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Zahlen und Fakten zur Mitbestimmung

Der Mitbestimmungs­index – MB-ix

Von: Dr. Robert Scholz01.05.2020

Der Mitbestimmungsindex misst zwischen null und 100 Punkten, wie stark Mitbestimmung im Unternehmen institutionell verankert ist. Neben dem Aussagewert selbst lässt er sich mit anderen Kennzahlen der Unternehmensentwicklung spiegeln, etwa mit Investitionen, Arbeitsbedingungen oder Vorstandsvergütungen. Er liefert damit Hinweise, ob die Unternehmen nachhaltig ausgerichtet sind, nicht nur in ökonomischer, sondern auch in sozialer und ökologischer Hinsicht.

Mitbestimmung ist politisch umstritten; nicht nur, aber vor allem im Aufsichtsrat. Gesetzliche Vorschriften regulieren viele Aspekte und Fragen, in der Praxis gibt es trotzdem große Unterschiede. Der Mitbestimmungsindex (MB-­ix) trägt dazu bei, die Diskussion zu versachlichen. Die Mitbestimmung wird in verschiedene Indikatoren zerlegt und einzeln gemessen. Diese jeweils isolierteren Werte werden schließlich wieder so zusammengefügt, dass nur ein einziger Zahlenwert entsteht (one­-number­-approach).

Der Wertebereich des MB-­ix liegt zwischen null und 100 Punkten. Der Wert Null bedeutet, dass die ausgewählten Kriterien zur Mitbestimmung nicht erfüllt sind, weil zum Beispiel keine Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat sitzen. Ein Wert von 100 bedeutet, dass alle erwähnten Indikatoren zur Repräsentation der Mitbestimmung vollständig erfüllt sind. Der Index erfasst die komplexe Mehrdimensionalität der Mitbestimmung und verknüpft die Handelnden mit den Instrumenten. Diese Ergebnisse lassen sich aus dem MB-­ix ableiten:

  • Gute Arbeit: Wenn der MB-­ix hoch ist, hat Personalarbeit im Vorstand ein höheres Gewicht. Es gibt mehr Ausbildung, mehr Beschäftigungssicherung und mehr Frauen im Aufsichtsrat.
  • Regionale Unterschiede: Bayern verfügt zwar über eine besonders hohe Zahl an börsennotierten Unternehmen, sehr viele mitbestimmte börsennotierte Konzerne befinden sich aber in Nordrhein­-Westfalen.
  • Nachhaltigkeit: Wenn der MB-­ix hoch ist, berichten die Konzerne intensiver und es gibt mehr Nachhaltigkeit.
  • Managervergütung: Wenn der MB-­ix hoch ist, ist die Managervergütung durchschnittlich niedriger und sie ist weniger aktienorientiert.
  • Investoren: Die sogenannte Deutschland-­AG existiert nicht mehr und die ehemals inländischen Investoren werden von einigen wenigen großen ausländischen Investoren überholt.
  • Board Interlocks: Die Unternehmen sind mittels einzelner führender Personen stark vernetzt, weil sie parallel in unterschiedlichen Aufsichtsräten Mandate wahrnehmen.
  • Kontinuität: Die MB-­ix­Werte weisen im Zeitverlauf eine hohe Stabilität auf.
  • Große Mischkonzerne: Der MB-­ix ist im DAX höher als im MDAX, SDAX und TecDAX und es gibt messbare Branchenunterschiede.
  • Internationalisierung: Der Anteil der Beschäftigten im Ausland an den Gesamtbeschäftigten steigt kontinuierlich an, auch die Zahl internationaler Vertreter in den Arbeitnehmervertretungen nimmt zu.
  • Gender: Beim Anteil der Frauen an den Gesamtbeschäftigten gibt es starke Branchenunterschiede, ihr Anteil verringert sich unter den Führungskräften und noch mehr unter den Vorständen.
  • Personalvorstand: Unternehmensgröße, Mitbestimmung und die Existenz eines eigenständigen Personalvorstands hängen positiv zusammen.
  • Innovation: Die im globalen Vergleich hoch innovativen Unternehmen aus Deutschland sind stark mitbestimmt.
  • Investition: Stark mitbestimmte Unternehmen haben höhere Investitionsquoten und investieren über die Beschaffung langlebiger Güter mehr in die Zukunft.
  • Strategien: Differenzierungsstrategien und gemischte Strategien werden immer wichtiger im Gegensatz zu Kostenführerstrategien und Unternehmen, die keine dominante Strategie verfolgen. Stark mitbestimmte Unternehmen verfolgen mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Differenzierungs-­ als eine Kostenführerstrategie.


Ausgewählt und bewertet wurden bisher alle 160 Unternehmen in den Leitindizes DAX, MDAX, SDAX und TecDAX sowie etwa 50 weitere Unternehmen, die paritätisch mitbestimmt und börsennotiert, aber nicht in den Leitindizes notiert sind. Der Zeitraum bezieht sich auf 2006 bis 2018. Somit konnten 27.930 einzelne Aufsichtsratsmandatsjahre in den Unternehmen erfasst werden. Darüber hinaus wurde der MB­i-x für etwa 200 weitere paritätisch mitbestimmte und nicht börsennotierte Unternehmen für 2006/07 und 2016/17 kalkuliert.

Für 2018 liegt bei den großen Unternehmen im DAX der MB­-ix durchschnittlich bei 79 Punkten, im MDAX bei 49, im SDAX bei 31 und im TecDAX bei 33 Punkten. Die durchschnittliche Verankerung der Mitbestimmung ist in den kleinen bzw. auf Hochtechnologie ausgerichteten Unternehmen weitaus geringer als in den großen und mittelgroßen sowie technologisch breiter aufgestellten Konzernen.

Besonders viele stark mitbestimmte Unternehmen gibt es in den Bereichen Automotive, Maschinen und Elektronik, Logistik, Telekommunikation und Energie sowie Grundstoffe, Chemie und Pharmazie. In den Bereichen Banken, Versicherungen und Finanzen sowie weitere Dienstleistungen gibt es ebenfalls mitbestimmte Unternehmen, allerdings sind sie seltener anzutreffen und wenn, dann sind sie weniger intensiv mitbestimmt, d.h. der MB-­ix ist im Durchschnitt geringer. In den Index gehen ein:

  • Zusammensetzung des Aufsichtsrats: Anzahl und Art der Mandate der Arbeitnehmervertreter,
  • interne Struktur des Aufsichtsrats: Art und Mandat des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden (zu 20 Prozent)
  • Ausschüsse: Anzahl, Art und Besetzung der Aufsichtsratsausschüsse mit Arbeitnehmervertretern, (zu 20 Prozent)
  • Internationalisierung: Existenz europäischer Betriebsräte bzw. SE-­Betriebsräte und Anteil der Beschäftigten in Deutschland, (zu 20 Prozent),
  • Einflussmöglichkeit des Aufsichtsrats: Rechtsform des Unternehmens, (zu 10 Prozent)
  • Existenz eines eigenständigen Ressorts Personal im Vorstand, (zu 10 Prozent).

Mit dem MB-­ix wird erstmals die Verankerung der Mitbestimmung in den Unternehmen bewertet. Zusätzlich zum Aussagewert an sich können die MB­-ix­-Werte mit anderen Kennzahlen der Unternehmensentwicklung gespiegelt werden. Ziel ist, Aussagen treffen zu können, ob sich mit veränderter Intensität der Mitbestimmung zum Beispiel Investitionsverhalten, Arbeitsbedingungen oder Vorstandsvergütungen ändern. Übergeordnet geht es darum zu prüfen, inwiefern die Unternehmen nachhaltig ausgerichtet sind, d.h. nicht nur in ökonomischer, sondern auch in sozialer und ökologischer Hinsicht.

Literatur
Scholz, Robert / Vitols, Sigurt (2016): Der Mitbestimmungsindex MB-­ix. Wirkungen der Mitbestimmung für die Corporate Governance nachhaltiger Unternehmen. Mitbestimmungsreport Nr. 22. Düsseldorf: Hans-­Böckler­-Stiftung.

Dr. Robert Scholz

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe "Globalisierung, Arbeit und Produktion" am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

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