Hauptinhaltsbereich

Veranstaltungsbericht

Fachtagung "Faire Arbeit"

Von: ZUKUNFTMB 24.10.2016

Die schöne, neue vernetzte Welt führt zu einer ständigen Erreichbarkeit von Arbeitnehmern, entgrenzter Arbeit und zu Arbeitsverdichtung. Die Folgen sind häufig Stress, Burnout und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, von den Auswirkungen auf das Privatleben ganz zu schweigen. Im Rahmen der Fachtagung "Faire Arbeit!" stand der Mensch und die Frage "Wie begrenzt der Betriebsrat Arbeit und Arbeitszeit?" im Mittelpunkt.

Wie wird Arbeit 4.0 auch gute Arbeit für die Beschäftigten?

Zunehmender Leistungsdruck, Arbeitsverdichtung, Entgrenzung der Arbeit: Die Schlagworte auf der gemeinsamen Veranstaltung der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) und der IG Bergbau-Agrar-Umwelt (IG BAU) „Faire Arbeit! Wie begrenzt der Betriebsrat Arbeit und Arbeitszeit?“ am 11. Und 12. Oktober 2016 in Köln zeigten schnell, wo Betriebsräten und vielen Beschäftigten der Schuh drückt. Die Hauptfrage in Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Foren war, wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Arbeit und ihre Interessen mitgestalten und wahren können?

„Wir lassen uns treiben, weil es keine Regeln für das digitale Zeitalter gibt. Wie sind gefangen in den neuen Technologien und der damit verbundenen ständigen Erreichbarkeit und Schnelligkeit, die heute möglich ist“, so die Diagnose von Ulrike Laux, Mitglied des Bundesvorstands der IG Bauen-Agrar-Umwelt. „Was ist erlaubt, was geht zu weit? Wir wissen es noch nicht, hier besteht Klärungsbedarf auch mit den Arbeitgebern, um zu einer Entschleunigung der Arbeit zu kommen.“

V. l. Ulrike Laux (IG BAU), Nicole Simons (IG BAU) und Matthias Maurer (HOCHTIEF AG)

Vertrauensarbeitszeit als Falle

Matthias Maurer, Aufsichtsratsmitglied bei der Hochtief AG, konstatiert, dass in der Baubranche die Auftragsgeschwindigkeit schon immer ein Thema gewesen sei. Zur Präsenzkultur komme nun mit den mobilen Endgeräten und schnellen Netzen noch eine Erreichbarkeitskultur hinzu. „Wir haben inzwischen eine Präsenzunkultur“, so Maurer. Eine gefährliche Falle in diesem Zusammenhang sei die so genannte Vertrauensarbeit für Führungskräfte. „Das klingt erst mal ganz toll, weil sie Freiheit suggeriert, aber am Ende ist der Projektleiter im hohen Termindruck seiner Aufgabe gefangen. Deshalb haben wir bei Hochtief die Vertrauensarbeitszeit gekündigt, weil sie keine Lösung ist.“ Arbeitszeiten müssten erfasst und realistische Ziele mit realistischen Ressourcen geplant werden.

Eine zentrale App für die Erfassung von Arbeitszeiten

In der zunehmenden und nicht erfassten Arbeitszeit außerhalb des eigentlichen Arbeitsortes und der damit einhergehenden ansteigenden Stressbelastung sieht die IG BAU eines der Hauptprobleme der Arbeit 4.0. „Drei Viertel aller Beschäftigten von uns arbeiten unentgeltlich an mobilen Endgeräten“, sagt Bundesvorsitzender Robert Feiger. Diese unentgeltlichen Mehrbelastungen führten nicht selten zur Unterschreitung des Mindestlohns und gesetzlicher Mindeststandards, so Feiger. Die IG BAU arbeitet daher an einer App, die auf Basis der elektronischen Sozialversicherungskarte die Arbeitszeiten der Beschäftigten zentral erfasst. Der Arbeitgeber soll auf diese Daten keinen Zugriff haben. „Wir müssen die Arbeitszeiten in der entgrenzten Arbeitswelt begrenzen. Flexibilität darf nicht einseitig nur für den Arbeitnehmer gelten“, so Feiger. Der Gesetzgeber müsse zudem einen Rahmen schaffen, damit die Arbeitsbedingungen in den Betrieben fair ausgehandelt werden könnten. „Der Begriff Beschäftigter 4.0 darf bei den Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmern künftig keine Angst auslösen, sondern soll eine Chance darstellen“, so Feiger.

Robert Feiger (IG BAU)

Mehrbelastungen erhöhen Krankheitsrisiko

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, denn die Angst ist berechtigt. Zwei Studien zeigten in Köln auf, dass sich Mehrarbeit durch ständige Erreichbarkeit negativ auf die Gesundheit auswirken. So hat eine  Studie des WSI der Hans-Böckler-Stiftung rund 4.000 Betriebsräte in Deutschland befragt. Ergebnis: In jedem zweiten Betrieb kommt es zu erhöhten Krankheitstagen wegen Mehrarbeit durch ständige Erreichbarkeit. Prof. Dr. Friedhelm Nachreiner von der Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung e.V. (GAWO) forscht vor allem zu den langfristigen Auswirkungen von Mehrarbeit und Schichtarbeit. Er weist nach, dass Mehrbelastungen das Risiko für schwere Herz-Kreislauf, Magen-Darmerkrankungen sowie Depressionen stark erhöhen.

Dass auch Arbeitgeber Verantwortung für gute Arbeit übernehmen können, davon ist Bernd Schuster, Personalleiter der WISAG, überzeugt. Im richtigen Umgang mit Mitarbeitern, vor allem mit den Führungskräften sieht er einen Schlüssel für die Unternehmenskultur. „Der Druck bei Dienstleistungsunternehmen wie bei uns ist sehr hoch. Wir können uns den Trends nicht entziehen. Wenn Zielvorgaben an das Gehalt geknüpft sind, dann müssen wir hier maßvoll und realistisch agieren, damit das Klima im Unternehmen auf lange Sicht stimmt und Selbstausbeutung sowie unverhältnismäßige Druckweitergabe an die Beschäftigten verhindert wird.“

Mit Solidarität Rechte durchsetzen

Nicht immer geht es im Einvernehmen mit dem Arbeitgeber. Wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dennoch Rechte durchsetzen können, zeigten die zahlreichen Praxisbeispiele in der Diskussion. So hat der Betriebsrat beim westfälischen Blumen-Risse die Pläne seines Arbeitgebers, das „Late-Night-Shopping“ in den späten Abendstunden einzuführen, schlicht mit einem „Nein“ beantwortet. Dies erfordere natürlich Solidarität unter allen Beschäftigten wie auch das Beispiel Wi-Med Reinigung aus Bochum zeigt. Hier ist es gelungen, befristete Verträge zu entfristen. „Wir haben die befristet Beschäftigten ermutigt, sich auf ihre neu ausgeschriebenen Stellen zu bewerben. Gleichzeitig haben wir die Bewerbungen der neuen Bewerber boykottiert und dem Arbeitgeber klar gemacht, dass diese Praxis auch nicht in seinem Interesse liegt. Wir hatten Erfolg damit“, sagt Petra Vogel, Betriebsratsvorsitzende der Wi-Med Reinigung GmbH.

Dr. Norbert Kluge (Hans-Böckler-Stiftung)

Arbeit 4.0 braucht Mitbestimmung 4.0

Gute Beispiele, die jedoch nicht überall die Regel sind. Es gebe noch zu viele Betriebe, wo Betriebsräte nicht angesagt seien oder jene, die einen Betriebsrat gründen wollten, dieses Vorhaben mit ihrer beruflichen Existenz bezahlten, sagt Dr. Norbert Kluge, Leiter der Abteilung Mitbestimmungsförderung bei der Hans-Böckler-Stiftung. „Wie bekommen wir das hin, dass wir die Digitalisierung gemeinsam mit den Beschäftigten, den Gewerkschaften, der Politik und den Arbeitgebern gestalten? Hier ist vor allem der Gesetzgeber gefragt, denn die Arbeit 4.0 wird nur mit der Mitbestimmung 4.0 ein Erfolg werden“, so der HBS-Experte. Die Forderung: Betriebsräte brauchen heute nicht nur Informationsrechte. Sie müssen auch aktiv gestalten können.

Und ein Thema, dass schon seit längerem Teil der politischen Diskussion ist, spiegelte auch die zweitägige Konferenz von HBS und IG BAU wider: Die Vergabe von Aufträgen an Subunternehmen mittels Werkverträgen hebeln die arbeitsrechtlichen Standards in den Unternehmen aus, so der einhelliger Tenor. Diese rechtsfreien Räume müssten dringend durch den Gesetzgeber beseitigt werden.

Fachtagung: Faire Arbeit! Wie begrenzt der Betriebsrat Arbeit und Arbeitszeit?

In Kooperation mit der IG BAU

Köln, 11.-12.10.2016

Ansprechpartner: Alexander Sekanina