Hauptinhaltsbereich

Doppelte Transformation von Betriebsräten

Betriebsräte verändern ihre Organisation

Von: Claudia NiewerthJulia Massolle30.01.2020

Digitalisierung und betriebliche Transformation – die Herausforderungen und Aufgaben für Betriebsräte sind gewaltig. Das Forschungsprojekt „Doppelte Transformation“ untersucht, wie sich betriebsrätliche Arbeit verändert.

Das Aufgabenprofil von Betriebsräten hat sich im letzten Jahrzehnt spürbar verändert. Angesichts globalisierter und sich schnell entwickelnder Märkte sind Betriebsräte angehalten, Antworten auf immer komplexer werdende Fragestellungen zu finden. Diese Komplexität wird durch die Veränderung der Arbeitswelt zunehmen. Betriebsräte sind in zweifacher Hinsicht mit Digitalisierung und betrieblicher Transformation konfrontiert. Ihnen kommt auf der einen Seite die Aufgabe zu, den digitalen Umbruch zum Fortbestehen des Unternehmens mitzugestalten und die Wandlung der Arbeitsplätze mit dem Ziel der Standort- oder Arbeitsplatzsicherung zu vollziehen. Auf der anderen Seite verändert sich die Arbeitsorganisation der Betriebsräte selbst: während Komplexität und Dichte an Themen ein hohes Fachwissen benötigt, erfordern dynamische Entwicklungen eine potenzielle Beschleunigung der Bearbeitung von Aufgaben und Herbeiführung von Entscheidungen. Gleichermaßen gilt es, den Anforderungen an rechtliche Rahmenbedingungen gerecht zu werden und die eigene Rolle als Akteur in der digitalen Transformation zwischen Schutz und Gestaltung zu definieren. Betriebsräte befinden sich in der Doppelten Transformation.

In einem aktuellen Projekt des I.M.U.-Instituts ist die Doppelte Transformation von Betriebsräten Forschungsgegenstand. Gremien reorganisieren sich und entwickeln ein neues Selbstverständnis ihrer Arbeit und ihrer Betriebsratsrolle. Es wird Abstand genommen von der Stellvertreterpolitik, vermehrt wird eine intensivere Beteiligung von Beschäftigten angestrebt. Neben der (pro)aktiven Einflussnahme auf betriebliche Veränderungsprozesse beschreiben die Neuausrichtung der Gremienarbeit, die Neugestaltung von Aufgaben und Zuständigkeiten und die Neuverteilung von Rollen und Funktionen die Organisationsentwicklung betrieblicher Interessenvertretungen in der digitalen Transformation.

Bild Doppelte Transformation

Vorläufige Ergebnisse aus dem Projekt

Doch wie kann sich die Betriebsratsarbeit verändern, wenn die Ressourcen zeitlich und personell begrenzt sind? Welche neuen Wege werden bei der Organisation ihrer Arbeit gegangen? Welche Methoden werden verwendet? In dem Projekt sind zentrale Veränderungen entlang von drei Säulen (Digitalisierung, Methoden und Organisation) festzustellen:

Der Einstieg in den Veränderungsprozess ist zunächst durch die Digitalisierung innerhalb der Gremienarbeit zu beobachten: Viele vormals analoge Aufgaben, Prozesse und Kommunikationsformen werden in digitale Settings überführt. In einem Beispiel wurde die interne BR-Kommunikation größtenteils auf das Kollaborations-Tool MS Teams umgestellt. Alle wichtigen Dokumente und Aufgaben lassen sich gebündelt zu einem Thema darstellen, wodurch eine bessere Struktur und Koordination ermöglicht wird. Außerdem ist eine bessere Einbindung der nicht-freigestellten Mitglieder möglich. Andere Beispiele geben Einblicke in veränderte Kommunikationsformen mit den Beschäftigten. Das Tool Mentimeter wird z.B. eingesetzt, um bei Betriebsversammlung live ein Meinungsbild der Beschäftigten abzurufen. Weiterhin ermöglichen Videobotschaften eine direkte Ansprache von Beschäftigten. Nicht zuletzt werden z.B. in standortübergreifenden Gremien Mitbestimmungsthemen mittels Videokonferenz oder anderen Kommunikationstools zur Beschlussfassungen vorbereitet.

Die nächste Ebene der Veränderung der Betriebsratsarbeit zeigt sich hinsichtlich der eingesetzten Methoden. Insbesondere Elemente agiler Methoden werden zunehmend in den Gremien verwendet: dazu gehören Kanban-Boards, die die Arbeit der Gremien strukturieren und visualisieren helfen; aber auch die Durchführung von sogenannten „daily standups“ führt zu einer erhöhten Transparenz. Aber auch mit der Arbeitgeberseite kommen neue Methoden der Zusammenarbeit zum Einsatz. Dazu gehören Design-Thinking-Workshops zur Entwicklung relevanter Regelungskomponenten für Betriebsvereinbarungen oder auch die Einführung sog. „lernender“ oder „agiler Betriebsvereinbarungen“.

Weiter zeigen sich Veränderungen hinsichtlich der Organisation der BR-Arbeit. Zu beobachten ist, dass die klassische Ausschussarbeit zu spezifischen Fachthemen und Bearbeitung von Einzelfalllösungen immer häufiger von Projektarbeit zu betrieblichen Veränderungs- oder Entwicklungsprojekten flankiert wird, teilweise unter systematischer Einbindung der Beschäftigten nach §28a BetrVG.

Mehr Personalpolitik und Themenspezialisierung

In der Folge der Organisationsentwicklung von BR-Gremien entlang der beschrieben Säulen entwickelt sich eine strukturelle Personalpolitik auf Gremienebene. Unter den Mitgliedern findet eine organisierte Themenspezialisierung statt; die u.U. durch einen ausgearbeiteten Qualifizierungsplan vorangetrieben wird. Ebenso wird eine bessere Verteilung der Aufgaben auf alle Mitglieder, auch auf nicht-freigestellte Mitglieder, angestrebt.

Weitere und detaillierte Projektergebnisse werden demnächst u. a. online hier im Mitbestimmungsportal erscheinen.

Teaserbild Doppelte Transformation

Das Projekt Doppelte Transformation

In einem aktuellen Forschungsprojekt wird die Doppelte Transformation von Betriebsratsgremien untersucht. Das Projekt wird vom Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung gefördert und durch das Helex-Institut durchgeführt. Erste Ergebnisveröffentlichungen werden voraussichtlich ab April erscheinen. In einer MB-Praxis werden praxisnahe Beispiele über interne Veränderungsmomente von Betriebsräten dargestellt.

Claudia Niewerth

Claudia Niewerth

ist geschäftsführende Gesellschafterin des Helex Instituts in Bochum. Als Beraterin und Trainerin ist sie zudem im Bereich der Organisationsentwicklung mit den Schwerpunkten "Beschäftigung und Mitbestimmung" tätig.
Kontakt

Julia Massolle

Julia Massolle

ist seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Helex Institut in Bochum. Sie hat Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität in Bochum und an der University of Helsinki in Finnland studiert. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören Arbeitsbeziehungen, Organisationsentwicklung, Entgeltgestaltung und Beschäftigungssicherung. 
Kontakt