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HBS & ver.di Digitalisierungskongress

Szenarien für die Gestaltung der digitalisierten Arbeitswelt

Von: Sascha MeinertMichael Stollt 03.11.2016

Zwei Workshops boten Gelegenheit, die Szenarien Mitbestimmung 2035 mit Blick auf die Digitalisierung zu erkunden. Denn Digitalisierung kann man nur antizipieren, wenn man den gesellschaftlichen Kontext mitdenkt, in dem sie sich entfaltet – und der kann sehr unterschiedlich sein.

Szenarien MB 2035
Mitbestimmung 2035 – Vier Zukunftspfade für die Arbeitswelt von morgen

Unter welchen Rahmenbedingungen müssen Akteure der Mitbestimmung Fragen der Digitalisierung in der Zukunft verhandeln? Die vier Szenarien MITBESTIMMUNG 2035, die von der Hans-Böckler-Stiftung entwickelt wurden, skizzieren vier unterschiedliche ‚Zukünfte’ für die Arbeitswelt im Deutschland des Jahres 2035.

Zum Auftakt des Workshops im Rahmen des Digitalisierungskongress 2016 – organisiert von Hans-Böckler-Stiftung und der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft in Berlin – wurde zunächst die Szenarien-Methode kurz vorgestellt. Bei Szenarien geht es nicht darum, die Zukunft vorherzusagen. Schon der Umstand, dass sie stets in der Mehrzahl auftreten – es gibt zu einer Fragestellung immer mehrere plausible Szenarien – unterscheidet sie von der Prognose. Szenarien unterscheiden sich aber auch von Utopien, die meist „in einem fernen Land in einer unbestimmten Zeit“ spielen. Denn Szenarien tragen der Gegenwart sowie den mit ihr verbundenen Pfadabhängigkeiten Rechnung und stellen so einen klaren Bezug zur heutigen Ausgangslage her. Sie spielen im Spannungsfeld zwischen dem, was wir von der Zukunft aller Voraussicht nach schon wissen, und dem, was noch völlig ungewiss ist. Mithilfe von Szenarien können wir den Blick für längerfristige Chancen und Risiken weiten und so auch die Integrität unseres Handelns stärken.

Vier Zukunftspfade für die Arbeitswelt von morgen

Die Szenarien MITBESTIMMUNG 2035 sind das Ergebnis einer Erkundungsreise der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung Mitbestimmungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung. Konzipiert und begleitet wurde der Szenarien-Prozess vom Institut für prospektive Analysen. Vor dem Hintergrund des 40. Jubiläumsjahres des Mitbestimmungsgesetzes M’76 wollten wir den Blick auch nach vorne richten und fragen, wie Mitbestimmung in der Zukunft aussehen könnte. Wir wollten uns einen gemeinsamen Referenzrahmen schaffen und zur Diskussion stellen, in dem wir unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten ausloten und bewerten können.

Im Ergebnis sind vier Szenarien entstanden, die vier unterschiedliche Zukunftspfade für die Arbeitswelt von morgen skizzieren:

Im Szenario „WETTBEWERB“ dominieren Wachstumsorientierung und Wettbewerbsdruck auf allen Ebenen. Sie führen auch zur zunehmenden Vermarktlichung von Arbeitnehmervertretungen - Mitbestimmung muss „sich rechnen“, um im Spiel zu bleiben.

Das Szenario „VERANTWORTUNG“ beschreibt eine Zukunft, in der Aushandlungsprozesse individueller und persönlicher werden – allein schon, weil meisten Aufgaben komplexer geworden sind und mehr Eigenständigkeit, Engagement und persönliche Motivation der Arbeitnehmer erfordern. Der Staat setzt einen Rahmen, um die individuelle Teilhabe zu sichern – auch für die weniger gefragten Berufsgruppen.

Im Szenario „FAIRNESS“ wird die Arbeitswelt im Vergleich zur heutigen Situation demokratischer. Kollektive Interessenvertretungen gewinnen (wieder) an Bedeutung, um individuelle Handlungsspielräume zu vergrößern und faire Arbeitsbedingungen auszuhandeln. Erwerbsarbeit ist und bleibt Angelpunkt für Teilhabe und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Krisen und zunehmende Verteilungskonflikte dominieren hingegen im Szenario „KAMPF“. Diese führen zu konfliktträchtigen Arbeitsbeziehungen. Angesichts zunehmender Verwerfungen und der neuen Formen des Wirtschaftens muss auch Solidarität neu definiert werden. Immer mehr Menschen stellen die Systemfrage.  

Wie würden die Möglichkeiten der Digitalisierung in den Szenarien genutzt?

Im Anschluss an die methodische Einführung und einen kurzen Überblick zu den MITBESTIMMUNG 2035 Szenarien tauchten die rund 75 Teilnehmenden des Workshops tiefer in die Szenarien ein. Zunächst wurden hierfür die von professionellen Sprechern eingelesenen Kurzfassungen der Szenarien angehört. Im Anschluss machte sich jede/r für sich selbst ein eigenes Bild, wie die Digitalisierung der Arbeitswelt in dem jeweiligen Szenario wohl aussehen würde. Dann wurde zusammen getragen und diskutiert: Wie würden die Möglichkeiten der Digitalisierung in diesem Szenario voraussichtlich genutzt? Was wären die Auswirkungen? Welche Konflikte und Dilemmata müssten hier bearbeitet werden? Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es hier für die Mitbestimmung? So gewannen schrittweise vier unterschiedliche Digitalisierungspfade an Kontur.

Digitalisierungskongress 2016 - Szenario Workshop
Welches Szenario ist aktuell in der Pipeline? Welches Szenario würdest Du persönlich Dir wünschen?

Zum Abschluss des ersten Workshops stand nun die Frage nach der persönlichen Verortung in diesem Raum möglicher Zukünfte. Hierfür zeigte zunächst jede/r Teilnehmende auf das Szenario, von dem man glaubt, dass es gerade „in der Pipeline“ sei. Das Ergebnis war relativ eindeutig: Der ganz überwiegende Teil der Gruppe sieht zumindest aktuell das Szenario WETTBEWERB als das Trendszenario an. Einige Teilnehmende sehen unsere Gesellschaft hingegen bereits auf dem Weg in das Szenario KAMPF. Auf die anschließende Frage, welche der vier Zukünfte man persönlich präferiere, zeigte sich ein gegenteiliges Bild. Fast die gesamte Gruppe verortete sich hier (ausgewogen) zwischen den beiden Szenarien VERANTWORTUNG und FAIRNESS. Diese Diskrepanz macht noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, frühzeitig aktiv zu werden und sich (trotz schwieriger Rahmenbedingungen) dafür einzusetzen, dass sich Arbeitswelt und Gesellschaft in eine „gute Richtung“ entwickeln.

Szenarien MB 2035

MITBESTIMMUNG 2035 - 4 SZENARIEN

Wie wird die Arbeitswelt von morgen aussehen? Vier Szenarien – WETTBEWERB, VERANTWORTUNG, FAIRNESS & KAMPF – erkunden unterschiedliche aber gleichermaßen mögliche Zukunftsverläufe bis zum Jahr 2035. Jetzt in die Szenarien eintauchen!

MB 2015 - Vier Digitalisierungspfade
Wie sieht Digitalisierung im Kontext der vier Mitbestimmungsszenarien aus?

Vertiefungs-Workshop: Vier Digitalisierungspfade

Der Workshop am zweiten Tag des Digitalisierungskongresses knüpfte unmittelbar an die Ergebnisse des Workshops am Vortag an. Da einige neue Teilnehmende hinzugekommen waren, wurden die Mitbestimmung 2035-Szenarien zunächst noch einmal kurz vorgestellt und ihre Kerndynamiken mit Blick auf die Digitalisierung rekapituliert. Zudem wurden unterschiedliche Narrative der Digitalisierung der Arbeitswelt kritisch reflektiert, die im gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs von unterschiedlichen Akteuren eingebracht werden. Der Schwerpunkt dieses Workshops lag darin, diese z.T. divergierenden Perspektiven sowie unterschiedliche Ebenen der Digitalisierung näher zu beleuchten. Als Orientierungsrahmen wurden erneut die MITBESTIMMUNG 2035 Szenarien herangezogen.

Es wurden kurze Textpassagen vorgetragen, die eine mögliche Entwicklung in einem Handlungsfeld der Digitalisierung beschrieben, z.B. mit Blick auf die Frage, über die Höhe und Verteilung der ‚Digitalisierungs-Dividende, wie sich Beschäftigungsformen verändern oder wie Mensch und Maschine zusammen arbeiten werden. Aufgabe war es nun, die verschiedenen ‚Zitate aus der Zukunft’ einem Szenario zuzuordnen und zu begründen, warum man diese Entwicklung dort verankern würde. Die Übung und die gemeinsamen Diskussionen verfeinerten einerseits das Verständnis über die vier in den Szenarien beschriebenen Zukünfte. Gleichzeitig wurde deutlich, wie unterschiedlich sich die Digitalisierung entfalten kann, je nachdem welche Rahmenbedingungen, Mindsets und Dynamiken in Arbeitswelt und Gesellschaft vorherrschen.

Digitalisierungskongress 2016 - Szenario Fairness
Heute damit beginnen, die Weichen richtig zu stellen.

Was kann man HEUTE tun, damit es in eine gute Richtung geht?

Zum Schluss wurde der Ball noch einmal in Richtung Handlungsmöglichkeiten im Jetzt gespielt: Was können wir vor dem Hintergrund der vier Zukunftsmöglichkeiten HEUTE tun, damit es in eine gute Richtung geht? Auch wenn es aus zeitlichen Gründen nicht möglich war, die Antworten der Teilnehmenden im Rahmen des Workshops weiter zu diskutieren, zeigten sie ein breites Spektrum möglicher Hebel auf. Denn: Digitalisierung ist gestaltbar. Damit wir in einem guten Szenario landen, müssen wir heute beginnen, die Weichen richtig zu stellen.

Schließlich bekamen die Teilnehmenden Anregungen für die weitergehende Arbeit mit den Szenarien MITBESTIMMUNG 2035. Die Hans-Böckler-Stiftung hat im Rahmen ihres Mitbestimmungsportals einen eigenen Bereich hierfür eingerichtet. Unter der Webadresse www.mitbestimmung.de/mb2035 findet man ein Onlinetool, der verschiedene Zugänge zu den Szenarien bietet, z.B. die Audio-Kurzfassungen, Illustrationen, Leitfragen, Zitate und die Publikation als PDF. Ein Themennavigator bietet zudem die Möglichkeit, die vier Szenarien mit Blick auf über 20 Themen kompakt miteinander zu vergleichen (z.B. handlungsleitende Werte, Arbeitszeitregelungen, Nachwuchs der Mitbestimmung ...). Informationen dazu, wie man selbst mit den Szenarien in seinem Umfeld arbeiten kann und weiterführende Informationen zur Szenarien-Methode rundeten das Angebot ab.

ARBEITEN MIT DEN SZENARIEN MITBESTIMMUNG 2035

Die Szenarien "Mitbestimmung 2035" können in unterschiedlicher Weise für eine kreative Auseinandersetzung mit dem Handlungsfeld der Mitbestimmung genutzt werden. Habt Ihr Interesse, mit den Szenarien Mitbestimmung 2035 zu arbeiten? Wir stellen Euch gerne die Audiodateien und weitere Materialien zur Verfügung. Wir freuen uns auf den Austausch mit Euch und unterstützen gerne.

Sascha Meinert

Sascha Meinert

ist Politik­wissenschaftler und leitet seit 2004 das Institut für prospektive Analysen (IPA) in Berlin. Für die Hans-Böckler-Stiftung konzipierte und begleitet er den Szenarien-Prozess Mitbestimmung 2035.

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Michael Stollt

Michael Stollt

leitet das Referat Mitbestimmungs­­­portal und koordiniert die Szenario-Aktivitäten am Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung der Hans-Böckler-Stiftung (I.M.U.). Zuvor forschte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Europäischen Gewerkschaftsinstitut in Brüssel zu europäischen Mitbestimmungsfragen.

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