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Kolumne

Zu schön, um wahr zu sein?

Steven Hill06.07.2022

Warum es wichtig ist, zwischen der Realität der Arbeitnehmer*innen und dem Medienhype der Unternehmen zu unterscheiden, die oft vorzugeben versuchen, was das Beste für die Arbeitnehmer*innen sei – obwohl sie damit regelmäßig falsch liegen.

Ein altes englisches Sprichwort sagt: "Wenn es zu schön erscheint, um wahr zu sein, ist es das vermutlich auch." Wenn uns die Medien mit Berichten überschwemmen, die uns weismachen wollen, dass ein neues glückliches Zeitalter für die Erwerbsbevölkerung anbreche, sich gleichzeitig aber die objektiven Bedingungen und der Rechtsrahmen zur Unterstützung von Arbeitnehmer*innen nicht verändert haben, sollten wir skeptisch werden.

Im Dezember 2021 berichtete ich in einem Artikel für das Mitbestimmungsportal über ein Phänomen, das in den USA unter dem Namen „Die große Kündigungswelle“ (Great Resignation) für Schlagzeilen sorgte. Über alle Altersgruppen und Berufe hinweg kündigten Rekordzahlen amerikanischer Beschäftigter von sich aus ihren Arbeitsplatz. Manche Experten, wie der frühere US-Arbeitsminister Robert Reich, meinten, dies sei dem Erstarken der Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsbewegung zuzuschreiben. Reich frohlockte: "Erstmals seit Jahrzehnten stehen die amerikanischen Arbeitnehmer*innen auf und fordern höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen." Es gab Anzeichen, dass dieses Phänomen möglicherweise auch auf Deutschland und die EU übergreifen könnte.

Ich war damals schon skeptisch, ob dieser Trend von Dauer sein würde. Das lag daran, dass es sich der Großteil der Mittelschicht und der Beschäftigten im Dienstleistungssektor gar nicht leisten kann, ihren (oftmals verhassten) Job aufzugeben. Und dennoch kündigten viele, wie die Zahlen belegen. Dies hatte mehrere Ursachen, wie die Angst vor einer Corona-Infektion oder die mangelnde Kinderbetreuung im Lockdown, die einige Arbeitnehmer*innen zu Hause bleiben ließ. Die staatliche Unterstützung zu Beginn der Pandemie, einschließlich höherem Arbeitslosengeld und Einmalzahlungen zur Konjunkturbelebung, vermittelte vielen Menschen ein falsches Gefühl von Wohlstand und Chancen. Unzählige Schlagzeilen berichteten von Arbeitnehmer*innen, die der Schwerkraft vermeintlich trotzten, als sie ihren Arbeitsplatz ohne Fallschirm oder echtes Sicherheitsnetz kündigten.

Der Flop der großen Kündigungswelle

Es überrascht nicht, dass dieser Trend zu schön war, um wahr zu sein. Aktuellere Daten belegen, dass es sich bei der sogenannten Kündigungswelle eher um ein statistisches Irrlicht als alles andere handelt. So beobachten wir zuletzt beispielsweise einen sprunghaften Anstieg der Erwerbsbeteiligungsquote von Menschen im Haupterwerbsalter von 25 bis 54 Jahren. Auch wenn die Quote noch etwas geringer ist als vor der Pandemie, hat sie nahezu das Niveau von 2019 erreicht, und es ist zu erwarten, dass sie sich bald wieder normalisieren wird.

Das Gleiche gilt für ältere Arbeitnehmer*innen in der Altersgruppe von 55 bis 64 Jahren. Einige Experten hatten spekuliert, dass ein Großteil der freiwilligen Kündigungen von älteren Menschen ausging, die keine Arbeit mehr fanden und deshalb notgedrungen den Ruhestand wählten, vor Erreichen der Abschlagsfreiheit ihrer Sozialversicherung. Einige wenige Glückliche durften sich freuen, weil während des Aufschwungs der Wert ihrer Aktienportfolios stieg und ihre Zockereien mit Kryptowährungen aufgingen. Doch statt einer geringeren Erwerbsbeteiligung unter den älteren Arbeitnehmern, die uns das Narrativ der großen Kündigungswelle verkaufen will, beobachten wir, dass auch diese Altersgruppe größtenteils in den Arbeitsmarkt zurückgekehrt ist.

Die Daten belegen zwar, dass überdurchschnittlich viele Arbeitnehmer*innen ihren Arbeitsplatz gekündigt haben, aber sie zeigen auch zunehmend, dass sie woanders Arbeit gefunden haben. Sie haben den Arbeitsmarkt nicht verlassen. Ein Wirtschaftswissenschaftler veröffentlichte auf Twitter eine Datenauswertung: Er sieht in dem Phänomen eher ein großes Bäumchen-Wechsel-Dich als eine breite Kündigungswelle.

Es zeigt sich nun, dass es sich zum Teil um die übliche Arbeitsmarktfluktuation von Menschen handelte, die ihren Arbeitsplatz kündigen. Die Fluktuationsquote ist von Jahr zu Jahr relativ konstant, außer bei Eintritt außergewöhnlicher Umstände – wie einer Pandemie, in der die Menschen stärker an ihrem bestehenden Arbeitsplatz festhalten. Daher sank die Fluktuation zunächst. In dem Zuge, wie mehr Menschen geimpft waren und die Infektionszahlen zurückgingen, setzte die normale Arbeitsmarktfluktuation wieder ein, aber mit einer höheren Quote als sonst, da viele ihren Wunsch nach einem Jobwechsel vertagt hatten. Die höhere Quote war also einem vorübergehenden Nachholbedarf geschuldet, sinkt jetzt aber wieder auf das übliche Niveau.

Die wichtigsten Beschäftigungsindikatoren zählen Selbständige nicht mit. Und deren Zahl ist dramatisch gestiegen.

Ein zusätzlicher verwirrender Faktor, der die Statistiken verzerrt, war die Tatsache, dass die wichtigsten Beschäftigungsindikatoren Selbständige nicht mitzählen. Und deren Zahl ist dramatisch gestiegen: um über 600.000 gegenüber 2019, wie der Wirtschaftswissenschaftler Dean Baker feststellte. Manche Amerikaner meinten wohl, sie könnten ihren Lebensunterhalt durch Gründung eines eigenen Unternehmens verdienen (eine Einpersonengesellschaft, ähnlich der „Ich-AG" in Deutschland). Womöglich hat das als "Obamacare" bekannte flickenteppichartige US-Gesundheitsversorgungssystem diesen Gründertrend begünstigt. Durch Obamacare ist die Gesundheitsversorgung übertragbar geworden, sodass die Beschäftigten bei Kündigung ihres Arbeitsplatzes ihre Krankenversicherung behalten können. Berücksichtigt man den Anstieg der Selbständigkeit, zählt der Privatsektor nur 250.000 Erwerbstätige weniger als vor der Pandemie.

Aber werden diese neuen Selbständigen von ihrer Tätigkeit leben können? Ein Blick in die Geschichte lässt vermuten, dass es den meisten nicht gelingen wird. Nach Angaben des Bureau of Labor Statistics scheitern rund 20% der neuen Unternehmen in den ersten zwei Jahren nach ihrer Gründung, 45% in den ersten fünf Jahren und 65% in den ersten zehn Jahren. Nur 25% der Neugründungen überleben 15 Jahre oder länger. Man darf annehmen, dass sich auch die Zahl der Selbständigen wieder normalisieren wird, da vermutlich viele dieser Firmen scheitern werden und den betroffenen Arbeitnehmer*innen nichts anderes übrigbleiben wird, als wieder eine abhängige Beschäftigung zu suchen (und vielleicht ihr Einkommen im Nebenerwerb durch vereinzelte selbständige Aufträge aufzubessern).

Es sieht nicht mehr nach einer „großen Kündigungswelle" aus, geschweige denn nach einer Stärkung der Arbeitnehmer.

In Deutschland und der EU verpuffte jedweder Trend einer breiten Kündigungswelle, sofern überhaupt vorhanden, schnell wieder. In einigen EU-Mitgliedsstaaten war die Fluktuation etwas höher als sonst, aber viele EU-Staaten nutzten die Möglichkeit der Kurzarbeit in großem Umfang. Die Programme unterstützten angeschlagene Unternehmen, Millionen von Beschäftigten zu halten, wenn auch mit reduzierter Arbeitszeit. Der Staat subventionierte einen Teil ihres Lohns. Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, betonte, dass die EU-Mitgliedstaaten „nichts Vergleichbares wie die große Kündigungswelle erleben und unsere Erwerbsquoten sich wieder dem Niveau vor der Pandemie annähern".

Es sieht also nicht mehr nach einer „großen Kündigungswelle" aus, geschweige denn nach einer Stärkung der Arbeitnehmer. Es ist eher der "große Hype". Dass es viel Lärm um nichts war, hätte man sich denken können, weil sich für die Arbeitnehmer*innen kaum etwas grundlegend zum Besseren verändert hatte. Einer der entscheidenden Faktoren, der seit Jahrzehnten als wichtiger Indikator der Macht der Arbeitnehmer*innen und ihrer kollektiven Durchsetzungskraft und Einflussmöglichkeit dient, ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad der gesamten Erwerbsbevölkerung und bestimmter Schlüsselbranchen.

Daher ist es ein akutes Warnsignal, dass sich einem aktuellen Bericht des US Bureau of Labour Statistics zufolge der seit 70 Jahren andauernde Rückgang der Gewerkschaftsmitgliedschaft weiter fortsetzt. So fiel der Anteil der gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten in den USA von 10,8 Prozent (2020) auf nunmehr 10,3 Prozent (2021) – und bestätigte damit das Allzeittief von 2019. Auch der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Beschäftigten in der Privatwirtschaft erreichte mit 6,1% einen neuen Tiefststand.

Inzwischen sind mehr Daten verfügbar und wir können die Lücken im Narrativ der großen Kündigungswelle füllen: Es zeigt sich, dass die vermeintliche Kündigungswelle eher eine der Datenlage geschuldete Momentaufnahme war, der eine längerfristige Perspektive fehlte und so zu einer statistischen Fehlinterpretation führte. Diese wurde von einer Medienlandschaft aufgebauscht, die stets auf der Suche nach einer interessanten Meldung ist, auch wenn sie jeder Faktengrundlage entbehrt. Besser informierte Arbeitsmarktexperten und Ökonomen hätten dieser Geschichte nicht auf den Leim gehen sollen, denn sie ergab nie wirklich Sinn.

Noch ein Fall von „zu schön, um wahr zu sein“ - die "Sharing Economy“

Es ist nicht das erste Beispiel, wo ahnungslose Arbeitnehmer*innen von einer Medienlawine überrollt werden, obwohl alles eigentlich „zu schön, um wahr zu sein“ war. Man erinnere sich nur an die Schlagzeilen und die Aufregung um die "Sharing Economy". Den Strategen des Silicon Valley zufolge würden alle Arbeitnehmer*innen auf diese Weise die von ihnen heiß ersehnte Eigenständigkeit bekommen, weil „die Arbeit zu ihnen kommen" würde, per Smartphone. Man verkündete uns eine neue Art postkapitalistischer Phase und dass sich unser Denken anpassen müsse, um die Unsicherheit dieser Art von Arbeit – euphemistisch „Flexibilität" genannt – zu genießen. Die Techno-Booster-Kultur vertrat die These, dass junge Hochschulabsolventen auf schlechte Beschäftigungsaussichten mit einer Do-it-yourself-Einstellung reagieren würden, um dann als Selbständige durchzustarten und die Unternehmenswelt zu revolutionieren – Millionen von Mark Zuckerbergs, die nur darauf warten, loszulegen. 

Doch statt des irdischen Paradieses für Arbeiternehmer*innen entwickelte sich die „Sharing Economy" zu dem Albtraum, der heute „Gig Economy“ oder Plattformökonomie genannt wird. Unter Führung raffgieriger Unternehmen wie Uber und Upwork soll eine Gesellschaft von Selbständigen entstehen, in der sie riesige Reservepools prekärer Arbeitnehmer*innen als Verschiebemasse nach Belieben heuern und feuern können. Teilzeitbeschäftigung und die Solo-Selbständigen sind zum wichtigen Baustein der digitalen Ära geworden und zwingen Deutschland, die USA und andere entwickelte Volkswirtschaften, darüber nachzudenken, wie sie diese minderwertigen Beschäftigungsformen aufwerten können.

Die Startup-Manie – der nächste Kandidat für „zu schön, um wahr zu sein"

Abgesehen von der Plattformökonomie ist Deutschland wie ein liebeskranker Pennäler den Verlockungen des Silicon Valley erlegen, Startup-Unternehmen seien die Verkörperung von Innovation und künftigem Fortschritt. Als ich 2016 im Rahmen eines Studienaufenthalts an die American Academy in Berlin kam, wurde in Deutschland überall viel Aufhebens um die „Startup-Ökonomie“ betrieben. Ich kann mich erinnern, dass Reisende vor dem Berliner Flughafen Tegel von einem monströsen Plakat empfangen wurden, auf dem die Namen und Firmenlogos von über 250 deutschen Unternehmen prangten und das in plakativer roter Schrift verkündete: „THERE'S NO BETTER PLACE TO START UP" (Es gibt keinen besseren Ort für Start-ups.).

Auf meiner Reise von den großen Messen in Hannover und Frankfurt zu den digitalen Gründerzentren in Berlin hörte ich allerorts von zahlreichen Regierungs-, Wirtschafts- oder Technologievertretern gebetsmühlenartig: "Deutschland muss mehr wie das Silicon Valley werden... Wo sind die deutschen Facebooks, Googles und Apples?" Wie eine vertraute Wiederholung des Bilds von Deutschland als dem "kranken Mann Europas", das Ende der 1990er und Anfang der 2000er-Jahren den Diskurs beherrschte, kam nun oft die Frage: "Warum sind deutsche Unternehmen, insbesondere der Mittelstand, so schwerfällig und träge? Warum sind die Deutschen nicht fähig, Unternehmen zu gründen, die innovativer und 'bahnbrechender' sind? Wo sind die deutschen Startups, die mit einem schicken neuen Produkt begeistern, das jeder unbedingt haben will, und die schnell sehr groß und branchenführend werden?“

In der Zwischenzeit sind sechs Jahre vergangen und wir alle kennen die regelmäßigen Schlagzeilen über zahlreiche Missstände bei Meta-Facebook, Google, Uber, Airbnb, Amazon, Tesla und anderen Unternehmen. Viele der digitalen Unternehmen fühlen sich Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen nicht verpflichtet und scheren sich nicht um die gesellschaftlichen Auswirkungen ihres Handelns. Diese Konzerne verändern die Unternehmenswelt und ihre Geschäftspraktiken in einer Weise, die genau die Gesellschaft unterwandert, die sie angeblich in das 21st Jahrhundert führen wollen.

Als die Dot.com-Blase platzte, wäre ein Betriebsrat vielleicht doch keine so schlechte Sache gewesen.

Die Enttäuschung, wenn sich etwas als zu schön herausstellt, um wahr zu sein, ist altbekannt. Deutschland erlebte sie Ende der 1990er-Jahre während der ersten Dot.com-Blase. Die Arbeitnehmer*innen in Startup-Unternehmen dachten sich: „Was soll ich mit einem Betriebsrat? Die Bürotür meines Chefs steht immer offen, im Kühlschrank warten kostenlose Bio-Säfte auf mich, wir haben einen Tischkicker und einen Fitnessraum, und ich kann in Sneakers und Jeans zur Arbeit erscheinen. Wir sind zu cool für eine Gewerkschaft!" Dann platzte die Dot.com-Blase, viele Unternehmen gerieten in Schieflage und die neue Arbeitskultur löste sich schnell in Luft auf. Diese Unternehmen waren plötzlich nicht mehr hip, sondern verschickten Kündigungen. Es stellte sich heraus, dass ein Betriebsrat vielleicht doch keine so schlechte Sache gewesen wäre.

Jetzt geht die Dauerachterbahnfahrt durch eine Welt, in der vieles „zu schön ist, um wahr zu sein“ weiter. Indes sind die Tech-Unternehmen, deren Börsenbewertungen im Zuge der postpandemischen Erholung wie Ikarus der Sonne zuflogen, in den Sinkflug gegangen. Seit Anfang des Jahres ist der Nasdaq-Index für Technologieaktien um 23% gefallen, während der Aktienkurs von Meta-Facebook um 42%, Uber um 46%, Zoom um 40% und Amazon um 32% eingebrochen ist. Allein im Mai 2022 wurden mehr als 15.000 Beschäftigte im Technologiesektor entlassen, da sich die Unternehmen nach den Spitzen der postpandemischen konjunkturellen Erholung auf stagnierende Erlöse einstellen. 

Lehren in einer kapitalistischen Wirtschaft?

Welche Lehren kann man daraus ziehen? Man muss es laut und deutlich sagen: "Wenn etwas zu schön erscheint, um wahr zu sein, ist es das wahrscheinlich auch." Wie vor ihr schon die „Sharing Economy“, der Startup-Trend, die erste Dot.com-Blase und die digitale Wirtschaft allgemein gedeiht, lebt und nährt sich die Mär der großen Kündigungswelle auch vom Mediendunst, dem Silicon-Valley-Hype und der medialen Überhitzung. Diese Geschichten lenken uns ab und machen uns blind für das, was den Arbeitnehmer*innen wirklich helfen würde. Nur allzu oft wissen die Propagandisten aus dem Silicon Valley, die diese falschen Narrative in die Welt setzen, dass sie die Regierung, Medien, Gewerkschaften und Arbeitnehmer*innen nur dann überzeugen können, wenn sie ihr Programm als Gewinn für alle Beteiligten darstellen.

Doch wenn das ganze Gerede um mehr Arbeitnehmermacht nicht auf den Grundfesten beruht, die nachweislich die Erwerbstätigen stärken, wie wir aus den letzten 50-100 Jahren Arbeitsmarktentwicklung gelernt haben – hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad, starke betriebliche Arbeitnehmervertretung, wirkmächtiges Arbeitsrecht, niedrige Arbeitslosenquoten (einschließlich der „entmutigten“ Langzeitarbeitslosen), steigende Einkommen, Verringerung der Kluft zwischen Löhnen und Ausgaben (können sich die Menschen/Familien leisten, was sie brauchen und wollen?), Mitbestimmung … – dann sollten wir dem Propagandaapparat der Unternehmen mit seinen Auswüchsen misstrauen. Wir sollten den netten, samtweichen Parolen keinen Glauben schenken, sondern stattdessen gründlich nachdenken und die belastbaren Indikatoren wahrer Arbeitnehmermacht im Blick behalten.

Ein Ausblick: Erst allmählich wird uns das Ausmaß der Post-Covid-19-Transformation deutlich, während das mobile Arbeiten in Tiefe und Breite zunimmt. Diese Art „dezentraler Arbeitskräfte“ (siehe meine frühere Kolumne), die zunehmend aus Freiberuflern und Selbständigen besteht, ist schwieriger zu organisieren und wird die Solidarität unter den Arbeitnehmer*innen und den Einfluss der Gewerkschaftsbewegung weiter schwächen. Wie kann eine Gewerkschaft oder ein Betriebsrat Arbeitnehmer*innen organisieren, die zunehmend prekäre Beschäftigungsverhältnisse haben, überwiegend von zu Hause arbeiten und „per Algorithmus entlassen“ werden können, indem man ihnen einfach den Zugang zur digitalen Plattform sperrt?

Und dennoch hören wir schon: „Alles wird gut, ihr werdet die Flexibilität lieben. Das ist die Zukunft!" Warum sollten wir uns Sorgen machen? Schließlich haben sich die Hype-sters doch noch nie geirrt, oder?

Steven Hill

ist Autor von „Die Startup Illusion: Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert” und „Europe’s Promise: Why the European Way Is the Best Hope in an Insecure Age.” Er ist ehemaliger Senior Fellow an der New America Foundation in Washington DC. Für das Mitbestimmungsportal schreibt Steven eine Kolumne zur digitalen Wirtschaft und ihren Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Arbeitskräfte und die Gesellschaft.

Kontakt: @StevenHill1776