch in den schwierigen Strukturen des Pflegesektors Verbesserungen im Sinne von Beschäftigten möglich sind und Mitbestimmungsrechte erweitert werden können. Durch die Betriebsvereinbarung wurden die Flexibilitätsansprüche des Arbeitgebers, durch u. a. ein striktes Kontaktverbot bei Krankheit, deutlich eingedämmt. In der Ausrichtung hat sich der Betriebsrat eng an den Bedarfen der Beschäftigten orientiert, was ihm innerbetrieblich einen hohen Zuspruch zugesichert hat. Als strategischer Vorteil erwies sich die Gefährdungsbeurteilung – sie hat die Forderungen unterstrichen und Handlungsdruck ausgeübt. Auch zukünftig werden weitere Projekte zur Verbesserung der Familienfreundlichkeit angestrebt. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in der Pflege können gute Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen dazu beitragen, den Pflegeberuf attraktiver zu machen.

Für diese Veränderungen brauchen wir ein starkes Rückgrat – den Zusammenhalt im Gremium und der Belegschaft –, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Da sind wir stark und halten durch. Das kommt dann auch allen zu Gute, auch dem Arbeitgeber.

Ingo Zimmermann, stellv. Betriebsratsvorsitzender
Martin Gropius Krankenhaus: Betriebsvereinbarung zur Familienförderung im Gesundheitssektor
Martin Gropius Krankenhaus: Betriebsvereinbarung zur Familienförderung im Gesundheitssektor | © Julia Massolle

Ingo Zimmermann
Stellvertretender Betriebsratsvorsitzender
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16225 Eberswalde
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betriebsrat@mgkh.de

Julia Massolle

aktualisiert am 09.04.2019