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Kolumne

Tech-Unternehmen rüsten sich mit massiven Entlassungen für ihre KI-Zukunft

Die Technologiekonzerne in den USA schwimmen im Geld, aber bauen Arbeitsplätze ab, um die Arbeitnehmermacht zu schwächen, ihre Aktienkurse zu steigern und auf neue KI-gestützte Technologien umzustellen. Auch die EU und Deutschland sind betroffen.

Ilustration Kolumne Hill
Für das Mitbestimmungsportal schreibt der US-Journalist und Buchautor Steven Hill eine Kolumne zur digitalen Wirtschaft.

Während der Covid-19-Pandemie, als der Alltag der Menschen gezwungenermaßen online stattfand, haben die großen Technologieplattformen wie Google, Amazon, Microsoft und Meta/Facebook immens profitiert. Diese und andere Unternehmen verdoppelten ihre Belegschaften, um mit der explodierenden Nachfrage Schritt zu halten, und ihre Gewinne und Aktienkurse stiegen gleichermaßen.

Mit dem Abklingen der Pandemie endete jedoch die Expansion dieser Unternehmen und einige schalteten sogar in den Rückwärtsgang. Seit 2022 sind Massenentlassungen an der Tagesordnung. Laut einer branchenspezifischen Entlassungsstatistik haben über tausend Technologiefirmen 2022 insgesamt 165.000 Arbeitsplätze abgebaut, während 2023 weitere 250.000 folgten.

Die meisten Entlassungen entfallen auf die größten Namen: Amazon, Meta/Facebook, Microsoft und Alphabet/Google haben jeweils Zehntausende von Menschen entlassen. Bei Google waren es 6 Prozent der Belegschaft, bei Yahoo 20 Prozent, Zoom 15 Prozent und Salesforce 10 Prozent, während der nunmehr von Elon Musk geprägte Nachrichtendienst Twitter sogar 50 Prozent seiner Beschäftigten vor die Tür setzte. Die einzige Ausnahme war hier Apple. Würden alle der in diesem Sektor entlassenen Arbeitnehmer*innen eine Stadt gründen, wäre diese größer als Miami, Minneapolis oder St. Louis. 

Die Beschäftigten erfahren oft auf rücksichtlose Weise von ihrer Entlassung, manchmal durch nächtliche E-Mails, die nicht einmal Gelegenheit lassen, sich von den Kolleg*innen zu verabschieden. In diesen Zahlen sind freie Mitarbeiter*innen (die häufig im Ausland arbeiten) oder entlassene ausländische Beschäftigte mit H-1B-Visum nicht mitgerechnet. Letztere verlieren nicht nur ihr Einkommen, sondern auch ihr Arbeitsvisum und sind damit ständig von Abschiebung bedroht, wenn sie keinen anderen Arbeitsplatz finden, der eine Arbeitserlaubnis begründet.

Die meisten dieser Unternehmen aus dem Silicon Valley sind weiterhin äußerst rentabel und schwimmen im Geld. Warum also diese Entlassungen in atemberaubender Höhe? Die Antwort ist kompliziert und es spinnen sich viele Rätsel und Kontroversen um diese Frage. Aber hier ein Tipp: Glauben Sie nicht, was die Vorstände sagen.

Alles auf Anfang bei den Technologieunternehmen? Oder …

Die Vorstände der Technologieunternehmen behaupten, dass sie in eine neue Phase der wirtschaftlichen Unsicherheit eingetreten seien. Diese ist geprägt durch Engpässe in den Lieferketten, (bis vor kurzem) steigende Zinssätze, hohe Kraftstoffkosten, den Krieg in der Ukraine (und jetzt im Gazastreifen) und Diskussionen über eine mögliche Rezession 2024. Laut diesem Narrativ haben die Unternehmen keine andere Wahl, da sie infolge der pandemiebedingten Einstellungsflut nun personell überbesetzt seien. Diese „normale“ Korrektur sei notwendig, um die betrieblichen Abläufe zu rationalisieren.

„Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen wir eingestellt haben, waren andere“, erklärte Sundar Pichai, CEO von Alphabet/Google, in einer seiner Entlassungsankündigungen.

Einige „arbeitnehmerfreundliche“ politische Einrichtungen haben sich von dieser Argumentation überzeugen lassen. So meint zum Beispiel die Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound), diese Trends seien das Ergebnis „einer inflationären Einstellungspolitik während der Pandemie mit anschließend rasantem Stellenabbau“.

Aber ist das schon alles? Oder verbirgt sich mehr dahinter? Da diese Unternehmen weiterhin äußerst rentabel sind und bemerkenswerte Liquidität haben, stellt sich die Frage, warum sie nicht in neue Sparten und Technologien investieren, die Arbeitsplätze sichern würden? Das US-Handelsministerium berichtete, dass die Unternehmensgewinne im dritten Quartal 2022 rekordverdächtige 2,1 Billionen US-Dollar erreichten. Im Jahr 2023 steigerten die größten Technologiekonzerne ihren Marktwert um weitere 2,4 Billionen US-Dollar.

Obwohl die Inflation und eine mögliche Rezession weiterhin für Bedenken sorgen, sind die letzten Wirtschaftsprognosen optimistischer. Tatsächlich sind in der US-amerikanischen Wirtschaft 2023 Millionen von Arbeitsplätzen entstanden – nicht nur im Technologiesektor.

… Oder verhehlen die CEOs andere unternehmerische Ziele?

Was sind die wahren Gründe für diesen massiven Arbeitsplatzabbau in so vielen rentablen Technologieunternehmen? Eine Reihe von Experten hinterfragt die Verlautbarungen der Konzernvorstände.

Einige Daten legen nahe, dass die Vorstände die aktuelle wirtschaftliche Lage als Deckmantel für nichtöffentliche Unternehmensziele nutzen, wie zum Beispiel: 1) Schwächung der Position der Arbeitnehmer*innen in ihren Unternehmen; 2) überhöhte Steigerung ihrer Aktienkurse durch Aktienrückkäufe und Entlassungen; 3) Umstellung auf KI-gestützte Technologien, die weniger Arbeitskräfte und andere Kompetenzen erfordern.

Betrachten wir diese im Einzelnen.

1. Versuch, die Macht der Arbeitnehmer*innen zu schwächen

Schon vor und auch während der Pandemie haben die Technologieunternehmen schnell und viel eingestellt, sodass der rege Wettbewerb um Hochqualifizierte die Gehälter auf ein Rekordniveau steigen ließ. Die Medien berichteten über extravagante Nebenleistungen. Der Arbeitskräftemangel führte dazu, dass der Arbeitsmarkt eher arbeitnehmerfreundlich war.

Es gab verstärkte Bemühungen der Beschäftigten im Technologiesektor, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Inzwischen hat sich die Lage deutlich verändert.

„Die Steuerung der Personalkosten über regelmäßige Entlassungswellen ist für das Silicon Valley wie die Atmung: zyklisch und lebensnotwendig”, sagt Malcolm Harris, Autor des Buchs „Palo Alto: A History of California, Capitalism and the World”. Nach Ansicht von Harris haben die Entlassungen „wenig mit lang- oder auch mittelfristigen Strategien zu tun – und nur insofern, als sie dazu dienen, ein Gefühl der Unsicherheit unter der Belegschaft zu schüren“.

In einer früheren Kolumne für das Mitbestimmungsportal berichtete ich von zunehmenden Bemühungen der Beschäftigten im Technologiesektor, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Eine Gruppe von Google-Beschäftigten gründete die Gewerkschaft Alphabet Workers Union, die Beschäftigten von Amazon haben sich an mehreren Standorten organisiert, bei Instacart entschied eine Urabstimmung für eine gewerkschaftliche Organisation. Bei Microsoft wurde in der Tochtergesellschaft ZeniMax die erste zugelassene Gewerkschaft überhaupt gegründet, die das Unternehmen anerkennt. Die Technologie-Beschäftigten bei Kickstarter, der New York Times, Code for America und mehreren anderen Unternehmen haben Gewerkschaften gegründet. Das Bewusstsein und die anhaltende Mobilisierung dieser Arbeitnehmer*innen sind den Bossen im Silicon Valley zunehmend ein Dorn im Auge.

Die überbordenden Massenentlassungen scheinen dem Ziel zu dienen, denen Angst und ein Gefühl der Unsicherheit einzuflößen, die ihren Arbeitsplatz noch haben. Es bedarf keiner ausdrücklichen und illegalen Absprachen zwischen den Unternehmensleitungen, um sich klarzuwerden, dass die Bedingungen für sie günstiger werden, wenn sie alle gleichermaßen entlassen.

2. Entlassungen und Aktienrückkäufe, um Aktienkurse in die Höhe zu treiben

In diesem Zusammenhang ist auch die plötzliche Zunahme von Aktienrückkäufen zu sehen, die durch höhere Aktienkurse die Attraktivität eines Unternehmens für Investoren steigern. Nachdem die Bewertung ihrer Aktienkurse im Jahr 2022 dramatisch gesunken war, konzentrierten sich die Vorstände der Technologiebranche wie besessen darauf, diesen Trend umzukehren. Sie nutzen das durch die Entlassungen eingesparte Geld nicht etwa, um das Unternehmen am Laufen zu halten oder in neue Großprojekte zu investieren. Nachdem Google im 3. Quartal 2022 Erlöse von 17 Milliarden Dollar gemeldet hatte, verwendete das Unternehmen nahezu alles für den Rückkauf eigener Aktien. Meta verkündete Pläne, eigene Aktien im Wert von 40 Milliarden US-Dollar zurückzukaufen, nachdem zuvor 11.000 Beschäftigten gekündigt worden war. Diese Aktienkäufe dienen mitnichten der Produktivität, sondern treiben lediglich die Aktienkurse in die Höhe und füllen die Taschen der Anleger. Inmitten dieser Winkelzüge seines Unternehmens vermehrte sich das Vermögen von Mark Zuckerberg an einem einzigen Tag sprungartig um 12,5 Milliarden US-Dollar – der (bisher) größte seiner täglichen Vermögenszuwächse.

Tatsächlich kann bereits die reine Ankündigung von Entlassungen den Aktienkurs eines Technologieunternehmens in die Höhe treiben, weil sie den Anlegern signalisiert, dass es der Geschäftsführung ernst damit ist, die Beschäftigten zu disziplinieren und ihre Bezahlung zu mindern. An dem Morgen, als Google Entlassungen bekanntgab, stieg der Aktienkurs um 3,5 Prozent. Die Aktie von Meta/Facebook, die 2022 um 63 Prozent einbrach, hat ihren Wert seit Bekanntgabe der Massenentlassungen mehr als verdoppelt. Wenn ein Unternehmen nach dem anderen große Teile seiner Belegschaft entlässt, trägt dies zu einem Herdentrieb unter den Anlegern bei und treibt die Aktienkurse in die Höhe.

Es ist erwähnenswert, dass Aktienrückkäufe bis 1982 in den USA unzulässig waren, da sie als eine Form der Marktmanipulation galten. Aber eine Entscheidung der Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) unter der Reagan-Regierung stellte es den Unternehmen frei, ihr eigenes Kapitel zurückzukaufen. Allein die immensen Kosten dieser Aktienrückkäufe hätten die Gehälter aller entlassenen Beschäftigten jahrzehntelang gedeckt.

Das Gefühl, 'von einem Algorithmus gefeuert' zu werden, zieht Kreise unter denen, die ihren Arbeitsplatz behalten.

Die Aufgabe der Vorstände besteht anscheinend darin, ein Klima zu schüren, in dem die Beschäftigten zu verunsichert sind, um sich zu organisieren. Die Verbleibenden müssen das Tempo verschärfen und eine höhere Arbeitsbelastung stemmen, um die hohe Produktivität zu halten. Alejandra Beatty, Programmleiterin bei der Alphabet-Tochtergesellschaft Verily, sagte, ihre Entlassung „habe sie ziemlich überraschend getroffen“. Sie selbst hatte den Eindruck, im Unternehmen angesehen zu sein. „Ich habe gut gearbeitet, war eine der Leistungsträgerinnen … Jetzt habe ich Hausverbot und nicht einmal als Besucherin Zutritt“, bedauert sie.

Das Gefühl, „von einem Algorithmus gefeuert“ zu werden, zieht Kreise unter denen, die ihren Arbeitsplatz behalten, und stürzen sie in ein demoralisierendes Wechselbad der Gefühle zwischen Schuldgefühl, Erleichterung, Beklemmung und Wut. Die kaltschnäuzige Effizienz verstärke bei vielen Arbeitnehmer*innen den Eindruck, dass die scheinbar willkürlichen Entlassungen ein Gefühl des Ausgeliefertseins, sogar der Angst, bei den im Unternehmen verbleibenden Beschäftigten schüren.

„Es ist absolut niederschmetternd“, erklärt Skylar Hinnant, der bei der Microsoft-Tochter ZeniMax als leitender Qualitätssicherer arbeitet. „Das gilt für die Entlassenen und ihre Familien wie auch für ihre Kolleg*innen, die an dem Tag und lange Zeit danach den Eindruck haben, dass ihr Arbeitsplatz ebenfalls in Gefahr ist.“

Hinnant kannte viele derjenigen, die von Microsoft entlassen wurden. „Du kannst in deinem Bereich der wichtigste Ingenieur sein, du bist vielleicht ein hervorragender Programmierer, aber wenn der Algorithmus dich nicht mehr will, bist du weg vom Fenster.“

Diese Willkür bietet den Vorständen die Möglichkeit, die verbleibenden Beschäftigten zu einer eingeschüchterten, gefügigen und austauschbaren Belegschaft zu formen. So bekommen die Geschäftsleitungen die von ihnen angestrebte Arbeitskräfteflexibilität, und es sendet die richtigen Signale an den Markt, die Anleger veranlassen, wieder in die Firma zu investieren.

3. Umstellung auf KI könnte zu weniger (und anderen) Beschäftigten führen

Ungefähr zeitgleich zur Entlassung von 10.000 Beschäftigten verkündete das Microsoft-Management Pläne, 10 Milliarden US-Dollar in OpenAI zu investieren – die Macher der topaktuellen Chatbot-App ChatGPT und ihrer Nachfolger ChatGPT-3 und -4. Dies entspricht einem Betrag von 1 Million US-Dollar pro gekündigtem Beschäftigten. Anscheinend ist die schnellste Möglichkeit, um Geld für Investitionen zu sparen, Mitarbeiter zu entlassen und diese potenziell mit Hilfe von KI zu ersetzen, 

Keines dieser Unternehmen wagt zuzugeben, dass die KI-gestützte Automatisierung einer der Treiber für die Entlassungen und Aktienrückkäufe ist. Aber die Umstellung auf ein KI-basiertes Geschäftsmodell gehört zu den unternehmerischen Beweggründen hinter diesen erstaunlichen Entscheidungen. Diese Maßnahmen bieten Führungskräften die Chance, die „Reset“-Taste für ihr Geschäftsmodell zu drücken und mit einer kleineren, gefügigeren Belegschaft durchzustarten, die stärker an den aktuellen Unternehmensprioritäten für die Zukunft mit KI ausgerichtet ist.

Ähnliche – wenn auch weniger gravierende – Trends in Deutschland und Europa mit ihren unterschiedlichen Arbeitsgesetzen

Auch Deutschland und Europa bleiben von Entlassungen im Technologiesektor nicht verschont. In der EU gab es eine stetige Entlassungswelle bekannter US-stämmiger Technologiekonzerne wie Twitter, Stripe, PayPal, IBM, Hubspot und Yahoo, die in Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Portugal, Spanien und Schweden Stellen gestrichen haben. Und die europäischen Technologieunternehmen folgen dem Trend. Anfang 2023 erklärte OneFootball, die weltgrößte Fußballnachrichten-App von Lucas von Cranach mit 170 Millionen monatlichen Abonnent*innen, rund 30 Prozent der Belegschaft abzubauen. Der deutsche Mikromobilitätsanbieter TIER Mobility, der den Verleih elektrischer Kleinfahrzeuge betreibt, entließ nach früheren umfangreichen Kündigungswellen weitere 22 Prozent seiner Mitarbeitenden.

Gewerkschaften wurden bei den Umstrukturierungen in den Technologiefirmen kaum oder gar nicht beteiligt.

Der schwedische Musik-Streaming-Anbieter Spotify kündigte die Entlassung von 17 Prozent seiner Beschäftigten an – woraufhin der Aktienkurs sofort um 7 Prozent in die Höhe schnellte. Die italienische Immobilienplattform Casavo entließ rund 30% ihrer 500 Vollzeitbeschäftigten. Das irische Startup Workhuman, das digitale Personallösungen anbietet, kündigte 10% seiner 1.300-köpfigen Belegschaft, viele davon am Dubliner Standort. Das österreichische KI-Startup Anyline hat jeden vierten Beschäftigten entlassen und der estnische Entwickler von Identitätsprüfungslösungen Veriff entließ 12 Prozent seiner Mitarbeiter*innen.

Von 2020 bis Mitte 2023 erfolgten in der EU mit rund 40 Prozent die meisten Entlassungen im Technologiesektor in Irland. Der Sektor ist eine der Säulen der irischen Wirtschaft und machte 2021 ein Fünftel der nationalen Körperschaftssteuereinnahmen aus, sodass Irland derzeit überproportional getroffen wird.

Die Gewerkschaften wurden bei den Umstrukturierungen in den Technologiefirmen kaum oder gar nicht beteiligt. Trotzdem hat das stärkere Arbeitsrecht, das in Deutschland und einigen EU-Mitgliedstaaten gilt, einen Unterschied ausgemacht, da es den Beschäftigten und ihren Vertreter*innen in den entlassenden Unternehmen eine Mitsprachemöglichkeit gibt. In Deutschland und Frankreich war Google gezwungen, mit den Betriebsräten Verhandlungen über die Anzahl und Gruppen von Beschäftigten zu führen, die Teil des Sozialplans waren. Dahingegen gestaltete sich der Personalabbau im Vereinigten Königreich und Irland, wo der Kündigungsschutz schwächer ist, für das Unternehmen leichter.

Betriebsrat bei Google für die EU-Länder

Als Reaktion auf die Entlassungen haben einige Arbeitnehmer*innen im Technologiesektor in der EU und auch den USA begonnen, sich zu organisieren und sich zu wehren. In der EU haben Google-Beschäftigte zuletzt einen Europäischen Betriebsrat für die europäische Belegschaft gegründet (einschließlich der Arbeitnehmer*innen im Vereinigten Königreich und in der Schweiz). Die Beschäftigten haben die Hoffnung, dass der Betriebsrat bei künftigen Anhörungen ein einflussreiches kollektives Sprachrohr für die Arbeitnehmerinteressen sein wird, einschließlich der früheren Ankündigung von Entlassungen und Umstrukturierungen. Der Europäische Betriebsrat von Oracle hatte davor bereits geklagt, weil er vor der Verlagerung von Arbeitsplätzen durch das Unternehmen nach Rumänien nicht angehört wurde. Die für arbeitsrechtliche Fragen zuständige britische Beschwerdestelle entschied jedoch gegen den Betriebsrat.

Neben den bereits erwähnten Bemühungen einiger Beschäftigter im Silicon Valley zur gewerkschaftlichen Organisation hat die Ankündigung von Massenentlassungen in den USA die Gewerkschaftsarbeit noch beflügelt. Mehr als 1.000 Arbeitnehmer*innen sind der Gewerkschaft Alphabet Workers Union (AWU) beigetreten. Eine der ersten Maßnahmen der AWU war die Einrichtung von Kanälen auf Slack und Discord, wo entlassene Arbeitnehmer*innen sich vernetzen und austauschen können. Der Discord-Kanal meldet inzwischen 18.000 Nutzer*innen.

Wir stehen an einem Scheideweg, der darüber entscheidet, wie die Arbeitswelt künftig aussehen wird. Wenn man die Arbeitsplätze im Technologiesektor als „Indikatoren für die Arbeitsplätze der Zukunft“ betrachtet, muss man gegen diese „Arbeitnehmer-Wegwerf-Mentalität“ – mit ihrer Feindseligkeit gegenüber Gewerkschaften, Arbeitnehmerbeteiligung und Tarifverhandlungen – vorgehen und sie durch bessere staatliche Politiken und eine stärkere gewerkschaftliche Organisation der Arbeitnehmer*innen einhegen. Die KI könnte der Menschheit potenziell nutzen, aber nur dann, wenn die Regierungen geeignete Leitplanken für diese neue digitale Infrastruktur einziehen. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, dass „Big Tech“ die Regeln zu ihren Gunsten selber festlegt.