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Neues Schichtsystem für mehr Erholung - Lear Corporation

Der Betriebsrat des Lear Corporation Wismar setzt gegen erheblichen Widerstand ein neues Schichtsystem um, das den Beschäftigten mehr Freizeit ermöglicht.

Das Unternehmen
Das Werk in Wismar ist einer von 240 Produktionsstandorten, bei dem rund 270 Beschäftigte arbeiten.

Die Tarifbindung zurückholen: eine Motivation des Betriebsrats
Dem neuen Schichtmodell vorausgegangen war die Zurückgewinnung der Tarifbindung. Der ausgehandelte Übergangstarifvertrag sah vor, dass die üblichen tariflichen Regelungen des Bezirkes wieder greifen und die Entgelte stufenweise an das Tarifniveau angepasst werden. Entgegen der bisherigen Praxis wurde ein Sieben-Tage-Schicht-Modell in der Produktion eingeführt und die Pausen nicht mehr vergütet. Als Folge erhöhte sich die wöchentliche Arbeitszeit auf die in der Region üblichen 38 Stunden. Diese Zugeständnisse seien „bittere Pillen“ gewesen, ohne die jedoch eine Tarifbindung nicht erreicht worden wäre, so der Betriebsrat.

Veränderte Rahmenbedingungen führen zur Unzufriedenheit
Rund hundert Beschäftigte arbeiten in der Produktion bei ganzjährigen Temperaturen von 30 bis hin zu mehr als 35 Grad Celsius. Ohne die bezahlten Pausen ist deutlich weniger Erholung möglich. Das geleistete Stundenkontingent wuchs, gleichzeitig kam es vor, dass nach einem Arbeitsblock von sieben Tagen lediglich 1 ½ freie Tage gewährt wurden. Ergänzend dazu, so schildern die Betriebsräte, hatte sich über die Jahre das Arbeitsvolumen deutlich verdichtet. Dort wo früher sechs Maschinen von einem Beschäftigten bedient wurden, sind es heute bis zu zwölf.

Die enorme körperliche Beanspruchung mit gesundheitsgefährdenden Fehlbelastungen war eine Sorge. Unter den Beschäftigten machte sich ein Gefühl breit, schikaniert, ungerecht und nicht wertschätzend für die harte körperliche Arbeit behandelt zu werden. Diese intensive Unzufriedenheit in der Belegschaft war von den Betriebsräten nicht erwartet worden.

Wir haben das auch ein bisschen unterschätzt in der Tarifkommission. Das muss man auch wirklich so sagen. Wir haben gedacht, das passt schon, wenn die Kolleginnen und Kollegen 15 % mehr Geld durch die Tarifbindung haben.

Andreas Schulz, Betriebsratsvorsitzender

Entwicklung von zwei alternativen Schichtmodellen
In Workshops mit den Beschäftigten konkretisierte der Betriebsrat die Wünsche und Forderungen. So wurden zwei neue Schichtmodelle entwickelt, die eine Rückkehr zur 35-Stunden-Woche sowie 16 Tage mehr Freizeit ermöglichten.

Wenn wir [tariflich] voll angeglichen sind, ist es unsere erste Aufgabe, dass wir die 35h für unsere Schichtarbeiter zurück erkämpfen. So haben wir das dann auch in Angriff genommen.

Andreas Schulz, Betriebsratsvorsitzender

Durchsetzung der Forderungen trotz heftiger Gegenwehr
Das Management lehnte ein neues Schichtsystem grundlegend ab und argumentierte mit deutlichen Mehrkosten. So verschärften sich Anspannung und Konflikte im Betrieb. Der Betriebsrat ging einen Schritt weiter: Er kündigte die Betriebsvereinbarung über das bestehende Schichtsystem. Das Amt für Gesundheit und Soziales wurde informiert, dass mit der Kündigung die Arbeit am Wochenende nicht mehr zulässig sei. Die Wirkung war eine alarmierte Werksleitung, die drohte, das Werk zu schließen. Im Nachhinein brachte der eskalierte Konflikt die Wende und führte zu ernsthaften Verhandlungen. Der Druck auf die lokale Werksleitung durch das europäische Management, jetzt schnell eine Lösung zu finden, war immens.

Dann haben wir die Einigungsstelle angerufen und dann ging es los. Dann wurde es erstmal ernst genommen, was wir hier machen wollen.

Jörg Fischer, stellv. Betriebsratsvorsitzender

Nach über fünfzig Verhandlungen und zehn Sitzungen der Einigungsstelle konnte eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen werden. Dabei hatte sich der Einigungsstellenleiter einem Schichtmodell des Betriebsrates angeschlossen. Nur noch maximal sechs Schichten bei mindestens zwei bis vier freien Tagen in Folge sind jetzt möglich.

Befragung zeigt hohe Zufriedenheit mit dem neuen Schichtsystem
Nach einem Jahr im neuen Schichtsystem befragte der Betriebsrat die Belegschaft. Mit einem Anteil von 80 Prozent wurde eine Rückkehr zum alten Sieben-Tage-Block-Modell abgelehnt. Diese Antwort bestätigte den Betriebsrat in seinem Handeln.

Dadurch haben die Kollegen 16 Tage in 56 Wochen mehr Freizeit.

Jörg Fischer, stellv. Betriebsratsvorsitzender

Rückblickend beurteilt der Betriebsrat die Betriebsvereinbarung als vollen Erfolg. Er ist überzeugt, dass damit Erkrankungen vorgebeugt werden. Die hartnäckigen Verhandlungen haben eine hohe Akzeptanz des Betriebsrates in der Belegschaft erwirkt. Mit den neuen Regelungen ist der Arbeitgeber attraktiver für neue Arbeitskräfte geworden: angesichts eines zunehmenden Fachkräftebedarfs ein wichtiges Argument, das mittlerweile auch von der Werksleitung als Werbemittel eingesetzt wird. Auch zukünftig orientiert sich der Betriebsrat am Zeitgeist der Beschäftigten, die mehr Autonomie einfordern.

Deswegen ist das immer noch ein Werdegang, den wir weiterverfolgen und neu bewerten. Das Ding lebt immer noch. Im Prinzip ist das alles ein ständig zu verbessernder Prozess.

Jörg Fischer, stellv. Betriebsratsvorsitzender

Fazit: neues Schichtmodell sorgt für mehr Erholung
Den Betriebsräten der Lear Corporation Wismar ist es gegen erheblichen Widerstand gelungen, die Bedingungen bei der Arbeitszeitgestaltung zu optimieren. Dabei wurden Lösungen erarbeitet, die auf die Bedürfnisse der Beschäftigten ausgerichtet sind, die im direkten Austausch erfasst wurden. Durch das Vorgehen des Betriebsrates ist der interne Rückhalt enorm gestiegen. Für sein mutiges Engagement erhielt der Betriebsrat die Silber-Auszeichnung beim Deutschen Betriebsrätetag.

Es war schwieriger das optimierte 21-Schichtmodell durchzusetzen, als den Tarif zurück zu erkämpfen.

Jörg Fischer, stellv. Betriebsratsvorsitzender
Lear Corporation Wismar: Neues Schichtsystem mit mehr Freizeit und Erholungspausen
Lear Corporation Wismar: Neues Schichtsystem mit mehr Freizeit und Erholungspausen | © Julia Massolle
Andreas Schulz

Andreas Schulz
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Jörg Fischer

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Julia Massolle

aktualisiert am 09.04.2019