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Gute Praxis

Betriebsratsarbeit in der Transformation

In Richtung Arbeit 2020 – Reorga­nisation im Betriebsrat der SMS group

Wie wirkt sich die digitale Transformation auf die Arbeitswelt von morgen aus? Einblicke in die SMS group verdeutlichen, wie diese Veränderungen aussehen.

Das Unternehmen
Die SMS group GmbH produziert weltweit Hütten- und Walzwerktechniken. Das Unternehmen verfügt über mehrere Standorte in Deutschland. In Hilchenbach arbeiten 1.800 Beschäftigte. Hier werden u. a. Flachwalzwerke konstruiert und produziert.

Transformation der SMS group
Die SMS group befindet sich in Mitten der digitalen Transformation: Geschäftsmodelle werden modifiziert, Service- und Digitalleistungen am Produkt ausgebaut. Zukünftig sollen vielfältige Daten und Parameter automatisch bei der Produktion erfasst werden. Eine neue Position in der Geschäftsführung wurde eigens für die Digitalisierung geschaffen; zur Verwirklichung von Digitialisierungsideen und (agilen) Entwicklung von Produkten wurde SMS digital gegründet. Für die Beschäftigten sind die Veränderungen u. a. durch neue Tools und Softwareprogramme bemerkbar.

Zusammenarbeit zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber
Der Betriebsrat ist sich bewusst, dass die aktuellen Veränderungen im Unternehmen tatsächlich nur einen Bruchteil aller zukünftigen darstellen. Um einen Überblick zu erhalten und vorzubereiten nahm der Betriebsrat, gemeinsam mit dem Arbeitgeber, an dem Projekt ‚Arbeit 2020‘ der IG Metall teil. Dass über das Projekt hinaus zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber eine kooperative Auseinandersetzung zu Digitalisierung der Arbeitswelt erfolgt, wurde in einem Zukunftstarifvertrag festgehalten.

Die SMS group GmbH wird die interne Digitalisierung der Arbeitswelt unter dem Stichwort Arbeit 2020 eng mit den Betriebsräten abstimmen. Hierbei geht es um eine beteiligungsorientierte Einführung neuer Tools und Prozesse sowie um ein Hinterfragen/Optimieren bestehender.

Nr. 4, Anlage 1 zum Zukunftstarifvertrag SMS group GmbH vom 30. Juli 2018212 Zitat 14545

Auch in der alltäglichen Arbeit haben Betriebsrat und Arbeitgeber Prozesse umgestellt. Prozesse zu Mitbestimmungsverfahren nach §99 BetrVG wurden standardisiert und werden nun papierlos in digitaler Form abgewickelt. Ebenso wurde der Prozess zur Beantragung von Leiharbeit neu strukturiert und digitalisiert.

Der Betriebsrat in der Transformation
Doch nicht nur im Austausch mit dem Arbeitgeber, auch intern setzt sich der Betriebsrat mit den eigenen Strukturen auseinander. Der Betriebsrat beobachtet, dass die Anzahl und Verflechtung von Themen deutlich gestiegen sind. Ebenso fällt eine klare thematische Trennung zwischen den Ausschüssen immer schwerer. Neben einer gestiegenen Verantwortung je Mitglied ist mehr Vor- und Nacharbeit außerhalb von Sitzungen erforderlich. Ein wichtiger Gedanke war es eine Neu- und Umorganisation der Betriebsratsarbeit so zu gestalten, dass Ressourcen und Expertenwissen besser verteilt werden. Als absolut notwendig schätzt dabei der Betriebsrat den Aufbau der eigenen Weiterbildung ein.

Gab es früher ausreichend Zeit Projekte zu begleiten, merken wir heute, dass wir nicht mehr hinterherkommen.

Tobias Tigges, Betriebsratsvorsitzender

Der Betriebsrat stellt interne Prozesse und Organisation um: So findet generell unter den Mitgliedern eine deutliche Themenspezialisierung statt. Neben den üblichen Ausschüssen gibt es mehr betriebsratsinterne Projekte. Auch wurde die Struktur in Sitzungen umgestellt: Aufgaben werden klar benannt, vergeben und nachverfolgt. Ein anschauliches Beispiel dessen ist im Ausschuss Digitalisierung zu finden. Wurde früher die Einführung von neuen IT-Systemen im gesamten Ausschuss besprochen, werden heute bei Bedarf Arbeitsgruppen gegründet, die sich mit einzelnen IT-Systemen auseinandersetzen und Vorarbeiten leisten. Eine Bearbeitung in Arbeitsgruppen spart Ressourcen, dies sei insbesondere erforderlich, weil die Anzahl mitbestimmungspflichtiger Themen in diesem Bereich sehr zugenommen hat.

Auch hat sich der Betriebsrat von agilen Methoden inspirieren lassen und unterschiedliche Elemente übernommen. Unter den freigestellten Betriebsräten gibt es nun einen daily standup. Jeden Morgen wird in 15 Minuten berichtet, welche Themen bearbeitet werden, welche Termine anstehen oder wo es eventuelle Probleme gibt. Zur visuellen Unterstützung wird zusätzlich ein Kanban-Board eingesetzt. Die Betriebsratsmitglieder reflektieren für sich, dass ihre Arbeit effektiver geworden ist. Es wird deutlich mehr kommuniziert, offene Punkte können zeitnah angesprochen werden und Themen bleiben weniger liegen, wodurch Freiräume geschaffen wurden. Die Visualisierung über das Kanban-Board hilft Themen präsent zu behalten und nicht den Überblick zu verlieren.

Ausprobiert werden zudem neue Tools, wie MS-Teams. Ebenso wurde bei einem Treffen mit Außendienstmitarbeitenden Mentimeter benutzt und damit live Meinungsbilder der Mitarbeitenden abgefragt und dargestellt.

Was ist ein Daily Standup, ein Kanban-Board und MS Teams?

Ein daily standup ist ein Element agiler Methoden, in dem sich Teammitglieder täglich über Fortschritte und Probleme eines Projekts austauschen.

Kanban ist eine agile Methode. Ein Kanban-Board wird zum Aufgabenmanagement eingesetzt.

MS Teams (Microsoft Teams) ist eine virtuelle Plattform, die z. B. Austausch von Dateien, Terminkoordinationen, Videokonferenzen kombiniert, gehört zu Office 365.

Fazit
Die Betriebsratsarbeit verändert sich: Themen nehmen zu, werden komplexer und verdichten sich. Der Betriebsrat der SMS group Hilchenbach erwartet, dass dieser Trend anhält. Mit dem Ziel die eigenen Strukturen zu überarbeiten und Ressourcen besser zu verteilen, wird sich mit der eigenen Organisation auseinander gesetzt. Inspiriert von agilen Methoden wurden die eigene Arbeitsweise und auch gemeinsame Prozesse mit dem Arbeitgeber angepasst. Es findet weniger Ausschuss- und stattdessen mehr Projektarbeit statt. Der Betriebsrat ist sich sicher, dass auch zukünftig die eigene Struktur parallel mit den Unternehmensentwicklungen fortwährend überdacht werden muss – denn, dass die Themen und Herausforderungen zunehmen, ist sicher.

Ansprechpartner: Tobias Tigges

Julia MassolleClaudia Niewerth

aktualisiert am 28.05.2020