Wasserstofftransformation Niedersachsen
Regionalanalyse: Grünen Wasserstoffhochlauf beschleunigen
Eine Regionalanalyse für das Land Niedersachsen plädiert für einen zügigen Wasserstoffhochlauf, um Klimaneutralität zu erreichen, Arbeitsplätze zu sichern und wirtschaftliches Wachstum anzukurbeln.
Die hohen Erwartungen an eine Umstellung der energieintensiven Branchen wie die Stahl- und Zementindustrie auf klimaschonenden Wasserstoff sind derzeit gedämpft. Von den weltweit für 2023 angekündigten Produktionskapazitäten für grünen Wasserstoff wurden bisher gerade einmal sieben Prozent realisiert. Große Unternehmen wie ThyssenKrupp und Arcelor Mittal stellen sowohl die technologische Machbarkeit als auch die Wirtschaftlichkeit der Herstellung und Nutzung von Wasserstoff für die Stahlerzeugung infrage.
Johannes Grabbe, DGB-Bezirk Niedersachsen – Bremen – Sachsen-AnhaltWir brauchen eine nachhaltige Energieversorgung hier in Niedersachsen. Wasserstoff ist ein bedeutender Schlüssel dazu.
Was aber würde es für ein energiehungriges Land wie Niedersachsen bedeuten, wenn sich der angestrebte Wasserstoffhochlauf nicht realisieren würde? Welche Folgen hätte es, wenn stattdessen alles so weiter laufen würde wie bisher?
Der DGB Niedersachsen fordert bereits seit Jahren einen zügigen Ausbau der Wasserstoffwirtschaft. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung untermauert seine Position: Ohne grünen Wasserstoff wird es dem Land nicht gelingen, gleichzeitig klimaneutral zu werden und attraktiver Industriestandort zu bleiben.
„Wir brauchen eine Perspektive für den Wirtschaftsstandort Niedersachsen mit einer nachhaltigen Energieversorgung, die verlässlich, bezahlbar und dauerhaft gewährleistet ist“, sagt Johannes Grabbe, Experte für Wirtschafts-, Umwelt- und Europapolitik beim DGB Niedersachsen. „Deshalb möchten wir eine öffentliche Debatte über eine vernünftige Industriepolitik in Gang bringen.“ Die Studie unterstütze regionale Akteur*innen dabei, diese mit Substanz und auf der Basis konkreter Daten und Fakten zu führen.
Tatsache ist: Die Bundesregierung will zwar an der im Juni 2020 beschlossenen Nationalen Wasserstoffstrategie festhalten. Im Moment aber stehen viele Projekte unter Finanzierungsvorbehalt. Und die aktuelle Diskussion rund um die Förderung und Nutzung von Wasserstoff schafft Verunsicherung. „Es fehlt das politische Bekenntnis zu einer effizienten Wasserstoffstrategie“, so Grabbe. „Das beklagen vor allem unsere Kolleginnen und Kollegen in den energieintensiven Branchen, die die Entwicklungen in Sachen Energiewende hautnah mitbekommen und von ihnen betroffen sind.“
Blick auf die Region
Als wichtige Etappe auf dem Weg zur Klimaneutralität, die bundesweit für das Jahr 2045 angestrebt wird, will die Bundesregierung bis 2030 mindestens zehn Gigawatt an Elektrolyseleistung zur Herstellung von grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Quellen erreichen. Davon soll das Land Niedersachsen ein Viertel erbringen.
„Zu teuer, zu wenig wirtschaftlich, heißt es dann schnell“, kritisiert Anke Mönnig, Teilbereichsleitung Wirtschaft und Soziales der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung mbH in Osnabrück, die die Studie erarbeitet hat. „Aber die wenigsten herkömmlichen Analysen nehmen die sozialen und volkswirtschaftlichen Folgen einer Abkehr von den Ausbauzielen in den Blick. Dann nämlich würden sie zu anderen Ergebnissen kommen.“
Ihre Studie stellt zwei Szenarien gegenüber: die konsequente Umsetzung der nationalen Wasserstoffstrategie auf Bundesebene mit einer hohen Wasserstoffproduktion in Niedersachsen (Wasserstoff-Szenario); alternativ eine Produktionsreduktion, die geboten wäre, um das Ziel „Klimaneutralität bis 2045“ einhalten zu können (Referenz-Szenario). Beide Szenarien werden in der Studie bezüglich ihrer Wirkungen auf die niedersächsische Wirtschaft, die industrielle Produktionsweise, die Infrastruktur und den Arbeitsmarkt geprüft.
Wasserstoffhochlauf wirkt sich günstig aus
Beim Wasserstoff-Szenario zeigen sich für Niedersachsen mittel- und langfristig deutlich positive Wachstums- und Beschäftigungseffekte. Das Bundesland könnte bis 2030 eine Elektrolysekapazität von bis zu fünf Gigawatt aufbauen. Das entspräche der Hälfte der in der nationalen Wasserstoffstrategie angestrebten inländischen Elektrolysekapazität in Deutschland. Gleichwohl bliebe Wasserstoff ein knappes Gut. Daher dürfte er vorrangig für die Dekarbonisierung der Industrieprozesse – und zwar vor allem in der Metall- und Chemieindustrie – wie auch in Teilen des Transports- und Verkehrssektors, insbesondere bei Schwerlasttransporten und in der Luft- und Schifffahrt, zum Einsatz kommen.
Ein zügiger Wasserstoffhochlauf könnte vor allem – so die Studie – im Bereich der Infrastruktur für einen starken Innovationsschub sorgen. Besonders die Baubranche und der Maschinenbau dürften davon profitieren. Wahrscheinlich wäre auch – infolge der notwendigen Umrüstungen bei den Produktionsprozessen, insbesondere in der Stahlindustrie – zusätzliches Wertschöpfungswachstum erreichbar. Denn durch die neuen Investments würden viele Prozesse schneller und effektiver vonstattengehen, was wiederum neue Geschäftsmodelle – etwa im Bereich unternehmensnaher Dienstleistungen – ermöglicht. Dieses zusätzliche Wachstum helfe auch dabei, einen Teil der höheren Kosten kompensieren, die der Auf- und Ausbau der Wasserstoffwirtschaft mit sich bringt.
Nicht zuletzt dürften die Löhne und Gehälter steigen und die Sozialsysteme entlastet werden. Denn der Hochlauf würde Arbeitsplätze nicht nur sichern, sondern voraussichtlich zusätzliche Beschäftigung generieren. Die Folge wäre: mehr Einzahler*innen in der Sozialversicherung und weniger Arbeitslose.
Die Studie geht von einem Anstieg des Erwerbstätigenniveaus bis 2040 um 1,5 Prozent aus. Im Vergleich zum Referenz-Szenario, bei dem starke Produktionsverlagerungen drohen, könnten beim Wasserstoffhochlauf bis zu 60.000 Jobs erhalten beziehungsweise geschaffen werden.
Der DGB Niedersachsen hat die Studienergebnisse und die darin enthaltenen Empfehlungen bereits in mehreren Veranstaltungen vorgestellt. Überdies brachte er diese in das niedersächsische Wasserstoff-Netzwerk, die Niedersachsen Allianz für Nachhaltigkeit und das Netzwerk der Kooperationsstellen Hochschulen und Gewerkschaften in Niedersachsen und Bremen ein, um die öffentliche Debatte anzukurbeln.
Ansprechpersonen des Projektes
Projektleiter:
Anke Mönnig, Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung mbH, Osnabrück
Kooperationspartnerschaft:
Johannes Grabbe, DGB Niedersachsen
Förderlinie Transformation
Es gibt viele Treiber von Transformationsprozessen: Digitale Transformation, Klimawandel, Energiekrise etc. Folgen sind hoher Veränderungsdruck in Betrieben, Branchen und Regionen und für die dort arbeitenden Menschen. Im Zentrum der Förderlinie steht: Wir bringen Erfahrungswissen und akademisches Wissen gewinnbringend zusammen – betrieblich, regional, lösungsorientiert. Das Ziel ist, mit kurzformatigen Projekten dem hohen Veränderungsdruck in der Arbeitswelt Rechnung zu tragen. Die Veränderungsdynamiken und ihre Anforderungen an Mitbestimmungsprozesse und ihre Akteure sollen wissenschaftlich beraten und begleitet werden.
