New Work im Klinikbetrieb
Neue Arbeitskultur basiert auf "bottom-up"-Strategie
Im Kampf um die besten Köpfe punkten die Waldkliniken in Eisenberg mit ihrem „New Work“-Konzept. Ein innovativer Tarifvertrag räumt den Beschäftigten bei der Umsetzung weitgehende Mitspracherechte ein.
Den Startpunkt für „New Work“ in den Waldkliniken Eisenberg setzte die Debatte um die Ausgestaltung eines Bettenhaus-Neubaus, der 2020 bezogen werden konnte. Schon ab 2011 wurden alle Beschäftigten eingeladen, sich zu überlegen: Wie wäre dieser Neubau einzurichten, damit sich nicht nur die Patienten – hier „Gäste“ genannt –wohlfühlen, sondern auch die Beschäftigten?
„New Work“ heißt für den Geschäftsführer David Ruben Thies vor allem selbstverantwortliches Arbeiten, Kooperation und hohe Flexibilität, die Rücksicht auf die Bedürfnisse der Beschäftigten nimmt. Das gelte für die Ärzt*innen genauso wie für das Pflegepersonal bis hin zu den Kantinen- und Reinigungskräften. „Unsere Mitarbeiter*innen sollen Spaß an der Arbeit haben und sich nicht von sinnentleerten administrativen Tätigkeiten oder öden Tätigkeitsschleifen vom Wesentlichen der Klinikarbeit abhalten lassen: der intensiven Betreuung der Patient*innen von ihrem Eintritt bis zum Verlassen der Klinik“, betont auch Personalleiterin Sylvia Orlamünder.
Seit Jahren hat sich in den Waldkliniken Eisenberg eine konstruktive Partnerschaft zwischen Geschäftsführung, Arbeitnehmer*innenvertretung und der Gewerkschaft ver.di entwickelt. Es gibt einen Haustarifvertrag, der über den Leistungen des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst liegt. In ihm sind bereits wichtige Aspekte von „New Work“ verankert, wie Bernd Becker vom Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen der Gewerkschaft ver.di betont. Dazu zählen die stufenweise Senkung der allgemeinen Arbeitszeit bis 2028 auf wöchentlich 35 Stunden und ein tarifliches Zeitwertkonto, das ein hohes Maß an Arbeitszeitsouveränität ermöglicht. Im nächsten Schritt will ver.di Regelungen für mehr Selbstbestimmung bei der Dienstplangestaltung erreichen.
Professionell begleiteter Organisationsprozess
Diese Regelungen sollen den seit 2023 geführten Organisationsprozess flankieren, der darauf zielt, das Konzept „New Work“ praktisch im Klinikalltag zu verankern. Für diesen Prozess suchten Geschäftsführung, Betriebsrat und die Gewerkschaft ver.di die Kooperation mit der Business Academy Marburg und der Hans-Böckler-Stiftung.
Im Mittelpunkt der neuen Arbeitskultur steht die Beteiligung der Beschäftigten. Daher wurde die Belegschaft schon früh in Großgruppenveranstaltungen über die Grundlagen und das Verständnis der Waldkliniken Eisenberg zu „New Work“ informiert. Anschließend ging man daran, aus den verschiedenen Bereichen Beschäftigte als Mentor*innen zu gewinnen und sie nach einem mehrtägigen Training auf ihren Einsatz in Prozessteams vorzubereiten. Diese wurden entlang des Patientenpfads eingerichtet, das heißt: an den wichtigsten Stationen, die die „Gäste“ im Regelfall durchlaufen.
Bernd Becker, ver.di Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt, ThüringenEs ist nicht einfach, in Krankenhäusern eine beteiligungsorientierte Arbeitskultur zu etablieren. Denn ein Klinikbetrieb ist an Wirtschaftlichkeit und hohe Produktivität gebunden. ‚New Work‘ ist eine große Chance. Das Konzept kann gut funktionieren, wenn es tarifvertraglich flankiert wird.
Unterstützt durch die Mentor*innen sollen die Mitarbeiter*innen in diesen Prozessteams in ihren jeweiligen Arbeitsbereichen oder an wichtigen Schnittstellen konkrete Veränderungsbedarfe und vorgefundene Schwächen diagnostizieren. Letztlich geht es darum, bei Problemen gemeinsam praktische Lösungen zu finden.
Kernthemen in den betrieblichen Alltag überführen
Die Organisationsentwicklung bei den Waldkliniken fokussiert auf drei Kernthemen: Selbstverantwortung im Team und Selbstorganisation, multiprofessionelle Zusammenarbeit, fokussiertes Arbeiten. Das ist insofern interessant, als die meisten Krankenhäuser stark hierarchisch organisiert sind. Demgegenüber setzen die Waldkliniken vor allem auf Teamarbeit und Beteiligung.
Ziel des gesamten Organisationsprozesses ist es, diese Kernthemen in die regelbasierte Praxis, das heißt: in den Klinikalltag, zu integrieren. Das gelingt inzwischen gut, denn in den täglichen Teambesprechungen und Teamleiter*innentreffen stehen sie stets auf der Tagesordnung.
„Es ist erstaunlich, wie viele – oft ganz kleine – Ideen dabei herauskommen, wenn sich die Teams in Ruhe zusammensetzen und ihre Arbeit reflektieren“, berichtet Hannes Beckenbach von der Netzwert Partner GmbH, der den Organisationsprozess zusammen mit Vera Starker von der Next Work Innovation UG begleitet. Dies ist auch der Grund, weshalb ver.di den Anspruch der Beschäftigten auf Beteiligung dauerhaft, also über die Laufzeit des Organisationsprozesses hinaus, tarifvertraglich festschreiben will. Das betrifft vor allem die Dienstplangestaltung. So gibt es zwar arbeitgeberseitig eine Jahresvorausplanung. Aber alle Beschäftigten sollen künftig ihre Arbeitszeitwünsche sowohl lang-, als auch kurzfristig einbringen können. Die Waldkliniken haben bereits signalisiert, diese zu 75 Prozent berücksichtigen zu wollen.
Die Netzwert Partner GmbH wurde auch deswegen in den Organisationsprozess einbezogen, um jährlich eine Zufriedenheitsbefragung unter den Mitarbeiter*innen durchzuführen und Rückmeldungen darüber zu erhalten, wie sich die neue Arbeitskultur etabliert hat. Dabei wird gezielt nach den Arbeitsbedingungen, der Führungsqualität und nach Gesundheitsbelastungen gefragt. Die hierbei ermittelten Ergebnisse insbesondere zu Stress- und anderen Belastungsfaktoren werden zum Teil bereits als Datenbasis für psychische Gefährdungsbeurteilungen genutzt.
Vergleicht man die Umfrageergebnisse aus 2024 mit denen aus 2025, so zeigt sich, dass sich die Leitideen von „New Work“ verfestigt und die Zustimmungswerte bei den Themen fokussiertes Arbeiten, Gesundheit und multiprofessionelle Zusammenarbeit deutlich verbessert haben.
„New Work“ ist gleichwohl kein Selbstläufer. Das A und O ist und bleibt eine gute Kommunikation, die alle Beschäftigten erreicht und diese motiviert, an der Zukunft ihres Arbeitsfeldes mitzuwirken. Deshalb ist die tarifliche und langfristige Absicherung von Beteiligungsrechten der Beschäftigten entscheidend, um eine solche „bottom-up“-Strategie, wie sie die Waldkliniken anstreben, erfolgreich hinzubekommen.
Ansprechpersonen des Projekts:
Projektleitung:
Vera Starker, Next Work Innovation UG
Katharina Roos, Netzwert Partner GmbH
Kooperationspartner:
Bernd Becker, ver.di Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen
Förderlinie Transformation
Es gibt viele Treiber von Transformationsprozessen: Digitale Transformation, Klimawandel, Energiekrise etc. Folgen sind hoher Veränderungsdruck in Betrieben, Branchen und Regionen und für die dort arbeitenden Menschen. Im Zentrum der Förderlinie steht: Wir bringen Erfahrungswissen und akademisches Wissen gewinnbringend zusammen – betrieblich, regional, lösungsorientiert. Das Ziel ist, mit kurzformatigen Projekten dem hohen Veränderungsdruck in der Arbeitswelt Rechnung zu tragen. Die Veränderungsdynamiken und ihre Anforderungen an Mitbestimmungsprozesse und ihre Akteure sollen wissenschaftlich beraten und begleitet werden.
