Hauptinhaltsbereich

Unternehmensführung und Mitbestimmung

Das nachhaltige Unternehmen

Von: Norbert KlugeSigurt Vitols01.05.2020

Der „Green Deal“ wird nur dann zur zivilgesellschaftlichen Errungenschaft, wenn sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer daran aktiv beteiligt können. Mitbestimmung als Führungsprinzip für nachhaltige Unternehmen stellt die Weichen für gute Arbeit, Einkommen, Standorte und zugleich auch für Wettbewerbsfähigkeit und gesunde Umwelt. Aus der Forschung gibt es starke Hinweise auf Effizienz und Funktionalität von Mitbestimmung. Sie muss jedoch politisch gewollt und unterstützt werden. Sie ist das demokratische Gestaltungsprinzip der sozialen Marktwirtschaft.

Nachhaltigkeit ist besser integriert in Corporate Governance bei stark mitbestimmten Unternehmen

Mitbestimmung ist Gestaltungsprinzip

Mitbestimmung bleibt auch in Zeiten herausfordernden Transformation, was sie immer war: das Prinzip, für die demokratische Gestaltung des Wandels in Unternehmen und Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Aber die Mitbestimmung bekommt Gegenwind aus den globalisierten Finanzmärkten. Das „geduldige Kapital“ der Deutschland AG wurde seit Mitte der 2000er Jahre durch institutionelle Investoren ersetzt. Wie kann sich die Mitbestimmung gegen kurzfristig orientierte „Shareholder Value“ durchsetzen und Unternehmen nachhaltig im Interesse der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und Gesellschaft mitprägen?

Ohne Bindung an soziale Nachhaltigkeitsziele werden Unternehmen ihren Fortbestand in der digitalen und ökologischen Transformation nicht behaupten können. Deshalb wurde ein handlungsleitendes Forschungskonzept in die Diskussion gebracht, die Sustainable Company. Im Gegensatz zum dominanten „Shareholder Value“ Konzept der Unternehmensführung ist für die „Sustainable Company“ das Mitwirken der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein zentrales Element für gute Arbeit und gutes Einkommen an Standorten in gesunden Umwelten.

Die institutionell verankerten Mitwirkungsmöglichkeiten der Arbeitnehmerschaft in Deutschland werden durch einen Mitbestimmungsindex (MB-­ix) gemessen, der gemeinsam vom Wissenschaftszentrum Berlin und der Hans-­Böckler­-Stiftung entwickelt wurde (siehe Beitrag zum MB-ix). Der MB-­ix gibt Auskunft über die Leistungsfähigkeit mitbestimmter Unternehmen zur Nachhaltigkeit (vgl. Scholz/Vitols 2016). So integrieren stark mitbestimmte Unternehmen mit fast doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit in die Leitlinien der Unternehmensführung wie Firmen ohne Unternehmensmitbestimmung (Böckler­-Impuls 17/2016). Wenn Arbeitnehmer mitbestimmen, bemühen sich Unternehmen im Schnitt mehr um Transparenz und verantwortungsvolles Wirtschaften.

Noch immer: Prägende Rolle mitbestimmter Unternehmen für die deutsche Wirtschaft1

Das nachhaltige Unternehmen für den Green Deal wird in Deutschland auf absehbare Zeit mitbestimmt sein. In 2017 arbeitete dort mehr als ein Drittel aller Beschäftigten (10,8 von 30,2 Mio.), 40 Prozent des Umsatzvolumens und 45 Prozent der Wertschöpfung der deutschen Wirtschaft wurden in Firmen mit Unternehmensmitbestimmung erzielt. Die Mitbestimmung hilft Unternehmen, Krisen besser zu überstehen (vgl. Herzog­-Stein/ Lindner 2017). Mitbestimmte Unternehmen waren robuster während der Finanz- und Wirtschaftskrise und erholten sich schneller von deren Auswirkungen. Mitbestimmte Unternehmen hielten ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung und ihr Anlagevermögen auf einem höheren Niveau als Unternehmen ohne Mitbestimmung. Auch in der Börsenbewertung fielen mitbestimmte Unternehmen positiv auf (vgl. Rapp/Wolff 2019).

Aus der makroökonomischen Forschung kommen weitere Einsichten: Im Vergleich mit nicht-bestimmten Unternehmen in Europa weisen mitbestimmte Unternehmen höhere Investitions- und Produktivitätsanstrengungen auf (vgl. Redeker 2019). Arbeitnehmervertretung an der Spitze von Unternehmen wirkt positiv und signifikant mit einem höheren Wohlfahrtsgrad für verschiedene Stakeholder (vgl. Vitols 2019).2

Das Konzept „Nachhaltiges Unternehmen“

Mitbestimmung der Zukunft: Das nachhaltige Unternehmen als Leitbild

Wofür ist ein Unternehmen da und welche Rolle muss es in der digitalen und ökologischen Transformation spielen? Unser Leitbild dafür ist das „nachhaltige Unternehmen“, mit Perspektiven für gute Arbeit und Einkommen, für lebenswerte Standorte im Einklang mit sozialer Demokratie, wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und ökologischer Ressourcenschonung.

Das Konzept des „nachhaltigen Unternehmens“ wurde zu Beginn der Jahrtausendwende im Europäischen Gewerkschaftsinstitut (ETUI) entwickelt. Es verknüpft klassische Stellschrauben der Corporate Governance mit Zielen der Unternehmensperspektive im Sinne einer nachhaltigen Zukunftsfähigkeit (siehe Abbildung 10; Vitols/Kluge 2011).

Wesentliches Kennzeichen ist die Einbeziehung aller Interessengruppen und hier besonders der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf allen Ebenen (national wie transnational) in alle Prozesse der Unternehmensentscheidung und -überwachung. Dies kann sich in verschiedenen Formen für Beteiligung ausdrücken, wie Mitbestimmung im Aufsichtsrat, Vertretung sozialer Interessen durch den Arbeitsdirektor/die Arbeitsdirektorin im Vorstand, die Beteiligung des Europäischen Betriebsrats und kollektivvertragliche Arrangements wie z.B. Internationale Rahmenabkommen oder auch die Errichtung von Beiräten für Vertreter der gesellschaftlichen Interessengruppen am Unternehmen.

Gesellschaftspolitisch führt der Pfad vom gewerkschaftlich inspirierten Konzept der „Just Transition“ zum „nachhaltigen Unternehmen“ als wichtigem mikropolitischen Akteur zur seiner Umsetzung. Zwei Kernelemente sind mit „Just Transition“ besonders angesprochen: Stärkung der öffentlichen Verantwortung für die Bedeutung von Arbeit für den Wandel und ein ganzheitlicher Ansatz der Dekarbonisierung, der die sozialen Folgen nicht nebensächlich behandelt, sondern von Beginn an mitberücksichtigt.3 Heute ist aus dem Konzept ein politisches Werkzeug internationaler Verträge und Institutionen wie der ILO geworden (vgl. Galgoczi 2018). Im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 schaffte es die Formel „Just Transition“ in die Präambel und kann spätestens seitdem als anerkanntes Narrativ in der weltweiten Klimaschutzpolitik gelten. Arbeit ist der soziale Dreh- und Angelpunkt, wenn es um konkrete politische Maßnahmen des Klimaschutzes geht. Das ist eine Erfolgsgeschichte eines einstmals von Gewerkschaften angestoßenen Konzepts (vgl. Hassel, Anke/Verschuer, Sophia von/Helmerich, Nicole 2018; Kluge, Norbert/ Robin Leger/Maxi Leuchters 2019).

Weiterführende Informationen

Hassel, Anke/Verschuer, Sophia von/Helmerich, Nicole (2018): Workers‘ Voice and Good Corpo­rate Governance. Wissenschaftlicher Abschluss­

Die Kurzfassung auf deutsch: Kluge, Norbert/ Leger, Robin/ Leuchters, Maxi (2019): Workers‘ Voice. Die Stimmen der Arbeitnehmer in der europäischen Corporate Governance. Düssel­dorf: Hans-Böckler-­Stiftung, Mitbestimmungs­report Nr. 52

Mitbestimmung – Basis guter Unternehmensführung

Mitbestimmung ist in Deutschland bis heute ein tragender Pfeiler der sozialen Marktwirtschaft. Mitbestimmung kann sich dabei auf das historische Vermögen des deutschen Wirtschaftspfads stützen, „die sich formierende Industriegesellschaft vor den zerstörerischen Auswirkungen der industriellen Dynamik (und heute möchte man hinzufügen: der fundamental schädlichen Dynamik ungezügelter internationaler Finanzmärkte) zu schützen“. (Abelshauser 1999: 225) Die gesetzliche Mitbestimmung im Aufsichtsrat und auch die gesetzlich begründete Rolle des Arbeitsdirektors hat dabei ihre korrigierende und orientierende Funktion behaupten können. Das Statut der Europäischen Aktiengesellschaft (SE) aus dem Jahr 2004 schützt bereits national vorhandene Mitbestimmung nach dem „Vorher-­Nachher-­Prinzip“ und verlängert diese Institution damit über nationale Grenzen hinaus.

Auch wenn in anderen Ländern ein solches Präsensrecht der Arbeitnehmervertreter in den Aufsichts- und Führungsgremien von Unternehmen nicht existiert, lassen sich entlang heute zu lösender Problemstellungen der Restrukturierung und der Verankerung mehr sozialer Verantwortung (CSR) in den Führungsprinzipien von Unternehmen „funktionale Äquivalente“ für die herkömmlich verstandene Mitbestimmung identifizieren; so jedenfalls der Befund einer europäisch zusammengesetzten Expertengruppe der Hans-­Böckler-­Stiftung zum Thema „Workers‘ Voice in Corporate Governance“(vgl. Hassel/Verschuer/Helmerich 2018).

__________
1  Die folgenden Angaben stützen sich auf Analysen der Hans-Böckler-Stiftung zur Struktur der Unternehmen in Deutschland im Jahr 2017. Wir danken Henrik Steinhaus und Stephan Kraft.
2 Untersucht wurden Nachhaltigkeitsindikatoren für Unternehmen in den sechs Feldern Personal, Umwelt, Menschenrechte, Unternehmensethik, Gesellschaftsbezug und Corporate Governance.
3 Just Transition: Die Ursprünge gehen vor allem in den nordamerikanischen Gewerkschaften bis in die 90er Jahre zurück
Literatur
Abelshauser, Werner (1999): Vom wirtschaftlichen Wert der Mitbestimmung. Neue Perspektiven ihrer Geschichte in Deutschland. Frankfurt/New York: Campus, S. 225.
Böckler-Impuls Nr. 17 vom 4.11.2016, Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung.
Galgoczi, Bela (2018): Just transition towards environmentally sustainable economies and societies for all. Geneva: ILO ACTRAV Policy Brief.
Hassel, Anke / Verschuer, Sophia von / Helmerich, Nicole (2018): Workers‘ Voice and Good Corporate Governance. Wiss. Abschlussbericht. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung, [09.03.2020].
Herzog-Stein, Alexander / Lindner, Fabian (2017): Mitbestimmung. Sicher durch die Krise. In: Böckler-Impuls Nr. 17, Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung
Kluge, Norbert / Robin Leger / Maxi Leuchters (2019): Workers‘ Voice. Die Stimmer der Arbeitnehmer in der europäischen Corporate Governance. Mitbestimmungsreport Nr. 52, Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung, [09.03.2020].
Redeker, Nils (2019): Unlocking Europe’s Piggy Bank. Corporate Saving, Labor Power and Policies for Investment: Berlin, Jacques Delors Centre Berlin, Policy Paper
Scholz, Robert / Vitols, Sigurt (2016): Der Mitbestimmungsindex MB-ix. Wirkungen der Mitbestimmung für die Corporate Governance nachhaltiger Unternehmen. Mitbestimmungsreport Nr. 22, Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung.  [09.03.2020].
Rapp, Steffen Marc / Wolff, Michael (2019): Starke Mitbestimmung – stabile Unternehmen. Eine empirische Analyse vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise. Mitbestimmungsreport Nr. 51. Düsseldorf: Hans-Böckler-Stiftung. [09.03.2020].
Vitols, Sigurt (2019): What drives sustainability in companies? Examining the influence of board level employee representation on responsible practices in large European companies. Paper presented at ILERA-Congress, Sept. 5 – 7 2019, Düsseldorf.
Vitols, Sigurt / Kluge, Norbert (Hg.) (2011): The sustainable company: a new approach to corporate governance. Brussels, ETUI.

Was sind aktuelle Fragen für die Mitbestimmung? Wo liegen Herausforderungen? Wir geben Antworten aus unserer Arbeit und Erkenntnisse über die Leistungsfähigkeit der Mitbestimmung zu vier Themenbereichen: Zahlen & Fakten, Unternehmensführung in Deutschland und Europa, Transformation und Professionalisierung.

Norbert Kluge

Norbert Kluge

Dr., ist Sonderberater in Fragen zu "Workers' Voice in European Corporate Governance" am Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.), das er bis März 2020 als wissenschaftlicher Direktor leitete. Er ist promovierter Diplom-Sozialwirt und war zuvor u.a. als Forschungsleiter am Europäischen Gewerkschaftsinstitut (ETUI) in Brüssel, als Referent des Europäischen Betriebsrats der ThyssenKrupp AG und als Koordinator der Betriebsrätegemeinschaft der Outokumpu Deutschland tätig. Seit April 2016 ist er deutsches Mitglied der Arbeitnehmergruppe im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss.

Kontakt

Sigurt Vitols

Sigurt Vitols

Ph.D., ist Senior Fellow am Wissenschafts­zentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Research Associate am Europäischen Gewerkschaftsinstitut (ETUI). Seine Forschungsschwerpunkte sind Corporate Governance, Nachhaltige Entwicklung, Arbeitnehmerbeteiligung, Finanzinstitute und Investment Funds.

Kontakt