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Gute Praxis

Meine Zeit, mein Leben! - Arbeitszeitgestaltung

Sicherung der Altersfreizeittage - Renolit

Der Betriebsrat der Renolit, Niederlassung Frankenthal, setzte sich gegen den Verfall von Altersfreizeittagen ein.

Das Unternehmen
Das Werk in Frankenthal ist eines von fünf Produktionsstandorten der Renolit-Gruppe in Deutschland. Rund 360 Personen sind hier beschäftigt, die Hälfe davon arbeitet im Schichtsystem.

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Die Altersfreizeit der Chemiebranche

Die Altersfreizeit ist seit vielen Jahren Bestandteil des Manteltarifvertrags in der Chemiebranche. Sie regelt zusätzlichen Freizeitanspruch bei vollem Lohnausgleich in Abhängigkeit von Alter und Arbeitsmodell. Eingeführt wurde sie, um durch zusätzliche Regenerationsphasen die Belastung von älteren Beschäftigten zu senken. Ein Anspruch auf 2,5 Stunden Altersfreizeit pro Woche besteht ab 57 Jahren. Beschäftigte, die in einem kontinuierlichem Schicht- oder in einem Zweischichtsystem arbeiten, erhalten diesen Ausgleich bereits ab 55 Jahren. Arbeiten Beschäftigte länger als 15 Jahre in einem vollkontinuierlichem Wechselschichtsystem, erhöht sich die Altersfreizeit auf 3,5 Stunden pro Woche. Grundsätzlich kann der Zeitpunkt der Altersfreizeit frei zwischen den Betriebsparteien vereinbart werden. Für Beschäftigte in Schichtsystemen wird die Altersfreizeit mehrerer Wochen zu Freischichten zusammengeführt.

Die betriebliche Ausgangslage: Verfall von Altersfreizeit
Kern einer Betriebsvereinbarung ist die in der Chemiebranche vereinbarte Altersfreizeit. Ab einer bestimmten Altersgrenze und zusätzlich bei Schichtarbeit, stehen den Beschäftigten jährlich 130 – 182 freie Stunden zur Regeneration zu. Bei Renolit sind die Altersfreizeittage wegen des hohen Durchschnittsalters und hohen Krankenstandes ein wichtiges Element in der Arbeitszeitgestaltung. Aktuell haben 40 Prozent der Beschäftigen Anspruch; in den nächsten drei Jahren wird der Anteil auf 50 Prozent steigen. Wegen der hohen gesundheitlichen Belastung ist die Altersfreizeit besonders für Beschäftigte im Schichtdienst wichtige Erholungszeit.

Auslöser, sich mit den Altersfreizeittagen auseinanderzusetzen, war eine fragwürdige Praxis der Personalabteilung: Hatte ein Beschäftigter Urlaub, verfiel nicht nur der Anspruch auf Altersfreizeit, sondern es gab zudem einen Abzug vom AZV-Konto. Der Unmut über diese Handhabung war unter den Beschäftigten immens.

Das hat den Leuten mächtig gestunken, dass sie die Altersfreizeit umgewandelt bekommen haben und haben es dann durch die AZV abgezogen bekommen, (…). Für uns war das ein wichtiger Grund bei der Geschichte und wir haben dann versucht eine Regelung zu implementieren.

Stefan Köglmeier, Betriebsratsvorsitzender

Konfliktreiches Klima im Unternehmen
Die Betriebsräte des Werkes hatten sich das Ziel gesetzt, keine Ansprüche der Beschäftigten mehr verfallen zu lassen.

Gar kein Tag wird in Abzug gebracht, weil diese Altersfreizeittage haben ihre Berechtigung, wir sehen das nicht ein, dass hier was abgezogen wird.

Stefan Köglmeier, Betriebsratsvorsitzender

Die Werksleitung lehnte jede Verhandlung und jeden Kompromiss kategorisch ab. In diesem Zusammenhang schildert der Betriebsrat, dass nicht nur beim Thema Altersfreizeittage, sondern generell ein sehr konfliktreiches Verhältnis bestehe: Unzählige Forderungen des Betriebsrates und selbst die Teilnahme an Fortbildungen würden regelmäßig in Frage gestellt.

Ein langer Aushandlungsprozess mit zahlreichen Sitzungen
Bis zum Abschluss der Betriebsvereinbarung sollten zwei Jahre mit zahlreichen Verhandlungen und Sitzungen bei Einigungs- sowie Schiedsstellen vergehen. Mit gewerkschaftlicher Unterstützung wurde eine erste Betriebsvereinbarung entworfen. Der Durchbruch im Aushandlungsprozess gelang erst durch die Klage eines Beschäftigten. Das Landesarbeitsgericht entschied für den Beschäftigten: Altersfreizeit darf nicht im Urlaub verfallen.

Das war für uns die Berechtigung zu sagen: ich habe Recht gekriegt, also können wir loslegen, was die Firma allerdings nicht akzeptiert hat.

Stefan Köglmeier, Betriebsratsvorsitzender

In einer Schiedsstelle wurde schließlich die Betriebsvereinbarung abgeschlossen. Als Kompromiss wurde vereinbart, dass alle Beschäftigten auf ein bis zwei Tage der Altersfreizeit verzichten. Der Anspruch auf alle anderen Altersfreizeittage bleibt restlos bestehen. Zudem wurde ein flexiblerer Umgang vereinbart, so dass mehrere Tage nun zu größeren Freizeitblöcken zusammengestellt werden können.

Betriebsvereinbarung brachte positive Veränderung
Mit der Umsetzung der Betriebsvereinbarung zeigt sich der Betriebsrat rundum zufrieden. Die schwierigen Auseinandersetzungen haben deutlich den Rückhalt der Belegschaft für den Betriebsrat gestärkt.

Die Leute planen am Jahresanfang ihre Altersfreizeit, die Tage, die ihnen zustehen und seitdem gibt es auch keine Unruhen mehr im Haus.

Stefan Köglmeier, Betriebsratsvorsitzender

Weiterer Handlungsbedarf beim Thema Arbeitszeit wird von den Betriebsräten in der Produktion gesehen. Gerne würde der Betriebsrat ein gesundheitsschonenderes und familienfreundlicheres Schichtsystem entwickelt. Beides sind seiner Einschätzung nach wichtige Komponenten bei der Gewinnung von Fachkräften. Im unmittelbaren Umkreis gäbe es Unternehmen mit deutlich attraktiveren Schichtmodellen – viele ehemals Beschäftigte hätten bereits zu dieser Konkurrenz gewechselt. Auch wäre ein neues Schichtmodell ein erster wichtiger Schritt, den hohen Krankenstand im Unternehmen abzubauen.

Für die Zukunft wünscht sich der Betriebsrat deutlich mehr Zugeständnisse der Werksleitung, um die harte Arbeit der Beschäftigten wertzuschätzen. Ebenso wäre Kooperationsbereitschaft erstrebenswert, um zukünftig gerichtliche Auseinandersetzungen – nicht zuletzt wegen der hohen Kosten – zu vermeiden.

Fazit: Durchsetzung der Forderung gegen erheblichen Widerstand
Bemerkenswert für das Fallbeispiel Renolit Frankenthal ist der überaus hohe Durchsetzungswille der Betriebsräte. Gegen erheblichen Widerstand haben sie an ihrer Vorstellung einer fairen Arbeitszeitgestaltung im Sinne der Beschäftigten festgehalten. Den Durchbruch erzielte man durch die Klage eines Beschäftigten. Dies zeigt, dass jeder Einzelne zur Umsetzung guter Arbeits- bzw. Beschäftigungsbedingungen beitragen und das Engagement des Betriebsrates unterstützen kann. Inhaltlich hat sich der Betriebsrat für eine tariflich fixierte Arbeitszeitkomponente eingesetzt. Dadurch wird deutlich, dass Tarifverträge ein wichtiges Gerüst bei der Gestaltung von Arbeitszeit darstellen, deren Umsetzung auf der betrieblichen Ebene jedoch weiterer Regulierung bedarf.

Stefan Köglmeier
Betriebsratsvorsitzender
Franz-Nissl-Str. 2
67227 Frankenthal
Tel. +49 (0) 6233 3211333
stefan.koeglmeier@renolit.com

Julia Massolle

aktualisiert am 09.04.2019