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Industrieregion Schweinfurt

Innovationsnetzwerk: Zukunftsfelder erkunden und mitgestalten

Technologische Umbrüche, hohe Rohstoffpreise und neue Wettbewerber gefährden die industrielle Basis der Region Main-Rhön. Ein regionales Innovationsnetzwerk erkundet Zukunftsfelder wie die Raumfahrt.

Key Visual der Förderlinie Transformation

„Die nächsten Jahre könnten brutal werden“, betitelte die Süddeutsche Zeitung am 21. Dezember 2024 einen Beitrag zur schwierigen Situation in der Industrieregion Main-Rhön. Seit Anfang 2024 sind bereits rund 3.500 Industriearbeitsplätze verloren gegangen – ein Trend, der sich durch bereits beschlossene Abbauprogramme weiter verschärfen wird. In Schweinfurt haben große Automobilzulieferer wie ZF und Wälzlagerhersteller wie Svenska Kugellagerfabriken (SKF) und Schaeffler ihren Sitz. Sie alle boten in der Region über Jahrzehnte Hightech-Produktion, Know-how-Sprünge wie auch Arbeitsplätze mit hochkompetenten und motivierten Führungskräften und Beschäftigten.

Die IG Metall in Schweinfurt will sich mit dem massiven Arbeitsplatzabbau nicht abfinden, zumal es sich um Zukunftsbranchen handelt, in die die Unternehmen in der Region investiert haben. ZF und Preh (Bad Neustadt an der Saale) entwickeln und produzieren für die E-Mobilität, Schaeffler und SKF unter anderem Lager für die Windkraft. In der Nähe, im Raum Würzburg, hat sich über die Jahre ein Cluster für Raumfahrt und Satellitentechnik etabliert. Dazu kommt eine aktive Gründerszene. Insgesamt verfügt die Region über viel Sachkompetenz und Potenzial, um dort neue Märkte anzusiedeln und langfristige Zukunftsperspektiven zu entwickeln.

Weckruf zeigte Wirkung

Anfang 2024 hatte die Gewerkschaft bereits mit ihrer Initiative „SOS Kugellagerstadt – Zukunft für die Industriearbeit in Schweinfurt“ einen Weckruf an die Öffentlichkeit gerichtet. Sie fordert, die Region und ihr Potenzial an Produktionstechnik und Kompetenzen zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.

Höhepunkt der Gewerkschaftsaktivitäten war ein Aktionstag im April 2024 mit 5.000 Menschen, größtenteils aus den großen Industriebetrieben rundum. Dieser hatte selbst in der Bayerischen Landesregierung für Aufmerksamkeit gesorgt. Unter anderem auf Druck der Metallerinnen und Metaller hin, kündigte der bayerische Ministerpräsident schließlich an, 60 Millionen Euro für die Zukunftsentwicklung von Main-Rhön investieren zu wollen.

Uns war wichtig, die betrieblichen mit den regionalen Akteur*innen zusammenzubringen, um so den Blick auf die Region und deren Potenziale zu vertiefen.

Tobias Ritter, Projektleiter vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung – ISF München

Parallel dazu weitete die IG Metall ihre Kontakte zu den regionalen Unternehmen, Wirtschaftsförderungen wie auch Vertreter*innen aus Wissenschaft und Politik aus. „Wir wollten unbedingt vom Reden ins Handeln kommen und als kompetente Partnerin wichtige Impulse für die Zukunftsentwicklung der Region setzen“, betont Jens Knüttel, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Schweinfurt.

Es geht der Gewerkschaft darum, in einem gemeinsamen Prozess zusammen mit den relevanten regionalen Akteur*innen die Potenziale der Region Main-Rhön zu analysieren und neue Zukunftsfelder und -chancen für die ansässigen Unternehmen auszuloten. Wichtig ist ihr dabei, industriepolitische Synergien zwischen Betrieben und der Region zu erzeugen.

Um einen derartigen regionalen Dialog in Gang zu bringen, sollten neue industriepolitische Gestaltungsfelder in den Betrieben und in der Region durch eine wissenschaftliche Untersuchung erhoben werden. Sowohl hierfür als auch für den Aufbau eines solchen regionalen Innovationsnetzwerks beantragte sie wissenschaftliche Begleitung im Rahmen der Förderlinie Transformation der Hans-Böckler-Stiftung, die durch das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF München) geleistet wurde. Projektleiter sind Tobias Ritter, Norbert Huchler und Alexander Ziegler vom ISF.

Regionalanalyse als Basis für den Dialog

 „Wir hatten uns vorgenommen, den Dialog mit den regionalen Akteur*innen mit einem inhaltlichen Input in Gang zu bringen“, berichtet Tobias Ritter vom ISF. „Deshalb begannen wir damit, eine fundierte Regionalanalyse zu erarbeiten.“ Dafür sichteten er und Mitarbeiter*innen des Instituts vorhandene Studien zur Situation der Industrie in der Region Main-Rhön und sprachen mit Expert*innen der IG Metall, des DGB, mit Betriebsräten und regionalen Entscheider*innen.

Die Bestandsaufnahme nennt als zentrale Herausforderungen für die Region: fortschreitende Dekarbonisierung, Digitalisierung und Automatisierung der Produktion sowie vulnerable Lieferketten. Hinzu kommen Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, Fachkräftemangel, Preissteigerungen bei Materialien und Energie. Als zentrale Stärken der Region stellt sie dagegen: Infrastruktur und Unternehmensdichte, relevante Zukunftsfelder in der Robotik, Sensortechnik, Kreislaufwirtschaft und vernetzten Mobilität genauso wie Expertise, Innovationskraft und breites Erfahrungswissen der Beschäftigten in den ansässigen Betrieben.

Parallel zur Regionalanalyse wurden nach ähnlichem Muster vier Betriebsfallstudien bei Unternehmen aus dem Maschinenbau und der Automobilzulieferindustrie durchgeführt, die in der Industrieregion Main-Rhön stark vertreten sind (ZF, Schaeffler, SKF und Preh). Das Ziel: Kernkompetenzen und Beschäftigungspotenziale zur Erschließung von Zukunftsprodukten herauszuarbeiten.

Handlungsfelder langfristig ausgestalten

Aus den Analysen, Fallstudien und vielen örtlichen Gesprächsrunden mit den Expert*innen konnten schließlich sechs Handlungsfelder für eine gezielte Weiterentwicklung der Region Main-Rhön hergeleitet werden. Dabei stieß unter den Befragten ein Handlungsfeld auf besonderes Interesse: „Zusammenarbeit von Industrie und New Business“. Denn inzwischen hat sich im Umfeld eine Reihe von Start-ups dort angesiedelt – insbesondere in den Wirtschaftsfeldern Raumfahrt und Satellitentechnik.

Welche Potenziale gerade diese Bereiche für die ansässigen Industrieunternehmen enthalten, konnte dank der engen Kontakte der engen Kontakte der IG Metall und des ISF zum Zentrum für Telematik e.V. (ZfT) in Würzburg mithilfe eines sozialpartnerschaftlich organisierten Workshops vertieft erkundet werden. An ihm nahmen Spezialist*innen und Betriebsräte aus sechs Betrieben aus der Region teil.

Hierbei verwies Klaus Schilling, Professor für Robotik und Telematik am ZfT, auf die enormen Wachstumschancen im Feld „New Space“ und auf die damit verbundenen Chancen insbesondere für Automobilzulieferer und Maschinenbauunternehmen. Besondere Schnittmengen gebe es auf dem Gebiet von Leichtbau, Mechatronik, Präzisionsfertigung sowie Systemen zur Qualitätssicherung. Es existiere außerdem ein „Raumfahrt-Ökosystem“ aus Hochschule, Start-ups und Firmen in diesem Wirtschaftsfeld, das bereits großes Interesse an Technologietransfer und Partnerschaften mit Industrieunternehmen bekundet habe.

Mittlerweile hat der regionale Schulterschluss eine neue Qualität erreicht. Das zeigte sich Ende November 2025 auf einer Regionalkonferenz der IG Metall, bei der die Ergebnisse der Regionalanalyse mit prominenten Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft und der Wirtschaft intensiv diskutiert wurde. Der Stein für mehr regionale Kooperation ist ins Rollen gekommen.

Anprechpersonen des Projekts:

Projektleitung:
Tobias Ritter, Norbert Huchler und Alexander Ziegler, ISF München

Kooperationspartner:
Thomas Höhn und Jens Knüttel, IG Metall Schweinfurt

Key Visual der Förderlinie Transformation

Förderlinie Transformation

Es gibt viele Treiber von Transformationsprozessen: Digitale Transformation, Klimawandel, Energiekrise etc. Folgen sind hoher Veränderungsdruck in Betrieben, Branchen und Regionen und für die dort arbeitenden Menschen. Im Zentrum der Förderlinie steht: Wir bringen Erfahrungswissen und akademisches Wissen gewinnbringend zusammen – betrieblich, regional, lösungsorientiert. Das Ziel ist, mit kurzformatigen Projekten dem hohen Veränderungsdruck in der Arbeitswelt Rechnung zu tragen. Die Veränderungsdynamiken und ihre Anforderungen an Mitbestimmungsprozesse und ihre Akteure sollen wissenschaftlich beraten und begleitet werden.

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