Energiesektor sucht weibliche Fachkräfte
Qualifizierung von Frauen in Teilzeit gezielt fördern
Die Steag Iqony Group will ihr Fachkräftepotenzial ausweiten. Gemeinsam mit dem Betriebsrat und der IGBCE ist das Unternehmen dabei, Frauen in Teilzeit gezielt Schulungsangebote zu unterbreiten.
Der sozial-ökologische Umbau braucht viele qualifizierte Fachkräfte – gerade in einem Großraum wie dem Ruhrgebiet. Wie etliche Unternehmen setzt deshalb auch die Steag Iqony Group mit Hauptsitz in Essen verstärkt auf berufliche Weiterbildung. Damit will sie den eigenen Fachkräftenachwuchs sichern und zugleich Beschäftigte für neue Tätigkeiten des Energiekonzerns im Kontext der Energiewende und forcierten Digitalisierung qualifizieren.
Ein hohes Fachkräftepotenzial, das es weiterzuentwickeln gilt, sieht das Unternehmen besonders bei den weiblichen Beschäftigten. Bei der Steag ist gut ein Sechstel der Beschäftigten weiblich, davon arbeiten 33 Prozent in Teilzeit; Männer sind dort nur zu 2,3 Prozent teilzeitbeschäftigt. Dieser Unterschied spiegelt sich auch bei der Weiterbildung wider: Im Jahr 2024 plante das Unternehmen Qualifizierungen für 52 Prozent der Männer, aber nur für 16 Prozent der Frauen. Real wurden zu diesem Zeitpunkt 39 Prozent der männlichen, aber nur elf Prozent der weiblichen Beschäftigten weitergebildet.
Rahmenbedingungen verbessern
Mit diesem Ergebnis waren der Betriebsrat und die IGBCE unzufrieden. Für sie stellte sich die Frage nach geeigneten Rahmenbedingungen, um die Teilnahme insbesondere teilzeitbeschäftigter Frauen an Qualifizierungen zu fördern. Deshalb wandten sie sich an das Helex-Institut in Bochum, um gemeinsam herauszufinden, was diese besondere Beschäftigtengruppe daran hindert, Weiterbildungsmaßnahmen wahrzunehmen und wie diese idealerweise ausgestaltet sein sollten. Hierzu führte das Institut Expert*inneninterviews, Befragungen und Workshops mit in Teilzeit beschäftigten Frauen durch.
Als große Hürde für die geringere Inanspruchnahme von Weiterbildung nannten die befragten Frauen unpassende zeitliche und örtliche Vorgaben bei den Bildungsangeboten, die mit ihrer Teilzeitarbeit und den familiären Belangen nicht vereinbar waren. Viele vermissten auch die Unterstützung durch Vorgesetzte. Selbstkritisch räumten manche von ihnen allerdings ein, eigene Karriereabsichten nicht konsequent zu verfolgen und deshalb auf Qualifizierung zu verzichten.
„Es ist verblüffend, wie viele Frauen ihre Arbeit noch immer als Zuverdienst begreifen und bereit sind, diese ständig den familiären Notwendigkeiten unterzuordnen“, berichtet Claudia Niewerth, Geschäftsführerin des Helex-Instituts. Selbst hoch qualifizierte Frauen in Teilzeit sähen sich oft nicht als „vollwertige“ Beschäftigte und seien deshalb wenig verwundert, wenn ihnen das Unternehmen Weiterbildung nicht anböte. „Aus ihrer Position als Teilzeitarbeitende heraus fühlen sich viele Frauen nicht berechtigt, Forderungen zu stellen“, ergänzt Verena Peters, Betriebsratsmitglied bei der Steag Iqony Group. Es beschäme sie eher, nicht „vollwertig“ zu arbeiten und dennoch Ansprüche zu stellen. „In den Workshops ist allerdings ein neues Selbstbewusstsein erwacht“, so die Betriebsrätin.
Die eigene Rolle hinterfragen
Für Niewerth liegt hier ein zentraler emanzipatorischer Ansatzpunkt: Frauen in Teilzeit brauchen einen Raum, in dem sie aus dem Schatten der Teilzeitarbeit heraustreten und ihre berufliche Rolle wie auch ihre Perspektiven für eine Teilzeittätigkeit kritisch hinterfragen können. Diesen Raum könnten speziell für sie ausgestaltete Qualifizierungsangebote füllen – dazu zählen Frauen- und Teilzeitnetzwerke, Praktika in Führungspositionen und Coachings. Vor allem der direkte Austausch sei ihnen wichtig, betont Niewerth. Denn mit ihren Sorgen und im täglichen Ringen, den familiären als auch beruflichen Ansprüchen genügen zu wollen, fühlten sie sich oft allein gelassen. „Sie möchten wissen, wie andere den Spagat schaffen, brauchen Vorbilder und wollen sich vernetzen.“
Erstaunlich ist, dass die Steag ihren 166 teilzeitarbeitenden Frauen aktuell rund 140 Teilzeitmodelle anbietet – wahlweise zwischen 12 und 35 Stunden, konzentriert auf mehr oder weniger Wochentage, eher vormittags oder nachmittags. Diese Flexibilität wünschen sich die in Teilzeit beschäftigten Frauen auch bei den Qualifizierungsangeboten. „Aber bisher werden vorzugsweise ganz- und mehrtägige Fort- und Weiterbildungen angeboten“, so Niewerth.
Nadine Stang, Referentin Personalentwicklung, Steag Power GmbHDie diskutierten Weiterbildungsmodelle und die zahlreichen eingebrachten Ideen werden wir im Nachgang vertiefen und gezielt in die Gestaltung unserer Weiterbildungslandschaft einfließen lassen.
Überraschend ist für die Wissenschaftlerin, dass die meisten befragten Frauen trotz Zeitknappheit Tagesseminare mit Übernachtung favorisieren. Auch ziehen sie Präsenzschulungen reinen Online-Veranstaltungen vor. Was sie sich vor allem wünschen, sind hybride Angebote, um bei kurzfristiger Verhinderung online an der Schulung teilnehmen oder den Inhalt nacharbeiten zu können: Onlinephasen für das Selbststudium, Präsenzphasen im Team, Coaching und Wissensvermittlung – alles in möglichst kompakten Bildungseinheiten. Kurze Lerneinheiten von 1,5 bis zwei Stunden befürworten sie hingegen nicht.
Viele Bedürfnisse, viele Ideen, viele Lösungen
„Einen Königsweg gibt es nicht, um teilzeitarbeitenden Frauen den Zugang zur Weiterbildung zu erleichtern“, sagt Verena Peters. „Die Diskussionen in den Workshops haben bestätigt, dass Frauen in Teilzeit eine Vielzahl von Bedürfnissen, aber gleichzeitig auch viele Ideen haben, um Lösungen zu finden. An Angeboten, die dem individuellen Bedarf der Frauen entsprechen, führt daher kein Weg vorbei. Nur: Bisher fragt sie keiner!“ Deshalb waren alle Beteiligten beeindruckt, wie engagiert die Frauen sich hier einbrachten.
Die Betriebsrätin möchte vor allem zwei angesprochene Weiterbildungsmodelle in das Bildungsangebot der Steag integrieren: ein Blockmodell und ein flexibles Qualifizierungsmodell – und zwar jeweils für Frauen in „mittlerer Teilzeit“ (ab 20 bis 29 Wochenstunden) und in „kleiner Teilzeit“ (unter 20 Wochenstunden), für die der Bedarf an Weiterbildung als besonders hoch eingeschätzt wurde. In ihnen sollten zahlreiche der in den Workshops genannten Vorschläge aufgenommen werden. Auch für eine höhere Wertschätzung und aktive Karriereförderung von Mitarbeiterinnen in Teilzeit will sie sich stärker einsetzen.
Ansprechpersonen des Projekts:
Projektleitung:
Claudia Niewerth und Simone Rom, Helex-Institut, Bochum
Kooperationspartner:
Verena Gärtner, IGBCE Bezirk Recklinghausen
Verena Peters, IGBCE Bezirk Gelsenkirchen
Förderlinie Transformation
Es gibt viele Treiber von Transformationsprozessen: Digitale Transformation, Klimawandel, Energiekrise etc. Folgen sind hoher Veränderungsdruck in Betrieben, Branchen und Regionen und für die dort arbeitenden Menschen. Im Zentrum der Förderlinie steht: Wir bringen Erfahrungswissen und akademisches Wissen gewinnbringend zusammen – betrieblich, regional, lösungsorientiert. Das Ziel ist, mit kurzformatigen Projekten dem hohen Veränderungsdruck in der Arbeitswelt Rechnung zu tragen. Die Veränderungsdynamiken und ihre Anforderungen an Mitbestimmungsprozesse und ihre Akteure sollen wissenschaftlich beraten und begleitet werden.
