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Kolumne

Der „dezentrale Arbeitnehmer“

Von: Steven Hill 18.07.2018

In den letzten Jahren haben in Europa und in den USA Online-Plattformen sprungartig zugenommen, die „dezentrale Arbeitnehmer“, wie Freiberufler, Werkvertragsnehmer und Zeitarbeiter, vermitteln. Auch wenn solche Plattformen die Möglichkeiten einer flexiblen Beschäftigung erhöhen können, unterwandern sie die traditionelle Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die zur Durchsetzung von Arbeitsgesetzen, Bereitstellung sozialer Dienste und Umsetzung der Mitbestimmung erforderlich ist. Die Vertreter der Arbeitnehmerinteressen müssen neue Strategien entwickeln, damit die digitale Wirtschaft im 21. Jahrhundert nicht zu Arbeitsmärkten mit Bedingungen zurückkehrt, wie sie im 19. Jahrhundert üblich waren.

Wie wird die Arbeit der Zukunft aussehen? Werden Roboter unsere Arbeit übernehmen? Werden immer mehr Arbeitnehmer in Gelegenheitsjobs oder als Soloselbständige schuften und versuchen, über die Runden zu kommen? Oder werden mehr Arbeitnehmer eine flexible Teilzeitbeschäftigung genießen und dabei durch ein übertragbares Sicherheitsnetz geschützt, ohne Einbußen beim Einkommen und ihrer Sicherheit zu erleiden? Diese Fragen stellen sich viele Menschen in Deutschland, dem restlichen Europa oder den USA.

Kündigung per Algorithmus

In den letzten Jahren haben in Europa und den USA die Online-Arbeitsplattformen stark zugenommen, wie Mechanical Turk von Amazon, Uber, Airbnb, Foodora in Deutschland, Clickworker, WorkHub und Dutzende andere. Diese Unternehmen vermitteln selbständige Arbeitnehmer, die mittels einer App oder Webseite zeitlich befristete Arbeitsangebote („Gigs” genannt, also „Auftritte“ oder Einsätze) über ihr Smartphone erhalten. Als Auftragnehmer werden diese Arbeitnehmer in der Regel von den Auftraggebern nicht krankenversichert und erhalten keine Sozialleistungen. Außerdem haben sie wenig bis keine Arbeitsplatzsicherheit oder gewerkschaftliche Vertretung. Von diesen Arbeitnehmern kann man sich jederzeit ohne Kündigung trennen, indem man ihnen einfach den Zugang zur Onlineplattform verwehrt. Man spricht von „Kündigung per Algorithmus“.

Diese Plattformen werden als „verteilt operierende oder vernetzte Unternehmen“ („distributed companies“) bezeichnet und beauftragen eine „dezentrale Arbeitnehmerschaft“ („distributed workforces“), die in einigen Fällen über die ganze Welt verteilt sind. Früher mussten Unternehmen auf der Suche nach billigen Arbeitskräften in andere Länder ziehen oder Standorte dorthin verlagern. Heute können sie Outsourcing betreiben, indem sie online Arbeitnehmer an deren Wohnort beauftragen. In den USA hat sich die Zunahme der „dezentralen Arbeitnehmer“ im letzten Jahrzehnt verdoppelt; ihr Anteil entwickelt sich fast zehnmal so stark wie die restliche Erwerbsbevölkerung. Auch in Deutschland und anderen Ländern nimmt das Phänomen rasant zu. Unternehmen beauftragen gern Selbständige und Freiberufler, weil sie 25-30% ihrer Personalkosten einsparen, da sie sich nicht finanziell am Sicherheitsnetz beteiligen müssen, d. h. keine Beiträge für Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung, kein Urlaubsgeld etc.

Der Prototyp dieser neuen Art von Startup-Unternehmen ist Upwork, das im Silicon Valley ansässig ist. Man könnte die Firma als eine Art eBay für Arbeit sehen: Sie beschäftigt nur 250 Festangestellte, die mithilfe modernster digitaler Technologie geschätzt 10 Millionen Freiberufler und Selbständige weltweit verwalten. Auf Upwork findet sich ein breites Spektrum unterschiedlichster Berufe: Architekten, Ingenieure, Anwälte, Steuerberater, Webseiten- und App-Designer, Übersetzer, Illustratoren, Softwareentwickler, Programmierer und Grafikdesigner. Arbeitnehmer aus hochentwickelten Teilen der Welt wie Deutschland, Europa, den USA und anderen bieten bei Auftragsauktionen gegen Arbeitnehmer aus Rumänien, Indien, Thailand, China, Brasilien und den Philippinnen. Das Ergebnis ist eine weltweite Abwärtsspirale bei der Vergütung. Meine eigenen statistischen Analysen zeigen, dass die Hälfte bis zwei Drittel der Arbeitnehmer in Entwicklungsländern eine Vergütung von € 8 pro Stunde oder weniger verlangen, während es bei den deutschen oder amerikanischen Arbeitnehmern weniger als ein Fünftel sind. Zehntausende deutscher Arbeitnehmer suchen auf der Plattform Upwork Arbeit; diese Zahl wuchs über einen Sieben-Monats-Zeitraum um 300% auf 59.000. Upwork ist der größte Spieler in der digitalen Vermittlung von Arbeitskraft.

Zurück in die Zukunft für die Arbeitsmärkte

Neben Upwork haben andere Startups aus dem Silicon Valley wie TaskRabbit, Gigster, Handy, Guru und Freelancer.com digitale Arbeitsplattformen und mobile Apps geschaffen, über die ungeschützte Erwerbstätige gegeneinander für Aufträge bieten können, was häufig zur Folge hat, dass die Vergütung auf das Niveau des günstigsten Bieters sinkt. Wie funktionieren diese Online-Plattformen in der Praxis?

Wir treffen Leena Chitnis, Fulbright-Stipendiatin mit einem Abschluss in Betriebswirtschaft. Um sich während ihrer Arbeitsplatzsuche über Wasser zu halten, bot Chitnis die Verrichtung verschiedener Dienste auf Fiverr an. Fiverr ist eine Online-Plattform, die Abnehmer und Anbieter unterschiedlichster Kleinstaufträge und Dienste zusammenbringt. Nach insgesamt 27 Aufträgen, bei denen sie ständig wie ein Hamster im Rad rotierte, hatte sie den stolzen Betrag von 176 Dollar verdient. „Ich habe schon Bettler gesehen, die vor dem Supermarkt mehr Geld zusammenbekommen haben“, meint sie.

In vielen Fällen ist die Freude über die Flexibilität von kurzer Dauer und wird beschönigt.

Befürworter dieser neuen Arbeitsmethoden führen gern die flexiblen Arbeitszeiten an, die den Arbeitnehmern zugutekommen, die Zeit mit Familie, Freunden und außerberuflichen Hobbies verbringen können. Aber in vielen Fällen ist die Freude über die Flexibilität von kurzer Dauer und wird beschönigt. Nach einer Weile werden viele dieser neuen Art von Plackerei überdrüssig. Roman aus Berlin, der Videofilme für digitale Medien produziert, hat fast zehn Jahre lang als Freiberufler mühevoll seinen Lebensunterhalt mit solchen Aufträgen bestritten.

„Es war wirklich schwierig“, sagt er. „Es ist in Ordnung, es auszuprobieren, solange man jung ist. Aber wenn man erst mal 30 ist, möchte man mehr Sicherheit, mehr Einkommen.“ Heute ist Roman 35 Jahre alt und dankbar, dass er eine Festanstellung als Videofilmer an einer Technischen Hochschule in der Nähe von Dortmund gefunden hat. Seiner Meinung nach werden die Vorteile der „Flexibilität“ überbewertet. Er hat viele Freunde, die sich weiter als Freiberufler mit Kleinstaufträgen durchschlagen und sich dabei zermürben.

Um ein angemessenes Einkommen zu erzielen, hasten diese „dezentralen Arbeitnehmer“ von einem kurzfristigen Einsatz zum nächsten. Die Einsätze können zwei Wochen dauern, andere zwei Tage und manche nur zwei Stunden. Manche Arbeitnehmer haben mehrere Auftraggeber an einem Tag. Darüber hinaus arbeiten sie isoliert voneinander und sind deshalb schwer zu regulieren oder gewerkschaftlich zu organisieren. Als Freiberufler und Selbständige sind sie vom Schutz zahlreicher Arbeitsgesetze ausgenommen, auch des Mindestlohngesetzes. Es kommt vor, dass sie für die geleistete Arbeit nicht bezahlt werden. Eine Studie des US-amerikanischen Freiberuflerverbands (Freelancers Union) kam zu dem Schluss, dass 71% der Freiberufler Mühe haben, Zahlungen für geleistete Arbeit einzutreiben und sie dabei im Schnitt fast 6.000 US-Dollar im Jahr verlieren (13% ihres gesamten Einkommens), weil die Auftraggeber sich weigern, sie zu bezahlen.

Im Silicon Valley bezeichnet man diese Arbeitnehmer gern als „ihren eigenen Chef“, aber das sind nur Worthülsen, die die Situation beschönigen. Viele der (Schein-)Selbständigen sind kaum besser dran als schlecht bezahlte Tagelöhner. Sie bieten ihre Dienste im ungezügelten Wettbewerb gegeneinander an. Tatsächlich verbringen viele von ihnen mehr – unbezahlte – Zeit damit, ständig nach neuer Arbeit zu suchen statt zu arbeiten. Sie haben außerdem keine Arbeitsplatzsicherheit oder keine nennenswerte Absicherung durch den Sozialstaat.

Die Vergütung dieser Selbständigen variiert je nach Beruf sehr stark – in den technischen Branchen verdient man gut und kann davon angemessen leben, aber andere Berufe erzielen kaum den Mindestlohn. Eine Studie der Stanford University hat festgestellt, dass der mittlere Verdienst von Uber-Fahrern in den USA nicht mehr als 8 Euro pro Stunde beträgt, zieht man die beträchtlichen Kosten für die Bereitstellung des eigenen Fahrzeugs ab; etwa die Hälfte der Fahrer verdient weniger als den Mindestlohn. Das erklärt, warum nach Aussage einer internen Studie von Uber sowie anderer Studien die meisten Fahrer nach nur einem Jahr Arbeit über die Plattform aussteigen.

Die digitalen Arbeitsplattformen verwandeln das Wesen der Arbeit.

Die verteilt agierenden Unternehmen ähneln bisweilen staatenlosen Konzernen, die das Arbeitsrecht weitgehend ignorieren. Es ist kein Zufall, dass diese Online-Abruf-Unternehmen während der tiefsten Wirtschaftskrise in fast 100 Jahren solchen Aufwind erlebt haben, d.h. als die Arbeitslosenquote zweistellig war und die Lage der schwächsten Arbeitnehmer Druck auf alle Erwerbstätigen ausgelöst hat. Auch wenn die Online-Plattformen die Aussichten auf flexible Beschäftigung erhöhen und Arbeitnehmern in Schwellenländern sowie anderen Kategorien von Arbeitsmarkt-„Außenseitern“ mehr Beschäftigungschancen bieten können, unterwandern sie gleichzeitig die übliche Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Diese ist aber notwendig, um Arbeitsrecht durchzusetzen und Sozialschutz und -leistungen zu gewährleisten.

Die digitalen Arbeitsplattformen verwandeln das Wesen der Arbeit, da die Gig Economy mit ihrem Stückwerk den Arbeitsmarkt wieder in die Struktur des ausgehenden 19. Jahrhunderts zurückwirft. Heute erleben mehr Arbeitnehmer die prekäre Beschäftigung einer „virtuellen Fabrik“. Es ist die „Zurück in die Zukunft“ Neuerfindung dessen, was wir unter „Arbeit“ verstehen und was ein Beschäftigungsverhältnis ausmacht und eine unmittelbare Bedrohung für die kollektive Interessenvertretung, Betriebsräte und die Mitbestimmung.

Ohne Regulierung könnte die weitere Verbreitung des dezentralen Unternehmensmodells eine Zwei-Klassen-Gesellschaft schaffen – mit einer kleinen Oberschicht hochqualifizierter, gutbezahlter Arbeitnehmer mit ausreichender Beschäftigung und sozialer Absicherung. Demgegenüber stünde eine viel größere Unterschicht, bestehend aus Arbeitnehmern mit mittleren und geringen Einkommen, die kaum oder keine soziale Absicherung und Arbeitsplatzsicherheit haben. In dem Maße, wie Automatisierung und algorithmengestützte „intelligente Software“ Eingang in die Geschäftsmodelle finden, könnten jedoch auch hochqualifizierte und gutbezahlte Wissensarbeitnehmer von Erwerbslosigkeit bedroht sein.

Regulierungen für eine vernetzte Welt

Das schnelle Wachstum dieser verteilten Unternehmen und ihrer Arbeitnehmer ist in den USA stärker als irgendwo sonst. Aber diese Unternehmen und die Vermittlungsplattformen für Arbeit auf Abruf sind auch in Deutschland und dem restlichen Europa auf dem Vormarsch. Diese Form der Beschäftigung stellt für unsere Gesellschaften ein existenzielles Dilemma dar. Welche Politiken und Regulierungen können in dieser aufstrebenden digitalen Wirtschaft dafür sorgen, dass die Gesellschaft die neuen Arbeitsmethoden nutzen kann, um breiten Wohlstand zu gewährleisten?

Die dezentralen Arbeitnehmer müssen die Möglichkeit der Umschulung und Weiterbildung, des Beschäftigungs- und Arbeitsschutzes, erschwinglichen Zugang zu schnellem Internet (ein Muss für ihr „virtuelles Büro“) und andere Unterstützung haben. Es gilt, Mindeststandards für die Vergütung, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, Arbeitszeiten und Sozialschutz festzulegen, damit diese Form der Arbeit weniger ausbeuterisch ist. Rechte und Pflichten sollten auf Freiberufler und Selbständige ausgeweitet werden. Dies gilt auch für die Vertretung durch Betriebsräte und Gewerkschaften, Tarifverhandlungen und Mitbestimmung.

Die Ausweitung dieser Rechte wird kein leichtes Unterfangen. Vor kurzem haben sich die deutschen Arbeitnehmer der Plattform-Startups Foodora und Deliveroo in Betriebsräten organisiert. Diese Online-Plattformen bieten Fahrrad-Lieferdienste für Essen aus Restaurants. Die Arbeit ist körperlich anstrengend und sogar gefährlich, daher haben die Fahrradkuriere bei beiden Unternehmen in Deutschland begonnen, Proteste und öffentliche Kampagnen zu organisieren, um so Druck für die Schaffung besserer Arbeitsbedingungen aufzubauen. Dies führte letztlich zur Bildung von Betriebsräten, aber auch zu Vergeltungsmaßnahmen und Drohungen der Unternehmen gegen die Köpfe dieser Organisationsbemühungen.

Darüber hinaus urteilte ein deutsches Gericht, dass die Muttergesellschaft von Foodora, Delivery Hero, es den Arbeitnehmern ermöglichen muss, 50% der Aufsichtsratsmitglieder zu wählen. Von den drei Sitzen für die Arbeitnehmerseite ist einer sogar mit einem Fahrradlieferanten („rider“) besetzt. Es ist ein Fortschritt, aber es bleibt ein Kampf, diesem multinationalen Unternehmen arbeitnehmerfreundliche Politiken abzuringen. Für die Zukunft bleibt eine wesentliche Frage bei diesen Plattformunternehmen, ob die Arbeitnehmer als abhängig Beschäftigte oder Selbständige für sie tätig sind, da die Anzahl der abhängig Beschäftigten über den Umfang der Mitbestimmung entscheidet.

Ein weiterer notwendiger Schritt ist die Aufnahme aller „dezentralen Arbeitnehmer“ in eine neue Art von übertragbarem und universellem Sicherheitsnetz, das die Mitfinanzierung ihrer Sozialversicherungsbeiträge durch alle sie beauftragenden Unternehmen sicherstellt. Dies könnte eine Art „Künstlersozialkasse für alle“ sein und auf der bestehenden Unterstützung aufbauen, die es in Deutschland für Künstler, Musiker, Journalisten und bestimmte Arten von Telearbeitnehmern in Deutschland gibt. So könnte ein System entstehen, das alle Berufe erfasst, die derzeit durch das sozialstaatliche Raster fallen.

Arbeitnehmerdaten könnten es ihnen ermöglichen, sich kollektiv zu organisieren.

Die Lage dieser dezentralen Arbeitnehmer könnte auch dadurch verbessert werden, dass die richtigen Daten von diesen verteilten Unternehmen erhoben werden. Ganz gleich, ob es um die Falscheinstufung von Arbeitnehmern als (Schein-)Selbständige, Verstöße gegen das Arbeitsrecht und die Arbeitsbedingungen oder den Missbrauch der Online-Überwachung von Arbeitnehmern durch „ihre“ Unternehmen geht: Der Zugang zu Daten ist wichtig, um „dezentralen Arbeitnehmern“ zu Rechten zu verhelfen. Anstatt dezentrale Arbeitnehmer zu einem isolierten Dasein zu verdammen, könnten diese Daten es ihnen ermöglichen, sich gegenseitig zu kontaktieren und kollektiv zu organisieren.

In dem Maße, wie mehr Arbeitnehmer von Online-Plattformen vermittelt werden, müssen auch die nationalen Steuerbehörden die Beschäftigungsdaten erhalten, um die dezentralen Arbeitnehmer zu erfassen, damit Steuern und Sozialabgaben von ihnen und ihren Auftraggebern erhoben werden können. Diese verteilten Firmen unternehmen alles, um Besteuerung und Regulierung zu umgehen. Die Regierungen müssen ihre Datenerfassung entsprechend anpassen, denn ansonsten wird das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Regulierungsbehörden und den Unregulierten die Finanzierung des Sozialstaats untergraben.

Die Rolle der Gewerkschaften und Interessenvertretungen

In den USA würde man erwarten, dass die Gewerkschaften solche Bemühungen vorantreiben, aber leider war dies selten der Fall. In einer Zeit der ständigen Angriffe der Administration Trump auf die Arbeitnehmer und ihre Vertreter und nach einem jahrzehntelangen Rückgang des gewerkschaftlichen Organisationsgrads (auf weniger als 7% Prozent der Beschäftigten im privaten Sektor) fehlen den Gewerkschaften die Ressourcen oder das Wissen, um diese Herausforderung anzugehen. Die Bemühungen in den USA ein übertragbares Sicherheitsnetz zu schaffen, wurden ernsthaft diskutiert, aber die Gewerkschaften haben die Idee nie ganz mitgetragen, obwohl sie vom früheren Präsidenten Barack Obama und einer Reihe führender Politiker der demokratischen Partei unterstützt wurde. In der Frage der digitalen Wirtschaft und Regulierung verteilter Unternehmen kämpfen die Gewerkschaften in den USA um Ideen, Visionen und Inspiration.

Die sozialen Netzwerke haben sich als probates Medium erwiesen, um Informationen auszutauschen und gemeinsame Interessen zu bündeln.

In diesem Vakuum haben verschiedene Arbeitnehmergruppierungen begonnen, Facebook-Gruppen als Instrument zur Online-Organisation zu nutzen, das ihnen eine kollektive Stimme geben kann. Selbständige in verschiedenen Berufen gründen ihre eigenen Online-Communities, in denen sie sich mit Berufskollegen vernetzen, die sie noch nie persönlich getroffen haben. Die sozialen Netzwerke haben sich als probates Medium erwiesen, um Informationen auszutauschen und gemeinsame Interessen zu bündeln. So haben zum Beispiel die Lieferfahrer bei Instacart über ihre Facebook-Gruppe einen eintägigen Lieferstreik organisiert, um für eine höhere Vergütung zu kämpfen. Es sind zahlreiche Facebook-Gruppen entstanden, die Fahrer von Mitfahrdiensten unterstützen, einschließlich „Uber and Lyft Drivers Breakroom“. Die Gruppe zählt 27.000 Mitglieder und die Fahrer können hier Branchenpraktiken und Strategien zur Organisation der Arbeitnehmer diskutieren.

Städte wie New York und Seattle haben versucht arbeitnehmerfreundliche, gemeinnützige Agenturen zu stärken, um sich für die Fahrer solcher Mitfahrdienste einzusetzen. So hat zum Beispiel die Independent Drivers Guild (IDG) eine Petition organisiert. Diese ruft New York City auf, ein Gesetz zu verabschieden, das eine Mindestvergütung und eine Obergrenze für die Anzahl der Fahrer solcher Mitfahrdienste festlegt. Obwohl die IDG keine Gewerkschaft ist, hat Uber zugestimmt, die Organisation als Fahrervertretung anzuerkennen. Aber Uber hat die IDG auch finanziell unterstützt, weshalb die New York Taxi Workers Alliance die IDG als „unternehmensfinanzierte Pseudo-Gewerkschaft“ bezeichnet.

Die US-amerikanischen Gewerkschaften unterstützen derzeit einen Gesetzesentwurf des US-Senators (und früheren Präsidentschaftskandidaten) Bernie Sanders – ein parteiloser Politiker, der dem demokratischen Lager nahesteht. Dieses Gesetz würde für Arbeitnehmer, vor allem die dezentralen, den Nachweis erleichtern, dass sie Beschäftigte des Unternehmens sind und das Recht haben, sich gewerkschaftlich zu organisieren und mit der Geschäftsleitung zu verhandeln. Aber solange die Republikaner die Mehrheit im Kongress haben und den Präsidenten stellen, hat dieser Gesetzesentwurf keinerlei Aussicht auf Verabschiedung.

Das Phänomen der dezentralen Arbeit nimmt in der digitalen Wirtschaft zu und die Interessensvertretungen der Arbeitnehmer müssen ihre Strategien für die digitale Welt des 21. Jahrhundert anpassen, bevor wir zu den Bedingungen des 19. Jahrhunderts zurückkehren.

Steven Hill

Steven Hill

ist Autor von „Die Startup Illusion: Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert” und „Europe’s Promise: Why the European Way Is the Best Hope in an Insecure Age.” Er ist ehemaliger Senior Fellow an der New America Foundation in Washington DC. Für das Mitbestimmungsportal schreibt Steven eine Kolumne zur digitalen Wirtschaft und ihren Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Arbeitskräfte und die Gesellschaft.

Kontakt: @StevenHill1776