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Kolumne

Tech-Beschäftigte in den USA wehren sich gegen KI und die Tech-Konzerne

Der Widerstand gegen KI und Big Tech in den USA hält an. Angefangen hat es mit den Mega-Rechenzentren. Jetzt protestieren auch Beschäftigte im Tech-Sektor lautstark, gründen Gewerkschaften oder treten ihnen bei.

Ilustration Kolumne Hill

Der Widerstand gegen Künstliche Intelligenz (KI) gewinnt in den USA weiter an Dynamik. Es gab zuletzt Skandale wegen außer Kontrolle geratener KI-Agenten, die in der Lage waren, aus ihrer Testumgebung auszubrechen und sich selbst umzuprogrammieren, um dann Betrug, Lügen, Hackerangriffe und sogar Verbrechen in Form nichtautorisierter digitaler Einbrüche in die IT-Systeme von Drittfirmen zu verüben. Dieser Weckruf hat Menschen weltweit hellhörig gemacht. In meinem letzten Artikel berichtete ich von einer Ausprägung dieses Widerstands: Proteste gegen den Bau von KI-Rechenzentren, die sich überall in den USA in konservativen wie auch liberalen Landesteilen regen. Andere Zeichen dieses Widerstands werden von den Beschäftigten des Technologiesektors organisiert, einschließlich der Gründung neuer Gewerkschaften.

In den letzten Wochen haben mehrere hochrangige KI-Forscher*innen in hochmodernen KI-Laboren (sogenannte „Frontier Labs“) wie Anthropic, OpenAI und Google gekündigt, um vor der Beschleunigung der KI-Entwicklung und der Zunahme unkontrollierbaren, autonomen Handelns von KI-Agenten zu warnen. Im Zuge des Hugging-Face-Skandals sind eine Reihe von Interviews mit verschiedenen KI- und Technologieexpert*innen von Microsoft-Gründer Bill Gates bis zu Whistleblowern aus KI-Unternehmen wie OpenAI und Anthropic erschienen, in denen diese Alarm schlagen. Die Geschichte wird schlicht gruselig. Am 23. September gab die australische Regierung bekannt, dass sich ein von OpenAI in die Welt gesetzter KI-Agent verselbständigt, Sicherheitsmaßnahmen umgangen und die Webseite des nationalen öffentlichen Gesundheitswesens gehackt hatte. Die KI hatte dabei Zugriff auf sensible Patientendaten, was OpenAI der australischen Regierung fast vier Monate lang verschwieg. Es ist der erste bekannte Fall eines KI-Agenten, der autonom eine staatliche Webseite hackt, was die zunehmende Sorge vor den Risiken unberechenbarer KI schürt.

Schätzungsweise 430.000 Beschäftigte im Tech-Sektor sind von Kündigungen betroffen.

Massiver Stellenabbau im Technologiesektor

Diese jüngsten Whistleblower-Fälle haben die allgemeine Angst in der Branche verstärkt, die durch massive KI- und automatisierungsbedingte Entlassungswellen ausgelöst wurde. Eine Reihe der größten Konzerne haben öffentlich KI-gestützte Effizienzsteigerungen und strukturelle Veränderungen als Hauptgrund für den jüngsten Stellenabbau angegeben. Darunter sind Unternehmen wie der Software- und Cloud-Infrastruktur-Riese Oracle, der über zwölf Monate 30.000 Stellen abbaute und die „unternehmensweite Einführung und Nutzung von KI-Technologien“ als Grund nannte. Auch Microsoft hat die Streichung von 4.800 Arbeitsplätzen angekündigt, die im Zuge der Neuausrichtung auf die KI-Infrastruktur wegfallen sollen. Meta hat etwa 8.000 Beschäftigte entlassen. Block (vormals Square) hat 40 bis 50 Prozent seiner Belegschaft abgebaut und ist auf kleinere Teams mit flacheren Hierarchien umgestiegen, die mit KI-Tools arbeiten. Salesforce-CEO Marc Benioff strich fast 4.000 Stellen im Kundendienst, seit KI-Agenten etwa die Hälfte der Kundenkontakte und -anfragen übernehmen. Auch Uber, Amazon und andere Unternehmen nehmen Entlassungen vor.

Seit Anfang 2025 waren bereits schätzungsweise 430.000 Beschäftigte im Tech-Sektor von Entlassungen betroffen. Einige Branchenexpert*innen meinen, dass bestimmte Unternehmen die KI nur als willkommenen Vorwand für Entlassungen nutzen. Aber dies verschärft die allgemeine Zukunftsangst nur noch, die sich in der Branche breit macht. Niemand weiß, wann und in welchem Unternehmen die nächsten Entlassungen anstehen. Diese Ungewissheit verstärkt die aufsteigende Unruhe, die Millionen von Beschäftigten im Technologiesektor erfasst hat.

Die echte Zerstörung von Arbeitsplätzen durch KI besteht darin, dass sie Karrieren zunichtemacht, bevor sie überhaupt anfangen können.

Frühe Auswirkungen von KI auf die breitere Arbeitnehmerschaft

Expert*innen sagen seit Jahren voraus, dass KI die Erwerbsbevölkerung langsam dezimieren wird. Aber die Gesamtarbeitslosenquote liegt in den USA weiterhin bei einem historischen Tiefstwert von 4,1 Prozent. Stattdessen besteht die wahre Zerstörung von Arbeitsplätzen durch KI darin, dass sie Karrieren zunichtemacht, bevor sie überhaupt anfangen können. In letzter Zeit wird es für Hochschulabsolvent*innen immer schwieriger, ihren ersten Arbeitsplatz zu finden. Eine Studie des Digital Economy Lab der Universität Stanford aus dem letzten Jahr fand heraus, dass die Beschäftigungsquote von Berufsanfänger*innen in den am meisten von KI betroffenen Berufen um 16 Prozent gesunken ist. Die Arbeitslosenquote ist bei den aktuellen Absolvent*innen auf sechs bis acht Prozent geklettert und steigt damit doppelt so schnell wie in der restlichen Erwerbsbevölkerung. Die Beschäftigungsquote von Softwareentwickler*innen und Ingenieur*innen im Alter von 22 bis 25 Jahren ist gegenüber dem Spitzenwert von Ende 2022 um fast 20 Prozent gefallen. Die Stellenangebote für Softwareentwickler*innen haben um 53 Prozent abgenommen, und jüngste Untersuchungen der New York Federal Reserve Bank zeigen überraschenderweise, dass Absolvent*innen mit Informatik im Hauptfach mehr Mühe bei der Arbeitsplatzsuche haben als Studierende der Geisteswissenschaften. Wie sollen junge Menschen die Kompetenzen und Erfahrungen für künftige Führungspositionen erwerben, wenn sie den Einstieg in den Arbeitsmarkt gar nicht erst schaffen? 

Und dennoch waren dies bisher noch keine Entlassungen auf breiter Front, sondern vielmehr ein gezielter Abbau in Arbeitsprozessen, während KI-Systeme an mehr Arbeitsplätzen Einzug halten. Das Arbeitsmarktklima hat sich jedoch deutlich verschlechtert: Der Anteil US-amerikanischer Arbeitnehmer*innen, die meinen, dass dies ein günstiger Zeitpunkt für die Jobsuche sei, ist von rund 70 Prozent im Jahr 2022 auf zuletzt nur 28 Prozent gefallen. Der Rückgang ist bei jüngeren Arbeitnehmer*innen und Hochschulabsolvent*innen ausgeprägter, die in einer Umkehr historischer Muster heute pessimistischer in die Zukunft blicken als Arbeitnehmer*innen ohne Hochschulbildung. Nur 19 Prozent der Hochschulabsolvent*innen sagen, dass es „eine gute Zeit” sei, um eine gute Stelle zu finden, während es bei den Menschen ohne Hochschulabschluss 35 Prozent sind.

Daraus entsteht ein zunehmendes Gefühl der Stagnation unter den Arbeitnehmer*innen. Beschäftigte verharren länger auf Stellen, weil bessere Arbeitsplätze schwerer zu finden sind. In Umfragen berichtet die Mehrheit der Arbeitnehmer*innen von dem Gefühl, festzustecken – weil sie keine Aufstiegsmöglichkeiten oder keine Chancen auf einen anderen Arbeitsplatz sehen. So sehen die bisherigen KI-bedingten Verwerfungen im Arbeitsmarkt in der Praxis aus. Die Unternehmen verkleinern ihre Gesamtbelegschaft nicht wesentlich, sondern versuchen vielmehr, mit der gleichen Anzahl von Beschäftigten unter Einsatz von KI produktiver zu sein. Mit steigender Produktivität sinkt der Bedarf an Neueinstellungen. Die Wirkung zeigt sich bis jetzt nicht in Entlassungen, sondern in weniger Einstiegsmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt. Die ersten beruflichen Schritte verabschieden sich still und leise. Die Einstellungen sind auf ein Niveau zurückgegangen, das man zuletzt 2010 hatte, als die Arbeitslosenquote während der großen Wirtschaftskrise bei fast zehn Prozent lag. Jeffrey Sonnenfeld, der als Professor für Betriebswirtschaft in Yale lehrt, sagt dazu: „Wirtschaftswissenschaftler*innen sprechen inzwischen vom ‚großen Einfrieren‘: Unternehmen entlassen zwar nicht, sie stellen aber auch nicht ein. Die Beschäftigung erscheint stabil, die Chancen hingegen nicht.”

Gewerkschaftliche Organisation steigt sprungartig unter Tech-Beschäftigten

In der Technologiebranche hingegen sind die Folgen bereits deutlicher spürbar: Hier führen die Entwicklungen zu einem beispiellosen Anstieg gewerkschaftlicher Organisierung sowie der Mitgliederzahlen unter den Beschäftigten der Technologiebranche im Silicon Valley. Die anhaltenden Entlassungen in der Branche und die weitverbreitete Angst vor KI und schwindenden Karrierechancen stärken die Gewerkschaftsdichte. Historisch sahen sich außertariflich beschäftigte Softwareingenieur*innen und technische Fachkräfte als „freie Elite“, die mit ihren hochbezahlten Stellen keine Tarifverträge und kollektiven Schutz brauchten. Den Tech-Angestellten, die früher gern 70-Stunden-Wochen geschoben haben, wird plötzlich klar, dass sie ersetzbar sind, was das Paradigma des sozialen Sicherungsnetzes durch den „Traumjob“ zerplatzen lässt.

Gewerkschaften, die die Tech-Beschäftigten vertreten, kooperieren mit traditionellen Gewerkschaften und sind darin integriert.

Es gibt weitere Realitäten, die zu einer neuen Aufmüpfigkeit unter den Beschäftigten im Tech-Sektor beitragen. Das Homeoffice-Modell hat zu Konflikten zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen geführt. Hybride Arbeitsmodelle sind mittlerweile sehr geläufig und unter den Tech-Beschäftigten weiterhin sehr beliebt. Die Unternehmen verordnen jedoch zunehmend die Rückkehr ins Büro, was die Kluft zwischen den Anforderungen der Arbeitgeber*innen und den Wünschen der Arbeitnehmer*innen nach Flexibilität und der Möglichkeit, auch weiterhin von zu Hause aus arbeiten zu können, weitet. Außerdem empfinden immer mehr Tech-Beschäftigte zunehmendes Unbehagen über einige ihrer Arbeitsinhalte – sei es die Entwicklung von sich selbst replizierender KI, die zunehmend als gefährliches und unberechenbares Produkt wahrgenommen wird, oder ihr Beitrag zur Arbeit ihres Unternehmens für den nationalen Sicherheitsapparat und zur Unterzeichnung nationaler Sicherheitsaufträge.

Angesichts dieser zunehmenden Spannungen hat sich die Arbeit von Gewerkschaften und arbeitnehmerfreundlichen Organisationen intensiviert. Mehrere große Gewerkschaften vertreten inzwischen Fachkräfte aus dem Technologiesektor, der Software- und Spieleentwicklung sowie Informatik. Gewerkschaften, die Tech-Beschäftigte vertreten, arbeiten aktiv mit traditionellen Gewerkschaften zusammen und sind in diese eingegliedert, anstatt als „Pseudogewerkschaften“ zu gelten.

Etablierte Gewerkschaften wie die Communications Workers of America (CWA), Office and Professional Employees International Union (OPEIU), Teamsters, die International Association of Machinists and Aerospace Workers (IAM) und andere betreiben und finanzieren die Organizing-Initiativen im Silicon Valley, um sich so auf die veränderte Erwerbsbevölkerung einzustellen.

Die CWA ist mit ihrer Kampagne zur gewerkschaftlichen Organisation der Beschäftigten im digitalen Sektor (Campaign to Organize Digital Employees – CODE-CWA) zur treibenden Kraft dieser Bemühungen geworden. Sie hat bereits existierende Gruppierungen von Tech-Beschäftigten in ihren Reihen aufgenommen, darunter die Alphabet Workers Union (AWU-CWA Local 9009) bei Google, sowie die Beschäftigten der Videospielbranche bei Microsoft/Xbox und Tausende von IT-Fachkräften an staatlichen Universitäten. Die Alphabet Workers Union bei Google verzeichnet dank ihrer Kollektivmaßnahmen und Streikandrohungen, die Zugeständnisse bei der Verlängerung der Homeoffice-Arbeit und höhere Abfindungen erwirken sollen, weiter Zulauf. Die AWU versucht zudem geschickt, bei ihren breit angelegten Bemühungen die große Armee von Selbständigen, die für Alphabet/Google arbeiten, einzugliedern. Unabhängig davon haben Hunderte von Ingenieur*innen und Beschäftigten von Google und dessen Muttergesellschaft Alphabet eine Gewerkschaft gegründet, die sich der CWA angeschlossen hat. Sie protestiert gegen die Entwicklung von KI für militärische Zwecke und gegen Konzernentscheidungen, die ohne Mitarbeiterbeteiligung getroffen wurden. Die Tech-Fachkräfte bei Microsofts ZeniMax haben sich erfolgreich gewerkschaftlich organisiert, während die Videospielentwickler*innen auch der CWA beigetreten sind. Und Medienunternehmen wie The New York Times und The Washington Post wurden durch die CODE-Initiative der CWA ebenfalls organisiert.

An der University of California (UC) stimmten mehr als 2.100 IT- und technische Fachkräfte an zehn Standorten der Universität dafür, der Gewerkschaft University Professional and Technical Employees (UPTE-CWA Local 9119) beizutreten. So ist die größte Gewerkschaft für Tech-Beschäftigte in den USA mit 8.400 Mitgliedern entstanden. Ihre Ziele sind es, bessere Entgelte, Kündigungsschutz und Regeln für das mobile Arbeiten zu verhandeln. Die International Federation of Professional and Technical Engineers (IFPTE) organisiert aktiv Tech-, IT- und Videospielfachkräfte, um eine betriebliche Interessenvertretung und Tarifverhandlungen einzuführen. Die New York Times Tech Guild entstand, als sich mehr als 600 Softwareingenieur*innen, Designer*innen und Datenanalyst*innen bei der Zeitung in einer Abstimmung entschieden, der CWA beizutreten. Das Ergebnis ist eine der größten zertifizierten Gewerkschaften im Tech-Bereich mit vollumfänglichen Tarifrechten.

Die International Brotherhood of Teamsters and the Machinists Union (IAM) haben Verträge für IT-Auftragnehmer*innen, Biotechnologie-Entwickler*innen und technische Fachkräfte in Konzernen wie Facebook, Apple und Google verhandelt. Nach einer Reihe betrieblicher Auseinandersetzungen haben sich die Beschäftigten der Crowdfunding-Plattform Kickstarter erfolgreich in der OPEIU organisiert – einer traditionellen Gewerkschaft, die Angestellte und Bürobeschäftigte vertritt. Das machte sich bezahlt, als die Gewerkschaft einen neuen Tarifvertrag aushandelte, der unter anderem eine Viertagewoche, einen Mindestlohn für alle Beschäftigten, Schutzmaßnahmen gegen die Ersetzung von fest angestellten Vollzeitkräften durch externe Auftragnehmer*innen sowie eine Vereinbarung enthält, dass die Geschäftsleitung keine Funktionen durch KI ersetzen darf.

Die Dynamik ist auch bei den gewerblichen Leiharbeitnehmer*innen spürbar, die den Laden im Silicon Valley sprichwörtlich am Laufen halten. Im September 2026 riefen beispielsweise 14.000 Wachleute, die in der Service Employees International Union – United Service Workers West (SEIU-USWW) organisiert sind, einen massiven Streik aus, der die Büros von KI- und Tech-Riesen wie OpenAI, Anthropic, Google, Meta und Salesforce traf. Die Arbeitnehmer*innen verlangten höhere Löhne, da ihre Arbeit angesichts komplexer Sicherheitsrisiken von immer zentralerer Bedeutung ist. Die Gewerkschaft Teamsters Local 853 vertritt Fahrer*innen und Logistikbeschäftigte im Tech-Sektor, die für Konzerne wie Google, Apple und Facebook arbeiten. Die AFL-CIO ist der größte Gewerkschaftsbund in den USA und vertritt fast 15 Millionen Arbeitnehmer*innen im Erwerbs- und Rentenalter. Er hat die gewerkschaftliche Organisation des Tech-Sektors zur strategischen Priorität erklärt.

Beschäftigte organisieren sich nicht nur aus Sorge um ihren eigenen Arbeitsplatz und ihre Arbeitsbedingungen, sondern auch wegen ethischer Fragen.

Einige Arbeitnehmer*innen im Tech-Sektor haben nicht formell eine Gewerkschaft gegründet, sondern nehmen vielmehr an arbeitnehmerfreundlichen Interessensvertretungen teil. Die OPEIU hat die Tech Workers Union Local 1010 gegründet – eine spezialisierte Quasi-Gewerkschaft, die von und für Tech-Beschäftigte aufgebaut wurde, wie Software-Ingenieur*innen, Designer*innen, Trust- und Sicherheitsanalyst*innen sowie Produktmanager*innen. Sie soll Ressourcen bereitstellen und institutionelle Rückendeckung bieten, jedoch ohne formelle Anerkennung als Tarifpartner. Bei Microsoft haben sich interne arbeitnehmergeführte Interessensgruppen gebildet, die gegen die geheime Kriegsproduktion und militärische KI-Nutzung durch ihren Arbeitgeber protestieren. Die Alphabet Workers Union hat die Kampagne Googlers Against ICE gestartet, in der Google-Beschäftigte gegen die zuwanderungsfeindlichen Partnerschaften ihres Arbeitgebers mit dem Heimatschutzministerium und der Zuwanderungsbehörde (ICE) mobilmachen. 

Und als Reaktion auf Metas Forderung, die Computerdaten der Beschäftigten zu nutzen, um die eigenen KI-Modelle zu trainieren, haben über 1.600 Beschäftigte aus fünf amerikanischen Büros eine Petition unterzeichnet, um sich dieser Unternehmensrichtlinie zu widersetzen. Andere Arbeitnehmer*innen haben gegen die Militärverträge ihres Unternehmens mit Israel protestiert, weil sie sich über den Einsatz ihrer Technologie im Gaza-Konflikt sorgen. Das ist eine neue Entwicklung, bei der sich Arbeitnehmer*innen nicht nur organisieren, weil sie sich um ihren eigenen Arbeitsplatz und ihre Arbeitsbedingungen sorgen. Sie hegen ethische Bedenken über Geschäftsaktivitäten ihres Arbeitgebers, die mit ihren persönlichen Werten unvereinbar sind. Einige dieser Gruppen erheben Mitgliedsbeiträge und üben über öffentliche Aktionen und Whistleblowing auch ohne formelle Anerkennung Macht aus.

Amazon heuert gewerkschaftsfeindliche Berater*innen und feuert Gewerkschaftsaktivist*innen und macht vor, wie man Gewerkschaften bekämpft.

Die Unternehmen aus dem Silicon Valley geben sich aber keineswegs geschlagen oder schauen ergeben zu, wie sich ihre Beschäftigten gewerkschaftlich organisieren. Das National Labor Relations Board (NLRB) hat Hunderte von Fällen unfairer Arbeitspraktiken dokumentiert, darunter illegale Repressalien, die Überwachung von Beschäftigten, Pflichtsitzungen, in denen Arbeitnehmer*innen verwarnt werden, und Drohungen gegenüber Beschäftigten wegen ihrer Gewerkschaftsarbeit, einschließlich der Entlassung gewerkschaftsfreundlicher „Organizers“. Manche sehen die Beweggründe für die jüngste Entlassungswelle im Silicon Valley in dem Versuch, Pläne zur gewerkschaftlichen Organisation der Big-Tech-Konzerne zu untergraben. Amazon macht vor, wie man Gewerkschaften bekämpft („Union busting”), und heuert gewerkschaftsfeindliche Berater*innen an und feuert Gewerkschaftsaktivist*innen. So entwickelt der Konzern die Blaupause, wie Unternehmen diese Initiativen unterdrücken können. Aber selbst die sogenannten „guten“ Tech-Konzerne wie Apple haben ihre Führungskräfte angewiesen, subtile Drohungen auszusprechen, sowohl mit breiter Streuung als auch in Einzelgesprächen.

Wird der Widerstand der Arbeitnehmer*innen etwas bewirken?

Der Organisationsgrad im privaten Tech-Sektor liegt immer noch im einstelligen Bereich, ist damit aber nicht niedriger als bei den übrigen Beschäftigten im US-amerikanischen Privatsektor. Dennoch ist der neue und neuerliche Zulauf, den die Gewerkschaften erfahren, ermutigend. Selbstorganisation ist unter den Arbeitnehmer*innen im Tech-Sektor keine Randerscheinung mehr – für die Beschäftigten im Silicon Valley ist sie zu einem wesentlichen Mechanismus geworden, um den Venture-Kapitalist*innen und Führungskräften der Tech-Konzerne wieder Einfluss abzuringen. Und die meisten dieser Arbeitnehmer*innen haben bei einer Reihe politischer, sozialer und ökologischer Themen sowie der Frage der Redefreiheit eine progressive Grundhaltung. Denn die hochqualifizierten Fachkräfte denken darüber nach, ob ihr Unternehmen – und damit auch sie selbst – zum Gemeinwohl der Gesellschaft beiträgt und einem höheren Gut dient als nur der Steigerung des Unternehmenswerts im Interesse der Aktionäre. Diese positive Vision war Teil der ursprünglichen Anziehungskraft, die viele dieser IT-Expert*innen zu Firmen wie Google, Apple und Facebook gebracht hat. Jetzt stellen sie fest, dass diese Vision verkümmert. Es wird interessant sein, in den kommenden Monaten zu beobachten, wann, wo und in welcher Form sie sich ihre Proteste entwickeln.

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