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Gute Praxis

Meine Zeit, mein Leben! - Arbeitszeitgestaltung

Lebensarbeitszeitkonto - Mainzer Stadtwerke

Um längere Freistellungen zu gestalten, hat sich der Betriebsrat der Mainzer Stadtwerke für die Einführung eines Lebensarbeitszeitskontos eingesetzt.

Das Unternehmen

Rund 600 Beschäftigte sind bei den Mainzer Stadtwerken angestellt. Es besteht ein hoher Altersdurchschnitt; viele Beschäftigte werden in absehbarer Zeit in den Ruhestand eintreten.

Um längere Freistellungen zu gestalten, hat sich der Betriebsrat der Mainzer Stadtwerke für die Einführung eines Lebensarbeitszeitskontos eingesetzt.

Das Unternehmen
Rund 600 Beschäftigte sind bei den Mainzer Stadtwerken angestellt. Es besteht ein hoher Altersdurchschnitt; viele Beschäftigte werden in absehbarer Zeit in den Ruhestand eintreten.

Wenn man 10, 15 Jahre im Prinzip kaum jemanden einstellt, dann fehlt diese Altersgruppe (…) Den Altersdurchschnitt hat das schon stark erhöht.

Claudia Voggeneder, stellv. Betriebsratsvorsitzende

Alterclusterung zeigt Bedürfnislagen der Beschäftigten
Um eine Übersicht über die Bedürfnislagen der Beschäftigen zu erhalten, führte der Betriebsrat eine Clusterung der Lebensphasen durch. Ein Ergebnis war, dass die Bedürfnisse derjenigen, die in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen, nicht ausreichend abgedeckt waren. Den Beschäftigten fehlte die Möglichkeit frühzeitig in den Ruhestand einzutreten. Die Wiedereinführung eines Altersteilzeitmodells schloss der Arbeitgeber aus.

Alle Altersteilzeitregelungen waren ausgelaufen. Der Arbeitgeber hat kein neues Programm aufgelegt und dann haben wir das aufgegriffen für den vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand.

Frank Vieheller, Betriebsratsvorsitzender

Der Betriebsrat wollte eine Möglichkeit schaffen, mit der Beschäftige vorzeitig aus dem Unternehmen ausscheiden können. Dabei sollte sich ein ähnlich langer Zeitraum wie bei den regulären Altersteilzeitmodellen ergeben. Anregungen erhielten die Betriebsräte durch den gültigen Tarifvertrag, der eine Öffnungsklausel für ein Langzeitkonto beinhaltete: Man griff dies auf und entwickelte in Kooperation mit dem Arbeitgeber ein eigenes Modell.

Entwicklung eines Lebensarbeitszeitkontos
Während der Erwerbszeit können Beschäftigte Guthaben auf einem Langzeitkonto ansparen. Das Guthaben kann sich aus mehreren Komponenten zusammenstellen: Teil des Bruttoentgelts, Urlaubstage, Überstunden oder Sonderzahlungen. Auf dem Langzeitkonto eingezahlt, wird das Guthaben in den entsprechenden Geldwert umgerechnet. Für den Betriebsrat war es wichtig, dass die Einzahlungen zum Schutze der Beschäftigten gedeckelt sind. Z. B. können nur maximal zwei Urlaubstage und 10 Prozent des Bruttogehaltes eingezahlt werden. Planen die Beschäftigte eine Freistellung, können sie auf das angesparte Geld zurückgreifen und enthalten als Entgeltausgleich 75 bis 125 Prozent des Bruttolohnes. Während der eigentlichen Freistellung bleiben die Beschäftigten Mitarbeiter der Mainzer Stadtwerke.

Dass man nur zwei Urlaubstage einbringen kann, darauf haben wir schon Wert gelegt, weil wir gesagt haben, wir wollen nicht, dass die Kollegen von sechs Wochen Urlaub vier Wochen einzahlen und nur zwei Wochen Urlaub machen. Urlaub dient der Regeneration.

Claudia Voggeneder, stellv. Betriebsratsvorsitzende

Ein Anspruch auf ein Lebensarbeitszeitkonto besteht ab einer halbjährigen Beschäftigung. Das Konto wird – losgelöst vom Unternehmen – durch einen externen Dienstleister verwaltet, sodass es bei einem Arbeitgeberwechsel problemlos mitgenommen werden kann. Das Konto wird digital geführt: Beschäftigte können ihre individuellen Buchungen selbst steuern. Die Konten selbst werden durch einen Anlagenausschuss überwacht, der sich aus Vertretern des Betriebsrates sowie dem Finanz- und Rechnungswesen zusammensetzt.

Vorwiegend ältere Beschäftigte nutzen Konto
Mittlerweile verfügen rund 10 Prozent der Belegschaft über ein Konto - überwiegend ältere Beschäftigte. Für den Betriebsrat wurde damit die Zielgruppe erreicht: Ältere Beschäftigte zeigen sich zufrieden und nutzen das Modell für den Vorruhestand. Rund drei bis vier Monate sind somit Beschäftigte früher aus dem Unternehmen ausgeschieden. Kritisch merken die Betriebsräte an, dass mit einem höheren Anteil jüngerer Beschäftigter gerechnet worden war. Die Betriebsräte sehen es so, dass viele Beschäftigte das Konto mit einer festen Bindung an das Unternehmen gleichsetzen. Die Möglichkeit, dieses mitnehmen zu können, wird dabei weniger beachtet. Für die Zukunft wünschen sich die Betriebsräte, das Konto würde häufiger für andere Freistellungsmöglichkeiten genutzt, etwa anlässlich eines Sabbaticals.

Auf jeden Fall positive Erfahrungen. Bei den Arbeitnehmern, die das machen, wird es positiv angenommen.

Frank Vieheller, Betriebsratsvorsitzender

Resultierend beschreiben die Betriebsräte das Lebensarbeitszeitkonto als gelungene Ergänzung zur lebensphasenorientierten Arbeitszeitgestaltung. Für die Beschäftigten sei so eine Möglichkeit geschaffen worden, ihre Freiräume zu organisieren. Kritisch reflektieren die Betriebsräte, dass dies ohne Zuzahlungen des Arbeitgebers geschehe.

Ist natürlich ein super Deal für den Arbeitgeber.

Claudia Voggeneder, stellv. Betriebsratsvorsitzende

Mittlerweile gibt es ein neues Vorruhestandsmodell. Auch vor diesem Hintergrund beurteilen die Betriebsräte das Lebensarbeitszeitkonto als zusätzliche Komponente, die keinesfalls den Umfang eines regulären Altersteilzeitmodells ersetzen kann.

Fazit: Lebensarbeitszeitkonto ermöglicht mehr Autonomie
Die Betriebsräte der Mainzer Stadtwerke haben mit dem Lebensarbeitszeitkonto eine Möglichkeit für Beschäftigte geschaffen, Freiräume in Abhängigkeit von ihren Lebensphasen zu gestalten. Damit ist der Betriebsrat dem Bedürfnis vieler Beschäftigter nach einem vorzeitigen Ruhestand gefolgt. Im Vergleich zu anderen Lebensarbeitszeitkonten zeichnet sich dieses Modell dadurch aus, dass über die üblichen Überstunden hinaus verschiedene Komponenten eingebracht werden können. Eine Besonderheit ist weiterhin, dass das Konto losgelöst vom Unternehmen verwaltet wird. Resümierend ist das Lebensarbeitszeitkonto als ergänzende Möglichkeit für Beschäftigte zu beurteilen.

Mainer Stadtwerke: Lebensarbeitszeitkonto ermöglicht frühzeitigen Ausstieg
Mainzer Stadtwerke: Lebensarbeitszeitkonto ermöglicht frühzeitigen Ausstieg | © Julia Massolle

Claudia Voggeneder, stellv. Betriebsratsvorsitzende
Frank Vieheller, Betriebsratsvorsitzender

Rheinallee 41
55118 Mainz
Tel. +49 (0) 6131 126050
claudia.voggeneder@mainzer-netze.de 
betriebsrat@mainzer-netze.de

Julia Massolle

aktualisiert am 09.04.2019