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Gute Praxis

Betriebsratsarbeit in der Transformation

Neuausrichtung der Betriebsratsarbeit mit §28a des BetrVG – Merck KGaA

Wie sieht die Mitbestimmungskultur der Zukunft aus? Mit der konsequenten Umsetzung des §28a restrukturiert der Betriebsrat seine Organisation und ermöglicht so die Beteiligung von Beschäftigten an der Betriebsratsarbeit.

Das Unternehmen
Die Merck KGaA ist ein Wissenschafts- und Technologieunternehmen, das unter anderem Forschung und Entwicklung von Medikamenten und Diagnoseverfahren betreibt. Am Hauptsitz in Darmstadt arbeiten 11.000 Personen.

Transformation von Merck
Große strukturelle Veränderungen gab es bei Merck seit jeher. Aktuell spiegelt sich auch hier die Entwicklung in Richtung einer digitalen Transformation wider: u. a. in veränderten Produktportfolio und Arbeitsabläufen. Hieraus ergeben sich vielfältige Handlungs- und Gestaltungserfordernisse für den Betriebsrat. Grundsätzlich sieht sich der Betriebsrat als proaktiver Gestalter. Der Prozess der digitalen Transformation erfordert eine enge Begleitung mit neuen Mitbestimmungsformen. Zur Umsetzung einer neuen Konzernstruktur und zur sozialverträglichen Gestaltung der Transformation wurde zwischen den Sozialpartnern ein Strukturtarifvertrag ausgehandelt. Dieser bildet die Grundlage zur betriebsrätlichen Anwendung des §28a BetrVG.

Hintergrund: der Wandel der Arbeitswelt und Herausforderungen für den Betriebsrat
Zu der Entscheidung den §28a BetrVG aktiv in die Betriebsratsorganisation einzubauen, haben mehrere Entwicklungen beigetragen: So hat sich die grundsätzliche Struktur durch die Gründung eines Gemeinschaftsbetriebsrat und durch die Reduzierung der Betriebsratsmandate von 45 auf 37 verändert. Zudem nahm der Betriebsrat zentrale Veränderungen seiner Arbeit und Rolle wahr. Spürbar hat die Veränderungsgeschwindigkeit, Themenanzahl und deren Komplexität zugenommen. Auch haben sich die Bedürfnisse der Beschäftigten verändert; sie sind deutlich heterogener geworden. Wie kann der Betriebsrat die Beschäftigen mit ihren vielfältigen Bedürfnissen auch weiterhin erreichen?

Die Reorganisation der Konzernstruktur wird daher vom Gemeinschaftsbetriebsrat genutzt, um sich selbst entsprechend den Umwelterfordernissen, den Beschäftigtenbedürfnissen und einer neuen Mitbestimmungskultur aufzustellen.

Vorteile und Ziele
Kern der neuen Mitbestimmungskultur ist eine direktere Beteiligung von Beschäftigten durch die Anwendung des §28a BetrVG. In der Anwendung werden verschiedene Vorteile gesehen:

  • Unterstützung des partizipativen Verständnisses der Mitbestimmung
  • Förderung des Austausches zwischen Beschäftigten und Betriebsrat
  • Ressourcen- und Kapazitätsgewinnung
  • Gewinnung von Expertenwissen
  • Gewinnung von potenziell neuen Betriebsräten

Durch die Anwendung von Paragraph 28a kann man ein Stück mehr den Wandel der Arbeitswelt gemeinsam und demokratischer mit den Beschäftigten gestalten.

Sascha Held, stellv. Betriebsratsvorsitzender

Wichtige Regelungen um die Anwendung von §28a BetrVG
Die Grundlage für die Anwendung bildet der bereits erwähnte Strukturtarifvertrag. Hierauf aufbauend wurde eine Umsetzungsvereinbarung über eine gemeinsame Strategie zur Förderung von Betriebsratsarbeit mit dem Arbeitgeber ausgehandelt. Sie formuliert als wichtigste Regelung, dass der Betriebsrat grundsätzlich Aufgaben auf Arbeitsgruppen und Ausschüsse übertragen darf. Beide dürfen aus Betriebsratsmitgliedern und Mitarbeitenden bestehen. Zudem besteht die Möglichkeit, dass alle Mitglieder der Arbeitsgruppen und Ausschüsse Weiterbildungen wahrnehmen. Vorgesetzte und HR werden vorab über die Einbindung eines Mitarbeitenden informiert. HR unterstützt das Vorgehen und den Prozess. Zur näheren Ausgestaltung der Regelungen wurden diese in die Geschäftsordnung des Betriebsrates aufgenommen.

Mit der Aushandlung der Rahmenregelungen wurde im Gremium der Beschluss gefasst, alle Ausschüsse und Themenverantwortungen als §28a BetrVG zu führen – mit Ausnahme des Betriebsausschusses. Ca. 65 sachverständige Beschäftigte sind aktiv eingebunden.

Fazit
Wie sieht die Mitbestimmungskultur der Zukunft aus? In der strukturellen Anwendung des §28a BetrVG wurde eine Lösung gesehen, wie auch zukünftig der Einfluss und die Qualität der Mitbestimmung bewahrt bleiben können. Die Betriebsräte begrüßen die flexible Gestaltungsmöglichkeit zur Zusammenstellung und Besetzung der Organe. Für die Mitarbeit werden gezielt Beschäftigte angesprochen, die über fachliche Expertise verfügen oder die Betriebsratsarbeit durch andere Fähigkeiten bereichern. Es ist gelungen reguläre Betriebsratsmitglieder zu entlasten und wichtige Ressourcen einzusparen. Den Betriebsräten ist bewusst, dass dies umgekehrt nicht dazu führen darf, dass die Beschäftigten einer Mehrarbeit ausgesetzt sind. Die Vorgesetzte sind angehalten die Arbeitsvolumen der Mitarbeitenden an die geänderten Anforderungen anzupassen. Bei Problemen werden Gespräche geführt. Die Stunden, die im Rahmen der Anwendung des §28a geleistet werden, werden auf die Kostenstelle des Betriebsrates übertragen.

Die strukturelle Anwendung des § 28a BetrVG sorgt nicht nur für eine umfangreiche Arbeits- und Aufgabenverteilung, sondern steht sinnbildlich für ein neues Verständnis der Betriebsratsarbeit und ihrer Rolle. Im Vordergrund steht dabei die Beteiligungsorientierung, die mit einer weitreichenden Demokratisierung einhergeht. Die Betriebsräte schildern, dass ein Umdenken hinsichtlich der Rolle des Betriebsrates stattgefunden hat. Der § 28a BetrVG bietet die Möglichkeit, trotz gestiegener Anforderungen den Kontakt zu den Beschäftigten nicht zu verlieren, im Gegenteil: Sie können in der Betriebsratsarbeit entscheidend mitgestalten.

Mit unserem Beispiel wollen wir anderen Betriebsräten Mut zusprechen vertrauensvoll die Beschäftigten aktiv miteinzubeziehen.

Sascha Held, stellv. Betriebsratsvorsitzender

Ansprechpartnerin: Sandra Monja Scherer

Julia MassolleClaudia Niewerth

aktualisiert am 28.05.2020