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Veranstaltungsbericht

8. Engineering- und IT-Tagung

Von: ZUKUNFTMB 02.12.2016

Kreativität, Innovationen und Geschwindigkeit sind heute die Maxime eines erfolgreichen Unternehmens. Wenn es darum geht eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die diese Maxime fördert, orientieren sich viele Unternehmen am Silicon Valley. Innovationlabs, Digital Labs, Design Thinking, Open Innovation oder agiles Entwickeln sind nur einige Begriffe die dabei hoch im Kurs sind. Doch welche Herausforderungen, Auswirkungen und Risiken verbergen sich dabei für Unternehmen mit klassischen Strukturen? Verändert sich durch die neuen Arbeits- und Geschäftsmodelle auch die Unternehmenskultur? Wie kann oder muss die Arbeit gestaltet werden, damit sie Gute Arbeit ist? Diese Fragen und Themen wurden drei Tage auf der 8. Engineering- und IT-Tagung auf dem Robert-Bosch-Campus in Renningen diskutiert.

Der Einstieg: Ein Wettrennen um Innovationen und Markt Made in USA

Traditionell wurde auch die Engineering-Tagung in diesem Jahr mit einer Filmvorführung und anschließender Diskussion eröffnet. In dem sehr sehenswerten Film „Print the Legend“ ging es um das Wettrennen, Innovationen und den Markt im Bereich 3D-Druck.
In der Diskussion wurde schnell die vorherrschende Lesart deutlich: die amerikanisch geprägte Unternehmenskultur der Start-ups führt dazu, dass sich hauptsächlich junge Männer bis zur Selbstausbeutung mit dem Projekt identifizieren, sie aber nicht zwangsläufig die Markteinführung des Produkts noch im Unternehmen miterleben. Angesichts der Workshop-Themen wie z. B. Plattformökonomie, Design Thinking, Zeitsouveränität, agile Unternehmen und Innovationlabs, sowie der übergeordneten Frage der Veranstaltung „Wo bleibt der Raum für Gute Arbeit?“ war dies eine anregende Einstimmung, auf das was noch folgen sollte.

Work-Life-Blending versus Work-Life-Balance

Wohin die Reise im Silicon Valley geht, wurde im Vortrag des Spiegel-Korrespondenten und Buchautors („Was google wirklich will“) Thomas Schulz deutlich. Google beispielsweise möchte eine Arbeitsumgebung schaffen, die sich von der privaten nicht unterscheidet. Es gibt Bereiche auf dem Campus, in denen man keinen Schreibtisch finden wird. Und auch der Alltag drum herum wird den Beschäftigten teils komplett abgenommen: Autowerkstatt und Reinigung kommen direkt vorbei. Wellness- und Fitnessbereiche sind auch vor Ort.

Dies, so Schulz, führe allerdings dazu, dass die Entgrenzung von Arbeit und Leben keiner mehr unter Kontrolle habe. Die Spielregeln legen die Unternehmen selbst fest und dies ist nur möglich, weil die Gewerkschaften im Silicon Valley keine Rolle spielen. Die Menschen gehen dennoch mit dem Anspruch zur Arbeit sie wollen die Welt verändern. Schulz sagt: „Ich habe noch nie so viele Leute gesehen, die gerne zur Arbeit gehen.“ Gefördert werde dies nicht zuletzt auch durch spezielle Bonussysteme und Teamarbeit, die dort geschaffen würden.

Aber auch in Deutschland wird die Work-Life-Balance zusehends verdrängt. Dies bestätigte auch Bastian Unterberg, Gründer der Crowdwork-Plattform jovoto, wenngleich er dies nur partiell kritisch sieht. Er erklärt, dass die Motivation der ca. 80.000 registrierten Designer und Programmierer auf seiner Plattform sehr komplex ist. Nicht alle sähen ihre Tätigkeit dort als Arbeit. Für viele sei es einfach das was sie gerne machen möchten – was ihnen Spaß macht – und das in ihrem eigentlichen Berufsleben nicht vorkommt. Dabei ist jovoto, das Unternehmen ist auf der IG Metall-Plattform faircrowdwork.org sehr gut bewertet, eine Ausnahme, da die hochqualifizierten Jobs wirklich auf Freiwilligkeit basieren. Work-Life-Blending und eine Zerstückelung des Arbeitstages sowie niedrige Entlohnung dominieren sonst beim Crowdworking bzw. in der Plattformökonomie. Dies hat auch die jüngste Studie der Hans-Böckler-Stiftung gezeigt.

Dass Plattformanbieter aus anderen Jobsegmenten Verantwortung übernehmen können, zeigt das Beispiel Mylittlejob GmbH, die vor allem Studentenjobs vermittelt. „Wir wollen Jobs mit fairen Bezahlungen von 10 Euro und mehr für die Stunde. Das besprechen wir mit den Auftraggebern und die sehen das in der Regel auch ein“, sagt Daniel Barke, Gründer und Geschäftsführer des Hamburger Unternehmens.

Neue Geschäftsmodelle verändern das Tempo und die Rahmenbedingungen

Aber auch in den klassischen Unternehmen gibt es Klärungsbedarf. „Wie gestalten wir eine moderne Arbeitsorganisation, wenn die Bedingungen neuer Geschäftsmodelle alles umwirft, was an Betriebsvereinbarungen existiert?“, fragte der Arbeitsdirektor der Robert-Bosch GmbH Christoph Kübel zu Beginn des zweiten Veranstaltungstages. Agil, mobil und innovativ arbeiten heute immer mehr kleinere Entities in Unternehmen. Diese seien die Treiber der Transformation von Unternehmen, so Kübel und auch ihnen muss man gerecht werden, wozu auch eine Änderung in der Führung und in der Mitbestimmung notwendig sei. Und auch der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Robert-Bosch GmbH Alfred Löckle unterstrich dies: „Wenn Unternehmen sich wandeln, muss auch die Mitbestimmung agil, mobil und innovativ sein.“

Der digitale Wandel in den Unternehmen benötigt eine agile Mitbestimmung. Dies erfordere, dass die Arbeitgeber in einzelnen Bereiche ihrer Unternehmen auf die Beschäftigten zugehen müssen, um zu erfragen welche Regelungen angesichts der Veränderungen nötig seien, so die zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner. Sie sieht in den Innovationlabs und Think Tanks „die Inkubatoren der Mitbestimmung“. „Wir benötigen die Mitbestimmung 4.0!“, so Benner.

Dass für neue Gesellschafts- und Geschäftsmodelle und auch neue Arbeitnehmergruppen neue Angebote geschaffen werden müssen, sieht auch der Sprecher der Geschäftsführung der Hans-Böckler-Stiftung Michael Guggemos so: „Diese Engineering-Tagung ist ein Laboratorium für neue Entwicklungen. Diese Entwicklungen müssen wir in unsere Planungen einbeziehen, damit wir die Debatte um die Rechte von Arbeitnehmern vorantreiben und den Prozess des Wandels der Arbeit gestalten können.“

Gewerkschaften und Mitbestimmung sind aufgefordert zu gestalten

In der grundsätzlichen Ausrichtung wie der Wandel gestaltet werden muss, waren sich die Vertreter einig: die Digitalisierung solle im Sinne der Menschen gestaltet werden. Christiane Benner von der IG Metall sieht dies auch als eine der zentrale Aufgabe der Gewerkschaften: „Die Gewerkschaften werden in der digitalen Arbeitswelt nicht überflüssig. Sie sorgen dafür, dass die Digitalisierung ‚zum Fliegen‘ kommt“. Jedoch zeigt sich häufig bei den neu geschaffenen, digitalen Arbeitsplatzmodellen, dass die traditionellen Spielregeln zur Zeitsouveränität hier nicht greifen. Die Mitbestimmung als ein bewährtes Modell, mit dem sich der Wandel gestalten lässt, sei hier gefordert, beispielsweise die Veränderungen in den Unternehmen mit Betriebsvereinbarungen zu begleiten.

Die Unternehmen müssen auf die digitalen Herausforderungen reagieren, sie müssen sich verändern um bestehen zu können, „aber sie müssen auch das klare Signal an die Beschäftigen senden, dass diese auch im digitalen Unternehmen noch einen Arbeitsplatz haben“, so die zweite Vorsitzende der IG Metall Christiane Benner. Nur mit der Sicherheit für Beschäftigte kann die Digitalisierung eine Erfolgsstory in den Unternehmen werden und dafür braucht es eine starke, wenngleich auch veränderte Mitbestimmung.

Logo Engineering-Tagung 2016

Agil, mobil, innovativ - Wo bleibt der Raum für Gute Arbeit?

8. Engineering- und IT-Tagung

In Kooperation mit der IG Metall

Renningen, 21. - 23.11.2016

Ansprechpartner: Oliver Emons

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