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Kolumne

Arbeit(en) nach Corona

Von: Steven Hill06.07.2020

Mit Millionen betroffener Arbeitnehmer/innen hat die Coronavirus-Pandemie enorme kurzfristige Folgen. Wie wird sich das neue mobile Arbeiten langfristig auswirken? Sind „dezentrale“ Beschäftigte weniger gewerkschaftlich organisiert und entrechteter?

Wie viele andere Länder durchlaufen die Vereinigten Staaten seit März ein enormes soziales Experiment. Zu diesem Zeitpunkt verfügten verschiedene US-amerikanische Bundesstaaten und Städte kritische Quarantänemaßnahmen und legten im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie ganze Wirtschaftszweige lahm. Angesichts von Millionen US-amerikanischer Arbeitnehmer/innen, die entlassen oder aufs Abstellgleis geschoben wurden, sind die Folgen für die Erwerbsbevölkerung verheerend. Die Arbeitslosenquote erreicht in den USA fast 15% und damit den höchsten Stand seit der Weltwirtschaftskrise: 41 Millionen Amerikaner haben Arbeitslosengeld beantragt. Die Erwerbsbeteiligungsquote sank allein im April um 2,5 Prozentpunkte auf 60,2 Prozent – der niedrigste Stand seit Januar 1973.

Blickt man in die fernere Zukunft, muss man sich besorgt fragen, wie sich die „Coronavirus-Wirtschaftskrise“ längerfristig auswirken könnte. Viele Millionen Menschen haben von zu Hause gearbeitet, an zahllosen Zoom-Sitzungen teilgenommen und versucht, Homeschooling und Arbeit unter einen Hut zu bringen, und dabei trotz enormer Unsicherheit ein Gefühl der Stabilität zu bewahren. Etwa 62% der Erwerbstätigen haben seit Ausbruch der Pandemie zu Hause gearbeitet und viele Unternehmen haben entdeckt, dass sie ihren Betrieb als „Fernarbeitsplatz“ aufrechterhalten können. Verschiedene Umfragen haben gezeigt, dass viele Menschen die Veränderung zumindest anfangs positiv sahen. Viele Veränderungen könnten sich als vorübergehend erweisen und nur solange bestehen, bis es gelingt, einen Impfstoff zu entwickeln (obwohl niemand weiß, wann dies sein wird und ob es tatsächlich die Pandemie beendet). Andere Veränderungen könnten durchaus dauerhaft zur „neuen Normalität“ gehören.

Wie könnte die Zukunft der Arbeit unter dem Einfluss dieser exogenen Störung aussehen, die unsere Arbeitsplätze, unser Leben und unsere Volkswirtschaften auf den Kopf stellt? Es folgen einige sich abzeichnende Szenarien, die unseren heutigen Arbeitsalltag neu definieren könnten. Viele dieser Veränderungen im Arbeitsmarkt sind beunruhigend, während andere positives Potenzial bergen, sofern die richtige Mischung aus Regeln und Vorschriften als Leitplanken gefunden wird.

Mehr „dezentrale“ Beschäftigte?

In den letzten zehn Jahren waren Unternehmen wie Uber, Airbnb, Upwork und die deutschen Firmen Foodora und Clickworker Vorreiter für Geschäftsmodelle, bei denen Freiberufler, Leiharbeitnehmer und Soloselbständige über eine App oder Webseite beschäftigt werden. Diese verteilt operierenden bzw. vernetzten Unternehmen („Distributed Companies“) haben nur relativ wenig feste Mitarbeiter, die mithilfe digitaler Technologien eine große Zahl „dezentraler Arbeitnehmer“ steuern. Dabei handelt es sich um Freiberufler und Soloselbständige, die keinen festen Arbeitsplatz haben, sondern als Einzelauftragnehmer aus der Ferne arbeiten. Sie genießen in der Regel nicht die Arbeitsplatzsicherheit, die Sozialleistungen, die Arbeitnehmerrechte und den gewerkschaftlichen Schutz, den abhängig Beschäftigte haben.

Es ist schwieriger, die engen Bindungen zu Kollegen zu pflegen, die Solidarität fördern.

Die dezentral und vernetzt agierenden Unternehmen ähneln bisweilen staatenlosen Konzernen, in denen das Arbeitsrecht weitgehend missachtet wird. Nun finden sich durch die Pandemie plötzlich Millionen weiterer Arbeitnehmer in der Situation wieder, „dezentral“ zu Hause zu arbeiten. Viele genießen noch Arbeitsplatzsicherheit und den Schutz ihrer Arbeitnehmerrechte, aber dezentrale Belegschaften sind deutlich schwerer kollektiv zu organisieren. Es ist schwieriger, die engen Bindungen zu Kollegen zu pflegen, die Solidarität fördern. Im Zuge der weiteren Verlagerung von Beziehungen in die virtuelle Welt sind Arbeitgeber womöglich versucht, mehr Freiberufler und Selbständige zu beauftragen oder schädliche Praktiken zu nutzen, wie Scheinselbständigkeit, wo abhängig Beschäftigte fälschlicherweise wie Selbständige behandelt werden. Dieser Trend wird durch die Möglichkeit beträchtlicher Einsparungen bei den Personalkosten weiter beflügelt. Nach Aussage der Beraterfirma Global Workplace Analytics sparen Arbeitgeber, die ihren Beschäftigten ermöglichen, zu Hause zu arbeiten, selbst bei Teilzeitbeschäftigung pro Jahr und Mitarbeiter etwa 11.000 Dollar. Darüber hinaus zahlen diese dezentral und vernetzt operierenden Firmen traditionell keine Arbeitgeberanteile zu Kranken- und anderen Sozialversicherungen für Freiberufler/ Selbständige, sodass sie noch einmal 25% Personalkosten oder mehr einsparen können, wenn sie ihre dezentralen Beschäftigten als Selbständige für sich arbeiten lassen.

In einigen Berufen und Sektoren könnte diese „Personalkostenentlastung“ recht schnell erfolgen. In anderen wird sie allmählich und schrittweise kommen: Zuerst arbeiten die Beschäftigten infolge der Pandemie von zu Hause. Dann bleiben sie auf unbestimmte Zeit im Telearbeitsmodus. Im Laufe der Zeit kommen immer mehr Freiberufler und Selbständige hinzu, die auftragsbezogen beschäftigt werden, und zuletzt werden abhängig Beschäftigte nach und nach durch Selbständige ersetzt. Tatsächlich werden einige der vormals abhängig Beschäftigten später als Selbständige über Plattformen neu beauftragt. Eine stille Revolution, die von einer weltweiten Pandemie eingeleitet wird.

Sollte dieser Trend zur dezentralen Organisation der Beschäftigten anhalten – was in der Ära nach Corona wahrscheinlich ist – wird er für ganze Sektoren und Berufe einen weiteren Verlust von Einfluss und Verhandlungsmacht auf Seiten der Arbeitnehmer bedeuten.

Überwachung von Beschäftigten bei mobiler Arbeit durch den Arbeitgeber?

Wenn weiterhin mehr Menschen von zu Hause arbeiten, werden die Unternehmen stärkere Gewissheit haben wollen, dass die Arbeitsproduktivität dabei nicht leidet. Dies bedeutet den Einsatz verschiedenster digitaler Überwachungstechnologien, um die Arbeitnehmer stärker zu beobachten – auch die, die in ihren eigenen vier Wänden arbeiten. Online-Arbeitsplattformen wie Upwork und andere waren Wegbereiter für Überwachungstechnologien, die das sogenannte „Cyberslacking“ (Internetnutzung während der Arbeitszeit für private Zwecke) unterbinden sollen. Dazu bieten sie Geschäftskunden ein Softwarepaket namens „Private Workplace“ (Privater Arbeitsplatz) an. Die Technologie zeichnet die Tastenanschläge im Minutentakt auf, verfolgt Mausbewegungen und nimmt sogar heimlich in regelmäßigen Abständen Schnappschüsse auf. Sie schaut dem Arbeitnehmer sozusagen über die virtuelle Schulter, damit die Unternehmen sicher sein können, dass die Arbeitnehmer vollen Einsatz zeigen. Die Produktivität würde konstant gemessen und verfolgt und Vorgesetzte werden sogar wissen, wie oft man sich vom Computer entfernt. Diese neue Form der überwachten Arbeit kennt keine Ruhepausen. Ist dieses Panopticon eines neuen Arbeitsplatzes (d.h. das eigene Zuhause) wirklich die Zukunft, die wir uns wünschen? Dieses Szenario wirft sicherlich gewaltige Datenschutzbedenken auf, aber die Unternehmen werden argumentieren, dass eine verantwortungsvolle Überwachung notwendig sei, um die Produktivität zu gewährleisten.

Und wie sieht es bei den wenigen Terminen aus, die eine Teilnahme an Präsenzsitzungen erfordern? Zur neuen Realität gehören womöglich zwingende medizinische Untersuchungen, wie das Messen der Körpertemperatur, Antikörpertests und andere Eingriffe in die gesundheitliche Privatsphäre. In den USA messen einige große Arbeitgeber, wie AmazonWalmart, Home Depot und Starbucks, bei ihren Beschäftigten bereits die Körpertemperatur, bevor sie Zutritt zum Arbeitsplatz erhalten. Die Gesundheit der Beschäftigten ist wichtig, insbesondere in einer Pandemie, aber wer legt fest, wie viel Eindringen in die Privatsphäre zulässig ist? Arbeitgeber werden vielleicht versuchen, unter Kollegen und in der Öffentlichkeit Druck aufzubauen, um das neue Gesundheitsparadigma durchzusetzen und die Forderungen nach Eingriffen in die Privatsphäre verschärfen.

Segmentierung der Arbeit in kleine Aufgaben – mit mehr Automatisierung und Robotern?

Die Herausforderungen, die mit der Steuerung einer dezentralen Belegschaft in der Zeit nach dem Coronavirus einhergehen, könnten viele Arbeitgeber verleiten, die Arbeit selbst neu zu gestalten. Dazu müssen die Beschäftigten flexibel einsetzbare Kompetenzen haben, die an veränderliche Aufgaben angepasst werden. Das bedeutet, dass Arbeitsplätze in die Aufgaben unterteilt werden, aus denen sie bestehen. Dies erleichtert eine neue Arbeitsteilung, die sich danach richtet, welche Aufgaben aus der Ferne erledigt werden können, und wer kranke, arbeitsunfähige Beschäftigte ersetzen kann. In einem Artikel in der Harvard Business Review empfehlen drei Unternehmensberater Geschäftsführern, „verwandte Aufgaben, die aus der Ferne bearbeitet werden können, zu neuen Arbeitsplätzen zu bündeln, und Aufgaben, die die Anwesenheit vor Ort erfordern, auf andere Arbeitsplätze zu verlagern, die reduziert werden. So begrenzen sie den Arbeitsaufwand, der im Büro oder Unternehmen erledigt werden muss.”

andererseits macht diese Art der „Aufgabenteilung“ solche Arbeit zunehmend anfälliger, durch Algorithmen, Roboter und Automatisierung ersetzt zu werden.

Auf Führungsebene passiert dies bereits. So haben zum Beispiel Cisco und Allianz Global Investors interne Projektstrategien beschlossen, Arbeit in Aufgaben und Projekte zu untergliedern, die Mitarbeitern an einer beliebigen Stelle im Konzern zugeordnet werden können, die die entsprechenden Fähigkeiten haben und verfügbar sind. Unter dem Druck der Neuorganisation im Zuge von COVID-19 werden sich diese Trends vermutlich beschleunigen. Ein Personalmitarbeiter sah sich mit einem Einstellungsstopp konfrontiert und beschloss, eine zu besetzende Stelle in fünf Teilzeitaufgaben aufzuteilen, die von bestehenden Beschäftigten übernommen werden konnten. Unternehmensberater und Führungskräfte erklären begeistert, wie gut eine solche Neuorganisation für die Unternehmen sei, gleichzeitig aber den Arbeitnehmern „neue Lern- und Entwicklungschancen“ böte.

Das mag sein, aber andererseits macht diese Art der „Aufgabenteilung“ solche Arbeit zunehmend anfälliger, durch Algorithmen, Roboter und Automatisierung ersetzt zu werden. Studien haben analysiert, dass bei Konjunktureinbrüchen Automatisierungsmaßnahmen schneller beschlossen werden und in Krisenzeiten die Roboter Einzug halten. So haben zum Beispiel viele Versorgungsunternehmen den Einsatz von Automatisierungssoftware erweitert, damit ihre Beschäftigten Stromnetze aus der Ferne betreiben, überwachen und kontrollieren können, sodass die Versorger trotz dezentraler Belegschaft reibungslos weiterarbeiten können.

Die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben …. gerät aus dem Gleichgewicht?

Zu Beginn der COVID-19-Krise fand eine Meinungsumfrage des Gallup-Instituts heraus, dass 60% der Amerikaner, die infolge der Pandemie seit kurzem zu Hause arbeiteten, diese Form der Arbeit auch nach der Krise weiter bevorzugen würden. Das ist verständlich, denn wenn man zu Hause arbeitet (wie ich es selbst viele Jahre lang getan habe), sind die Pendelwege kurz, der Kühlschrank ist nicht weit weg und das Adlerauge des Vorgesetzten ist etwas weniger zu spüren. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob sie ihre Meinung ändern werden, vor allem wenn der Reiz des Neuen nachlässt und die Arbeitgeber anfangen, digitale Überwachung zu nutzen, um das vermeintliche Cyberslacking einzudämmen.

Es hat Jahrzehnte gedauert, die Arbeitsschutzgesetze zu erkämpfen, die Arbeitnehmer und ihr Arbeitsumfeld schützen. Jetzt arbeiten sie am Küchentisch auf einem unergonomischen Stuhl

Bei der Arbeit von zu Hause verändert sich das Leben noch tiefgreifender, weil Arbeits- und Privatleben noch stärker ineinander übergehen und sich überlagern. Sie werden untrennbar. Die Arbeit verlässt die eigenen vier Wände nicht mehr und wer zu Hause arbeitet, spürt irgendwann unweigerlich den Druck, zu allen Tages- und Nachtzeiten E-Mails, Textnachrichten und Anrufe zu beantworten, auch wenn man nicht „im Dienst“ ist. Es wird deprimierend normal werden, das Smartphone mit ins Bett zu nehmen. Dies könnte nicht nur weitreichende Folgen für die Zufriedenheit der Arbeitnehmer haben, sondern auch für ihre Angehörigen (die vielleicht genau das Gleiche tun).

Und wie sieht es mit der Sicherheit und Ergonomie des Arbeitsplatzes aus? Es hat Jahrzehnte gedauert, die Arbeitsschutzgesetze zu erkämpfen, die Arbeitnehmer und ihr Arbeitsumfeld schützen. Jetzt arbeiten sie am Küchentisch auf einem unergonomischen Stuhl oder hocken mit dem Laptop auf den Knien auf der Couch und starren stundenlang und pausenlos auf ihren Computer. Wenn sich die Beschäftigten auf Millionen von Privathaushalten verteilen, wird es äußerst schwierig, die Einhaltung bestehender Gesetze durchzusetzen. Manche Unternehmen werden ihre Arbeitnehmer sicher darin unterstützen, zu Hause ein geeignetes Arbeitsumfeld zu schaffen, und einige besserbezahlte Selbständige und Freiberufler werden selbst dafür aufkommen. Aber Millionen anderer Arbeitskräfte werden sich dabei selbst überlassen.

Neue Bedeutung der schulischen und beruflichen Online-Ausbildung?

Die dezentralen Arbeitnehmer werden auch zunehmend Druck verspüren, sich weiterzubilden. Bei einigen Berufen werden Online-Schulungen eine zunehmende Rolle spielen. Vor gut zehn Jahren starteten als MOOCs (Massive Open Online Courses) bekannte Onlinekurse in der Hochschul- und Erwachsenenbildung, die große Beachtung fanden. Unternehmen wie Coursera, Udacity und edX wurden als Erneuerer gehandelt, die die antiquierte traditionelle Bildung revolutionieren. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Online-Angebote für viele Cyber-Lernende schlecht geeignet waren, die ihre Kurse nicht beendeten.

Wird die berufliche Weiterbildung als „persönliche Investition“ gesehen, für die allein der einzelne Arbeitnehmer verantwortlich ist?

Nun haucht die COVID-19-Krise zusammen mit den Lehren, die man aus den Fehlern der MOOCs gezogen hat, der Online-Bildung neues Leben ein. Die Ausbildungsanbieter haben sich auf kompetenzorientierte Kurse verlegt, die die Nachfrage bei den Lernenden und Einstellungstrends abstimmen. Udacity hat in Zusammenarbeit mit Konzernen wie Google, Amazon und Mercedes Dutzende von Kursen entwickelt, die digitale berufsrelevante Fähigkeiten vermitteln, wie Programmierung, Informatik und künstliche Intelligenz, d.h. Bereiche, in denen Unternehmen nach eigener Aussage Personalbedarf haben. Im Zuge der Dezentralisierung ihrer Belegschaft werden die Arbeitgeber vermutlich die Verantwortung für die Fortbildung und Umschulung auf die Beschäftigten abwälzen. Investiert irgendein Land in die Ausbildungseinrichtungen, um diese Veränderung bewältigen zu können? Oder wird die äußerst wichtige Aufgabe der beruflichen Weiterbildung als „persönliche Investition“ gesehen, für die allein der einzelne Arbeitnehmer verantwortlich ist?

Mehr Chancen für bestimmte Berufe und übersehene Regionen?

In dem Maße, wie sich Belegschaften nach COVID-19 dezentraler verteilen, werden wir vermutlich auch feststellen, dass mehr Mitarbeiter außerhalb der Großstädte eingestellt werden. Kleinere Städte mit einer guten Universität, die MINT-Fächer anbietet (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), werden Pools junger, technisch qualifizierter Arbeitskräfte hervorbringen, auf die Firmen aus der Ferne Zugriff haben. Junge Menschen müssen nicht länger in die Großstädte oder dorthin ziehen, wo die Arbeit ist, sondern werden in der Lage sein, nahezu überall virtuell zu arbeiten. Ein Arbeitnehmer in Alabama oder Utah muss nicht nach San Francisco oder New York ziehen, ein Arbeitnehmer aus Griechenland oder Kroatien nicht nach Berlin. Dies birgt ein gewisses positives Potenzial, Chancen neu zu verteilen. Unternehmen könnten dort, wo sich Beschäftigte konzentrieren, regionale Hubs betreiben oder Zugang zu Coworking-Räumen bieten, anstatt den Großteil ihrer Mitarbeiter jeden Tag in eine Firmenzentrale kommen zu lassen.

Bei Festschreibung von Regeln, die die Einhaltung höherer Standards verlangen, könnten Online-Arbeitsplattformen bessere Arbeitsplatzchancen und höhere Arbeitsproduktivität schaffen.

Wenn Online-Arbeitsplattformen wie Upwork, Task Rabbit und andere ordentlich reguliert werden, sodass sie hohe arbeitsrechtliche Standards einhalten, ihre Arbeitgeberanteile zahlen sowie ihren dezentralen Arbeitnehmern übertragbare Sozialversicherungsleistungen und Zugang zu Aus- und Weiterbildung bieten, könnte dies durchaus positiv sein. Der Status quo ist aber vielmehr, dass diese Online-Plattformen Arbeitnehmer aller Nationen in Konkurrenz zueinander bringen und eine Abwärtsspirale auslösen. Wie vorhersehbar war, unterbieten so Arbeitnehmer aus Entwicklungsländern regelmäßig die Entgelte von Arbeitnehmern in der entwickelten Welt, z. B. in den USA und der EU. Es ist ein klassischer Fall, wo unterschiedliche Lohnkostenniveaus gegeneinander ausgespielt werden, und die Vorteile liegen überwiegend bei den Auftrag- oder Arbeitgebern. Aber bei Festschreibung von Regeln, die die Einhaltung höherer Standards verlangen, könnten Online-Arbeitsplattformen bessere Arbeitsplatzchancen und höhere Arbeitsproduktivität schaffen.

Aushöhlung der Steuerbemessungsgrundlage für den öffentlichen Sektor?

Wenn im Kielwasser der Pandemie mehr Arbeitnehmer von Online-Plattformen beschäftigt werden, müssen die Behörden zeitnah Zugriff auf korrekte Beschäftigungsdaten haben, damit die Einkommenssteuer und Sozialversicherungsbeiträge sowohl von den Arbeitnehmern wie auch den sie beschäftigenden Unternehmen erhoben werden können. Sonst wird die Steuerbemessungsgrundlage, die zur Finanzierung von Sozialversicherungssystemen, Bildung, Gesundheit, Wohnen und nationaler Sicherheit dient, langsam ausgehöhlt.

Weitere wesentliche Veränderungen

Die Zeit nach der Krise wird noch weitere Veränderungen bringen, die sich auf wichtige Sektoren auswirken werden, und damit die Arbeitnehmer und Arbeitsplätze. Dazu gehören:

Verwerfungen auf den Immobilienmärkten

Wenn mehr Arbeitnehmer zu Hause arbeiten, sinkt die Nachfrage nach Büroräumen zur Miete oder zum Kauf, was den Markt für gewerbliche Immobilien massiv unter Druck setzen könnte. Dieser Markt hat in den USA einen Wert von etwa 16 Billionen Dollar, d.h. ungefähr viermal so viel wie der gesamte Bundeshaushalt der USA. Bei einer steigenden Anzahl dezentraler Mitarbeiter könnten Unternehmen eher auf regionale Hubs statt einer Firmenzentrale setzen. Was werden Apple, Facebook und Google mit ihren riesigen Campus im Silicon Valley machen? Werden Universitäten noch so viele Liegenschaften benötigen wie heute, wenn mehr Kurse online stattfinden? Was werden wir mit den gigantischen Einkaufszentren machen, die von Leerständen durchzogen sind? Ein Zusammenbruch des gewerblichen Immobilienmarkts hätte weitreichende Folgen für die Gesamtwirtschaft, die wiederum die Beschäftigung belasten würden. Es könnte jedoch auch sein, dass Büroräume günstiger werden, was sich positiv auf Start-ups und Firmengründungen abhängig Beschäftigter auswirkt, die sich selbständig machen möchten.

Was bedeutet es für die Zukunft der Arbeit, wenn die Menschheit in der Bekämpfung dieser existenziellen Klimabedrohung nur deshalb Fortschritte erzielt hat, weil die Arbeit selbst in weiten Teilen eingestellt wurde?

Weniger Pendlerverkehr und Staus

Klimaforscher berichteten im Mai, dass die weltweiten CO2-Emissionen während des Lockdowns um 17 Prozent zurückgingen, was noch nie da war. Als immer mehr Menschen zu Hause – oder gar nicht – arbeiteten, löste sich vorübergehend das Klimadilemma, das heutige Gesellschaften zuletzt vor eine große Herausforderung gestellt hatte. Außerdem entschärfte das geringere Verkehrsaufkommen die sonst üblichen Staus und machte das Leben in den Großstädten deutlich angenehmer. Kurz- und mittelfristig werden durch die Zunahme der mobilen Arbeit und der Videokonferenzen vermutlich die Geschäftsreisen abnehmen, was dramatische Folgen für die Fluggesellschaften und das Hotel- und Gaststättengewerbe hätte. Wissenschaftler sagen jedoch, dass sich die Treiber der Erderwärmung schnell wieder zurückmelden werden, sobald die räumliche Distanzierung nachlässt und die Wirtschaft wieder anspringt. Was bedeutet es für die Zukunft der Arbeit, wenn die Menschheit in der Bekämpfung dieser existenziellen Klimabedrohung nur deshalb Fortschritte erzielt hat, weil die Arbeit selbst in weiten Teilen eingestellt wurde? Wir können nicht länger behaupten: „Wir wissen nicht, wie wir es lösen können.“ Stattdessen könnten wir vor der ernüchternden Frage stehen: „Wie viel wirtschaftlichen Einbruch sind wir zu akzeptieren bereit, um die CO2-Emissionen zu senken?“

Das sind einige der potenziellen weitreichenden Veränderungen, die sich bedrohlich am Horizont abzeichnen, obwohl das letztendliche Ausmaß der Auswirkungen nur schwer vorherzusagen ist. Bei der Erörterung politischer Lösungsansätze muss außerdem ungeschönt anerkannt werden, dass Millionen von Arbeitnehmern am unteren Ende des Arbeitsmarkts, darunter ein überproportional hoher Anteil von Frauen in prekärer Beschäftigung und der informellen Wirtschaft, den Großteil der Last tragen wird. Es ist absolute Ironie, dass in der COVID-19-Krise plötzlich ganze Nationen von genau den Arbeitnehmern im Dienstleistungs- und Liefersektor abhängig waren, denen viele einen existenzsichernden Lohn verweigern würden, insbesondere Geringverdienerinnen und „People of Color“. Die Krise hat offenbart, dass Behörden und öffentliche Dienste infolge einer jahrzehntelangen Sparpolitik kaum mehr angemessen reagieren können. Beträchtliche Investitionen in den öffentlichen Sektor sind längst überfällig.

In diesen ungewissen Zeiten ist nur sicher, dass die Zukunft der Arbeit anders aussehen wird. Intelligente Gesellschaften werden sich darauf vorbereiten, indem sie für die dezentralen Arbeitnehmer Fort- und Weiterbildung, den Schutz ihrer Arbeitnehmerrechte und Sicherheit, übertragbare Sicherheitsnetze, gewerkschaftliche Vertretung und Tarifverhandlungen, starke Mitbestimmungsrechte, erschwinglichen Zugang zu schnellem Internet (ein Muss für das „virtuelle Büro“) und andere Hilfsleistungen gewährleisten. Es müssen angemessene Standards für Entgelte, Sozialversicherung, Krankenversicherung und die Überwachung von Arbeitnehmern geschaffen werden, um Gerechtigkeit und allgemeinen Wohlstand zu sichern.

Englische Fassung der Kolumne

Steven Hill

Steven Hill

ist Autor von „Die Startup Illusion: Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert” und „Europe’s Promise: Why the European Way Is the Best Hope in an Insecure Age.” Er ist ehemaliger Senior Fellow an der New America Foundation in Washington DC. Für das Mitbestimmungsportal schreibt Steven eine Kolumne zur digitalen Wirtschaft und ihren Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Arbeitskräfte und die Gesellschaft.

Kontakt: @StevenHill1776