Kolumne
In den USA wächst der Widerstand gegen KI-Technologie
Ein breiter Querschnitt der US-Bevölkerung wehrt sich gegen riesige Datenzentren und Big-Tech. Jetzt formiert sich auch in Deutschland und Europa Widerstand. Kann der Druck die Entwicklung aufhalten?
In seiner kürzlich erschienenen Enzyklika Magnifica humanitas stellt Papst Leo XIV. fest, dass die Menschheit an einem kritischen Scheideweg und vor einer entscheidenden Wahl steht, was die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz und Digitalisierung auf unsere Gesellschaften betrifft. In den USA wächst die Zahl der Menschen jedweder politischen Couleur, die über die Beschleunigung der KI besorgt sind. Es formiert sich allmählich öffentlicher Widerstand.
Bei Examensfeiern an Universitäten werden Abschlussredner*innen, die von den vermeintlichen Vorzügen der KI sprechen, von Absolvent*innen lautstark ausgebuht, die wegen KI nicht den Einstieg in den Arbeitsmarkt schaffen. Da es kein landesweites Gesetz zur Regulierung von KI gibt, verabschieden die Regierungen einzelner Bundesstaaten und Kommunalverwaltungen von Kalifornien bis Florida und über das gesamte ideologische Spektrum hinweg ihre eigenen Rechtsvorschriften zur KI. Alle 50 Bundesstaaten haben Maßnahmen zu Themen beschlossen, die von Einstellungsalgorithmen über Deepfakes bis zum Jugendschutz reichen.
Nahezu zwei Drittel sind gegen den Bau von Rechenzentren in ihrer Nähe.
Zu den stärksten Protesten kam es zuletzt im amerikanischen Kernland, wobei ein Thema die Gemüter erhitzt und vor Ort den Widerstand anfacht: die schnelle Verbreitung riesiger Rechenzentren für die Datenspeicherung in der Cloud und für die Berechnungen der künstlichen Intelligenz. Immer mehr Menschen wird klar, dass der Bauboom einer eher ungewöhnlichen Allianz zwischen US-Präsident Donald Trump und dem liberaleren Silicon Valley geschuldet ist. Gemeinsam versuchen sie, möglichst schnell große Rechenzentren im ganzen Land zu bauen. In den letzten Monaten hat sich relativ schnell starker Widerstand geregt. Einer aktuellen Umfrage zufolge sind fast zwei Drittel der Wählerschaft in den USA gegen den Bau solcher Rechenzentren in ihrer Kommune.
Widerstand sowohl aus dem rechten wie dem linken politischen Spektrum
Inzwischen machen Dutzende von Kommunen mobil, um die Ausbreitung in ihrer Region zu stoppen. Und es sind nicht nur die üblichen progressiven Enklaven, von denen man solchen Widerstand erwarten würde. Eine Form der Gegenwehr sieht so aus, dass die örtliche Protestbewegung versucht, ein Moratorium gegen den Bau eines Rechenzentrums in ihrer Kommune, Stadt oder in ihrem Bundesstaat zu erwirken. Als in dem Ort Luther im Bundesstaat Oklahoma bekannt wurde, dass der Bürgermeister geheime Verhandlungen im Hinterzimmer mit dem Unternehmen Beltline führte, um einen „Deal“ abzuschließen, erschienen im Juni die Einwohner*innen zu Dutzenden bei den Sitzungen ihres Stadtrats. Dieser beugte sich dem Druck der Anwohner*innen und beschloss einen sechsmonatigen Baustopp für Rechenzentren.
Im kalifornischen Monterey Park haben die Einwohner*innen im Juni 2026 per Volksentscheid beschlossen, den Bau von Rechenzentren dauerhaft zu verbieten, und haben damit als erste Stadt in den USA, eine solche Entscheidung an der Wahlurne herbeigeführt. Mehr als 100 amerikanische Kommunen und Städte haben einstweilige Moratorien oder vollständige Verbote von Rechenzentren beschlossen. Zahlreiche Städte und Kreise von New Orleans über Tulsa bis Seattle, Oklahoma City, Orange County (North Carolina), Prince George's County (Maryland) und in anderen Landesteilen wurden Neubauten ausgesetzt, um zunächst die örtlichen Folgen abzuschätzen. Im Bundesstaat New York hat die demokratische Gouverneurin Kathy Hochul einen einjährigen Baustopp für Datenzentren mit einem Stromverbrauch über 50 Megawatt verhängt. Damit setzt New York als erster Bundesstaat in den USA ein umfangreiches Moratorium um. Der texanische republikanische Gouverneur Greg Abbott, der politisch rechts steht und der MAGA-Bewegung angehört, hat vor kurzem angekündigt, dass die Genehmigung neuer Rechenzentren so lange ausgesetzt wird, bis der Bundesstaat eine gründliche Abschätzung ihrer Folgen für die staatlichen Ressourcen durchgeführt hat. Diese Ankündigung folgte auf einen Bericht des Electric Reliability Council of Texas (ERCOT), der das Stromnetz des Bundesstaats betreibt und angibt, dass derzeit Anträge für Stromanschlüsse in Höhe von 474 Gigawatt geprüft werden – das entspricht dem Fünffachen der texanischen Spitzenlast. Weitere 13 Bundesstaaten haben Gesetze beschlossen, die den Bau von Rechenzentren vorübergehend aussetzen.
Gewählte Amtsträger*innen verhandeln oft im Geheimen mit den Unternehmen hinter den Rechenzentren.
Die Wut über die Rechenzentren wird teils dadurch befeuert, dass oft gewählte Amtsträger*innen im Geheimen mit den Unternehmen verhandeln, die die Rechenzentren betreiben. Wenn es publik wird, dass ein Abschluss bevorsteht, wird die Öffentlichkeit misstrauisch und reagiert geschlossen mit heftigem Widerstand. Die öffentliche Empörung über beschleunigte baurechtliche Verfahren, den massiven Wasser- und Strombedarf und geheimniskrämerische Verschwiegenheitserklärungen zwischen den kommunalen Behörden und den KI-Bauherren hat zu Vorwürfen politischer Korruption geführt. Abgeordnete in Ohio und anderen Bundesstaaten, die umfangreiche Gesetzgebungsverfahren über Versorgungsanschlüsse für den Tech-Sektor bearbeiteten, mussten sich wegen nicht offengelegter Verbindungen zur Industrie oder wegen Führungspositionen in Energieausschüssen Ethik-Untersuchungen stellen. Die Generalanwältin und damit oberste Gesetzeshüterin von Michigan verklagt die Kommission des Bundestaats Michigan für den öffentlichen Dienst. Der Klagegrund: Deren Arbeit hinter verschlossenen Türen, um schnell ein riesiges Rechenzentrum ohne öffentliche Beteiligung abzusegnen.
Die Menschen haben den Eindruck, dass uns diese Technologie gegen unseren Willen aufgezwungen wird.
Geheime Deals
Während die Wut in der Bevölkerung zunimmt, haben Dutzende von Kommunen in den USA Petitionen zur Abberufung örtlicher Amtsträger*innen wegen deren Unterstützung für große Datenzentren in die Wege geleitet. In der knallroten MAGA-Hochburg Festus im Bundesstaat Missouri, wo Donald Trump 2024 bei den Präsidentschaftswahlen 67% der Wählerstimmen erhielt, wurde die Amtsenthebung des Bürgermeisters und von drei Ratsmitgliedern beantragt, weil sie ein Rechenzentrum mit einem Investitionsvolumen von 6 Milliarden Dollar genehmigt hatten. Lyon Township in Michigan, Fort Meade in Florida, Box Elder County in Utah, Temple und San Angelo in Texas und weitere konservative Städte sammeln ebenfalls Stimmen für solche Amtsenthebungsverfahren. Es gibt mindestens 33 einzelne solcher Verfahren, die nicht weniger als 58 lokale Amtsträger*innen in sieben Bundesstaaten betreffen, die wegen Beschlüssen zur Genehmigung von Rechenzentren ihres Amts enthoben werden sollen. Wähler*innen in den Bundesstaaten Kalifornien, Florida, Michigan, Missouri, Montana, Oklahoma, Oregon und Texas unternehmen derzeit Bemühungen, Amtsträger*innen wegen ihres Umgang mit Vorschlägen für Rechenzentren abzuberufen. Ein Aktivist sagte dazu: „Die Menschen haben den Eindruck, dass uns diese Technologie gegen unseren Willen aufgezwungen wird.”
Die Protestaktionen haben inzwischen ein solches Ausmaß erreicht, dass sie sich allmählich auf die Fähigkeit der Technologiekonzerne auswirken, ihre Rechenzentren in dem von ihnen gewünschten Tempo zu bauen. Bei der Entscheidung über die Zeichnung von Anleihen für den Bau von KI-Rechenzentren behandeln die Anleger*innen an der Wall Street den lokalen und politischen Widerstand zunehmend als konkrete Finanzgröße. Neben traditionellen Kredit- und Finanzprüfungen bewerten große Finanzinstitute wie die Bank of America inzwischen die Akzeptanz der lokalen Bevölkerung und den Genehmigungsstatus, bevor sie Milliardensummen vergeben. Im ersten Quartal 2026 wurden laut dem Marktforschungsunternehmen Data Center Watch mindestens 75 Projekte mit einem Gesamtwert von etwa 130 Milliarden US-Dollar durch lokalen Widerstand verhindert oder verzögert. Der Rechenzentrumsbetreiber QTS, der dem Private-Equity-Konzern Blackstone gehört, entschied sich, keine Bankfinanzierung für sein inzwischen eingestelltes Rechenzentrumprojekt „Prince William Digital Gateway“ in Virginia zu beantragen, nachdem das Projekt auf massiven lokalen Widerstand gestoßen war.
Die Bedürfnisse der lokalen Kommunen werden missachtet und als Kollateralschaden behandelt.
Warum diese heftige Gegenwehr?
Ungeachtet davon, ob die Stadt eher konservativ oder liberal bzw. mehrheitlich demokratisch oder republikanisch wählt, lassen sich die Gründe für diesen heftigen Widerstand gegen die Rechenzentren auf die immer gleichen Faktoren reduzieren: Die Zentren verbrauchen zu viel Wasser und Strom und drohen die Preise für die Allgemeinheit in die Höhe zu treiben. Sie haben einen enormen Flächenverbrauch und verursachen übermäßige Luft- und Wasserverschmutzung sowie einen Dauergeräuschpegel durch die Kühlsysteme der Anlagen. Ich habe bereits in einem früheren Artikel für das Mitbestimmungsportal über einige dieser Faktoren berichtet (siehe „Im globalen Wettlauf um KI-Infrastruktur steht viel auf dem Spiel“). Aber ein halbes Jahr später hat sich die rasante Entwicklung noch weiter beschleunigt. All diese negativen Seiten werden Städten und Gemeinden aufgezwungen, ohne dass die Bewohner*innen Gelegenheit bekommen, die ökologischen und sozialen Kosten abzuwägen. Angesichts der Investitionen in Höhe mehrerer hundert Milliarden wissen alle, dass es hier um viel Geld geht. Es macht sich das Gefühl breit, dass die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung geflissentlich missachtet und als Kollateralschaden behandelt werden, während US-Präsident Donald Trump und seine Big-Tech-Verbündeten versuchen, den um sich greifenden Goldrausch zu steuern und zu kontrollieren.
Über die USA verteilt gibt es aktuell mehr als 4.400 Rechenzentren. Ein Bericht der University of Michigan fand heraus, dass ein Rechenzentrum genauso viel Strom verbrauchen kann wie 2.000 Einfamilienhäuser. Zudem benötigen sie große Wassermengen zur Kühlung, wobei ein typisches Rechenzentrum täglich 300.000 Gallonen (ca. 1,135 Millionen Liter) Wasser (in etwa so viel wie 1.000 Haushalte) verbraucht. Sehr große Rechenzentren können jedoch Schätzungen zufolge rund 5 Millionen Gallonen (knapp 19 Millionen Liter) Wasser täglich verbrauchen, was dem Tagesverbrauch einer Stadt mit 10.000 bis 50.000 Einwohner*innen entspricht. Ein solcher Verbrauch kann die örtliche Wasserversorgung überfordern, vor allem in wasserarmen Regionen. Das Gleiche gilt für die Kapazität des Stromnetzes. Die Versorgungsunternehmen müssen dann in den Ausbau der Infrastruktur investieren und werden versuchen, die Kosten an die Verbraucher*innen weiterzugeben, was zu höheren Strom- und Wasserrechnungen führt.
Auch in Europa und Deutschland regt sich langsam Widerstand gegen Rechenzentren
Auch in Europa scheint sich allmählich Widerstand gegen die Rechenzentren zu formieren, wenn auch langsamer. Nach einem massiven Ausbau in Irland, der Berichten zufolge für 22 Prozent des Stromverbrauchs im Land verantwortlich ist, wurden neue Rechenzentren im Großraum Dublin zunächst auf Eis gelegt. Die Regierung verlangt jetzt, dass sich alle neuen Standorte „selbst mit Strom versorgen müssen“, indem sie ihre eigene Versorgungsstation bauen. In den Niederlanden führten starke Proteste von Umweltschützer*innen zum Baustopp mehrerer Megarechenzentren in der Provinz Nordholland. Amsterdam hat zudem den Bau oder die Erweiterung von Rechenzentren in der Stadt bis mindestens 2030 verboten. In Dänemark ist das Stromnetz mittlerweile durch einen sprunghaften Anstieg des Stromverbrauchs, der größtenteils auf die Rechenzentren zurückzuführen ist, sehr beansprucht. Deshalb hat die Regierung einen Gesetzesentwurf im Parlament eingebracht, wonach neue Datenzentren beim Anschluss an das Stromnetz die niedrigste Priorität haben sollen. Der Gesetzesvorschlag, den eine breite fraktionsübergreifende Mehrheit von 80% der Abgeordneten unterstützt, würde private Haushalte, das Gesundheitswesen, die Industrie, den Verkehrssektor sowie Vorhaben zum Ausbau erneuerbarer Energien Vorrang gegenüber Rechenzentren geben.
Rechenzentren gelten als Motor für die Schaffung nationalen Wohlstands und für die internationale Positionierung im weltweiten Rennen um KI-Kapazitäten. Aber zu welchem Preis?
Auch in Deutschland regt sich der Widerstand. Viele Rechenzentren befinden sich im Umland von Frankfurt am Main und neue milliardenschwere Investitionen sind in der Umsetzung. Anwohner*innen protestierten, als das amerikanische Unternehmen Edgeconnex den Bau eines Rechenzentrums im hessischen ländlich geprägten Main-Kinzig-Kreis plante, da dessen hoher Strombedarf durch den Bau eines eigenen zusätzlichen Gaskraftwerks gedeckt werden soll. Das milliardenschwere Vorhaben liegt auf Eis. Der Stadtrat von Groß-Gerau stimmte gegen den Bau eines Rechenzentrums, das zu den größten in der Rhein-Main-Region gehört hätte. Der Widerstand scheint flächendeckend zuzunehmen, wie eine Konferenz in Berlin mit dem Titel „Cables of Resistance“ zeigt, an der im April Hunderte von KI-Kritiker*innen teilnahmen.
Julian Bothe von AlgorithmWatch sagt, dass sich in Berlin-Brandenburg und Köln öffentlicher Widerstand gegen Rechenzentren regt. Auch in Mainburg, wo ein Gaskraftwerk geplant ist, um ein Rechenzentrum mit Strom zu versorgen, kommt es zu Gegenwehr. Die in Berlin ansässige Nichtregierungsorganisation AlgorithmWatch ist eine Triebfeder des Widerstands. Sie hat einen Leitfaden veröffentlicht, wie örtliche Bürgerinitiativen den Bau von Rechenzentren stoppen können. Viele besorgte Bürger*innen befürchten, dass die deutsche Bundesregierung in den Fängen einer irregeleiteten politischen Agenda ist, die Rechenzentren als Katalysatoren für nationalen Wohlstand und eine gute internationale Positionierung im weltweiten Rennen um KI-Kapazitäten sieht. Aber zu welchem Preis?
Das massive Drängen auf umfangreiche Investitionen in Rechenzentren hält an.
Diese Auseinandersetzungen in den USA, Deutschland und der EU werden so schnell nicht beigelegt werden. Auch wenn der Widerstand der Bevölkerung den Bau einiger Rechenzentren verzögert oder sogar gänzlich gestoppt hat, hält das massive Drängen auf umfangreiche Investitionen in Rechenzentren, unvermindert an. In den USA sollen die geplanten Ausgaben für Rechenzentren in den nächsten fünf Jahren Schätzungen zufolge 2,4 Billionen US-Dollar erreichen. Für Europa sind in den nächsten fünf Jahren Investitionen von 208 Milliarden US-Dollar geplant (ca. 178 Milliarden Euro), in Deutschland sind es 20,2 Milliarden US-Dollar (ca. 17,2 Milliarden Euro). Es scheint unausweichlich, dass der immer schnellere Fortschritt der KI-Technologie große Verwerfungen in unseren Gesellschaften, der Wirtschaft, Umwelt und Erwerbsbevölkerung verursachen wird. Die Frage ist, ob der Widerstand aus der Bevölkerung die Regierungen dazu bewegen kann, einige dringend notwendige Leitplanken einzuziehen, um diese entstehende Infrastruktur einzuhegen, damit der Schaden minimiert und die Vorteile genutzt werden können.
Englische Fassung der Kolumne
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