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Tools für die Praxis

Transformation und Innovation als Betriebsrat mitgestalten

Von: Kai BeutlerSabine BeutertViktor Steinberger05.10.2020

Der Transformations-Innovations-Navigator (TIN) bietet Betriebsräten einfach anzuwendende Tools, um Veränderungsprozesse betrieblich und regional zu analysieren und beschäftigungspolitisch wirksame Strategien zu entwickeln.

2019 hat der IG Metall-Vorstand unter dem Begriff ‚Transformation‘ eine bundesweite Betriebsbefragung durchgeführt. Der Hintergrund gilt aber auch für andere Industriebranchen wie Nahrungsmittel, Chemie etc.: In den nächsten 10 Jahren (bis 2030) wird es gleich mehrere Entwicklungen gehen, welche entscheidenden Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe haben werden. In TIN wurden sie in 5 „Trends“ unterschieden – also vom Betrieb nicht beeinflussbare Entwicklungen:

  • Die Digitalisierung, künstliche Intelligenz bzw. automatisierte Entscheidungsfindung und Industrie 4.0 werden betriebliche Prozesse in allen Bereichen wesentlich beeinflussen, von der Instandhaltung über die Logistik bis zur Produktion, Produktentwicklung und Vertrieb.
  • Die Weltwirtschaftsordnung wird über die internationalen Wirtschaftsabkommen und insbesondere die Entwicklung in China die Marktbedingungen neu sortieren. Die Wertschöpfungsketten ändern sich heute schon rasend schnell.
  • Der Klimawandel und der Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland erfordert schnelle und nachhaltige Entscheidungen zur Energieerzeugung. Regenerative Energien ersetzen Verbrennung und Atomkraftwerke. Dafür werden neuartige Maschinen, Antriebe und Infrastrukturen benötigt.
  • Speziell werden die Verbrenner-Antriebe bei Kraftfahrzeugen ersetzt durch Elektromotoren und möglicherweise auch Wasserstoffantrieb.
  • Der demografische Wandel in Deutschland hat zwei Hauptaspekte: Es werden weniger Arbeitskräfte für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Der Anteil der Beschäftigten über 50 Jahren steigt schnell. Sie haben ein anderes Leistungsprofil: Erfahrung und komplexes Lösungswissen ersetzen sinkende körperliche Kraft, Nachtschichtrobustheit etc.

Die Veränderungen können für den einzelnen Betrieb unterschiedlich bedeutsam sein und die Beschäftigung sowohl Chancen als auch Risiken bedeuten: Der Handlungsbedarf ist hoch. Wer als erster neue Bedarfe befriedigt, wird eher in der Lage sein, die Beschäftigung zu halten als Betriebe, die nichts tun. Allerdings liegt die Entscheidungsmacht häufig nicht am Standort – in Konzernbetrieben werden Investitionsentscheidungen meist fernab getroffen. Die Geschäftsführungen sind manchmal nur Statthalter, um den operativen Bereich am Laufen zu halten. Gerade in solchen Betrieben haben in Transformationszeiten Betriebsräte und Gewerkschaften eine besondere Funktion – sie werden zu Innovationstreibern und fordern vom Management konkrete zukunftssichernde Aktivitäten ein. Das Betriebsverfassungsgesetz stellt im § 92a den Betriebsräten die Aufgabe, Vorschläge zur Beschäftigungssicherung und -förderung zu formulieren.

Aber wie kommt das Gremium zu diesen Vorschlägen? Außerdem: Viele Betriebe sind darauf angewiesen, dass die regionale Politik die nötigen Voraussetzungen schafft. Die sich ändernden Qualifikationsbedarfe müssen durch ein entsprechendes Angebot abgedeckt werden. Die passende Infrastruktur muss hierfür geschaffen und die erforderlichen Fördermittel müssen bereitgestellt werden (u.a.).

Abb Strategie
Vorgehensweise im Projekt TIN

Der Transformations-Innovations-Navigator (TIN) ist eine Methodik für die beteiligungsorientierte Entwicklung von mittelfristigen Beschäftigungsperspektiven im fortschreitenden Transformationsprozess. Es bietet Interessenvertretungen auch und gerade in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) einfach zu handhabende Werkzeuge („Tools“) zur Mitgestaltung – sowohl auf betrieblicher als auch auf regionaler Ebene. Die Anwendbarkeit und Praxistauglichkeit der Tools wurde in mehreren regionalen Projekten erprobt und steht nun Betriebsratsgremien und anderen arbeitspolitischen Akteuren zur Verfügung. Der Navigator enthält neben den Tools ein Praxisbeispiel aus dem Pilotprojekt sowie einen Leitfaden zum betrieblichen Vorgehen. 

Die Entwicklung der Tools und weiterer Komponenten sowie auch die praktische Erprobung wurden finanziert mit Mitteln der Hans-Böckler-Stiftung.
Insgesamt stehen drei Komponenten zur Verfügung:

  1. Transformations-Innovationsnavigator (TIN) mit 5 Tools
  2. Regionales betriebliches Praxisbeispiel (Metallindustrie)
  3. Betrieblicher und regionaler Leitfaden

Transformations-Innovationsnavigator (TIN)

Das betriebliche Bewertungsraster TIN hilft Betriebsräten, relevante Entwicklungen innerhalb und außerhalb des Unternehmens zu identifizieren, zu priorisieren und zur Entwicklung einer eigenen, unternehmensindividuellen Beschäftigungsstrategie zu nutzen. Für die betrieblichen Akteure wurden hierfür 5 Tools entwickelt und erprobt:

  • Identifikation der für den eigenen Betrieb relevanten Trends (T1)
  • Dokumentenliste zur Informationssammlung für betriebliche Beschäftigungsprojekte (T1b)
  • Herausarbeitung der betrieblichen Potenziale: 18 betriebliche Gestaltungsfelder von Mitarbeiter/innen und Führungskräften über Prozesse bis zur Produktinnovation werden auf ihre Wichtigkeit für die Beschäftigung, auf erkennbare Verbesserungsmöglichkeiten und auf deren Gestaltbarkeit hin bewertet. Das Produkt daraus ist der Signalwert: Hier muss man anfangen! (T2) 
  • Quantitative Potenzialbewertung anhand betrieblicher Kennziffern. Wo es möglich ist, werden betriebliche Leistungskennziffern (bzw. ‚KPI‘ - Key Performance Indicators) mit Ist- und Sollwerten aufgelistet. Es sollen nicht nur Ergebniskennziffern wie Betriebsergebnis oder auch Mitarbeiter/innenanzahl ausgewählt werden, sondern auch ‚Befähiger’-Kennziffern wie Qualifizierungstage, Investitionssumme, Liefer-Pünktlichkeit, Umsatz mit neuen Produkten etc. (Tool T2b)
  • Mittelfristige betriebliche Personalplanung bis zum Jahr 2030 – geordnet nach Beschäftigungsgruppen und/oder Produktgruppen (T3b). Das Tool T3b bietet den Gremien die Möglichkeit, die vorhandene Belegschaft zu analysieren und daraus eine mittelfristige Personalplanung bis 2030 zu entwickeln bzw., die des Arbeitgebers zu bewerten. 

Diese Ergebnisse sind auch für die regionalen Akteure wesentlich, die sich für die Arbeitsplätze in der Region einsetzen. Darunter zählen in erster Linie die gewerkschaftlichen regionalen Geschäftsstellen bzw. Bezirke oder Kreisregionen. Auch der Wirtschaftsförderung, den Arbeitsagentur-Stellen und Arbeitgeberverbänden helfen sie bei der regionalen Beschäftigungsförderung. Zusammen sollen diese Organisationen als regionale Multiplikatoren wirken: Am besten, sie nehmen die Impulse aus den Betrieben auf, initiieren weitere betriebliche Beschäftigungsprojekte und machen so ein regionales Beschäftigungsprojekt daraus. Das Ziel der betrieblichen und regionalen Akteure ist die Maximierung der tarifgebundenen Arbeitsplätze im Transformationsprozess. TIN bietet hierfür Unterstützung.
 

Ziel der regionalen Beschäftigungsprojekte 2030 ist es jeweils, die Zahl der tariflichen Arbeitsplätze für die Perspektive 2030 zu maximieren.

Ziel aller betrieblichen und regionalen Akteure muss die Maximierung der tarifgebundenen Arbeitsplätze im Transformationsprozess sein. TIN hilft dabei. Für regionale MultiplikatorInnen wurden 4 Tools entwickelt und erprobt:

  • Trendbewertung mit Auswertung für mehrere regionale Branchen-Betriebe. Entweder die betrieblichen Auswertungen werden addiert oder es wird eine gesonderte Bewertung für die regionale Branche durchgeführt. (T1)
  • Mittelfristige betriebliche Personalplanung (MFP) 2030 für die Branchen-Betriebe der Region mit 3 Szenarien: Best-Case - Management Case - Worst Case. Dabei werden die Nennungen der einzelnen Betriebe addiert. (T3r)
  • Checkliste Anforderungen an die Politik (T4).

MultiplikatorInnen können die verschiedenen Tools für ihre Region und Branche adaptieren und anwenden. Insbesondere sollen sie für regionale Beschäftigungsinitiativen als Basis und Impuls dienen. Hier steckt auch die Aufforderung für betriebliche Akteure drin, die Daten im Rahmen der Weitergabemöglichkeiten mit ihrer Gewerkschaft oder dem DGB zu teilen, um ein noch besseres Bild von der regionalen Situation und auch den regionalen beschäftigungspolitischen Chancen zu erhalten.

Abbildung Tool 1
Screenshot aus dem Tool T1. Anhand von 5 Haupttrends zum Sammelbegriff „Transformation“ werden die betrieblich relevanten Trends formuliert und kommentiert.
Screenshot aus Tool 2
Screenshot aus dem Tool T2. Anhand von 18 betrieblichen Gestaltungsfeldern zum Sammelbegriff „Transformation“ werden die betrieblich relevanten Potenziale formuliert und kommentiert.

Für alle Tools gibt es zur einfacheren Anwendung für die Nutzer jeweils ein Toolauftragsformular, das den Auftrag jedes Tools benennt: Was ist das Ergebnis? Warum ist die Anwendung sinnvoll? Wieso soll es eingesetzt bzw. welche Ziele sollen erreicht werden? Wie wird das Tool angewendet? Für wen ist das Tool geeignet?

Regionales betriebliches Praxisbeispiel: Metallindustrie

In der Kölner Region arbeiten heute etwa 2 Millionen Arbeitnehmer/innen. Im Industriebereich spielt die Automobilindustrie eine dominierende Rolle: Die Zukunft des OEM Ford mit der letzten Kleinwagen Produktion in Deutschland hängt auch von der Bewältigung der 5 Megatrends ab: Antriebsart … Industrie3.0 … Die Zentralen vieler wichtiger Betriebe befinden sich außerhalb der Region – Investitionsentscheidungen bei SKF, Geberit, Magna, Tenneco und anderen fallen woanders. Eine Reihe von Industriebetrieben ist von der Schließung bedroht. Es ist offensichtlich, dass es wesentliche Änderungen in der Beschäftigungsstruktur in den kommenden 10 Jahren geben wird. Dabei ist es viel einfacher, die bedrohten Arbeitsplätze zu benennen als die sie ersetzenden.

Die Betriebe können einerseits selber viel tun, um neue Produkte oder Dienstleistungen zu entwickeln. Betriebsräte haben bewiesen, dass sie dabei eine wesentliche Rolle einnehmen können.

Die regionalen Standortakteure inkl. der Gewerkschaften tun aber gut daran, die regionalen Umfeldbedingungen für (insbesondere, neben Neuansiedlungen …) die vorhandenen Betriebe zu verbessern, in der Regel für einzelne Branchen. Dabei kann die fundierte Kenntnis der betrieblichen Perspektiven hilfreich sein. Dafür wurden die TIN-Tools partizipativ in den regionalen Brnachen-Betrieben entwickelt und erprobt, insgesamt in 15 Metallbetrieben und einem NGG-Betrieb.  Ein Praxisbeispiel wurde mit dem Betriebsrat und der betreuenden Gewerkschaft IG Metall Köln-Leverkusen dokumentiert. In diesem praktischen Anwendungsfall wird deutlich, wie die Arbeitnehmer/innenvertretung konkret vorgegangen ist und welche Ergebnisse erzielt wurden.

Bei allen Erprobungsprojekten wurden die folgenden Methoden eingesetzt:

  • Aktivierende Interviews: Anhand eines Interviewleitfadens wurden betriebliche Akteure beider Betriebsparteien (GF/Führungskräfte und BR) befragt.
  • Betrieblicher Potenzialworkshop: Der Workshop diente der Bewertung von Trends bis zum Jahr 2030, ggf. der Differenzierung von Szenarios, der Bewertung von qualitativen Potenzialen nach strukturierter Vorgabe (TIN – Transformations-Innovationsnavigator).
  • Digitale Moderation: Es wurden auch – bedingt durch die Corona-Krise - digitale Moderationsformen eingesetzt, insbesondere die Video-Konferenz mit interaktivem Visualisierungstool (Zoom). Der Visualisierung kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Die Beiträge der Teilnehmer/innen müssen sichtbar dokumentiert werden.
Abb Regionaler Leitfaden
Anwendungsbeispiel aus dem Praxisbetrieb: Die vom Betriebsrat selbst identifizierten, zentralen Gestaltungsthemen sind grafisch hervorgehoben (hier: Organisation, Unternehmensstruktur, Wissensmanagement und Personalentwicklung).

Betrieblicher und regionaler Leitfaden 

Es wurde deutlich, dass es sowohl eine betriebliche, als auch eine regionale Anwendungsmöglichkeit der Tools sinnvoll ist. Deshalb wurden entsprechende Leitfäden für zwei verschiedene Zielgruppen entwickelt.

  • Der Leitfaden betriebliches Vorgehensmodell (TINb) beschreibt, wie gewerkschaftliche Vertreter/innen und Betriebsräte ein betriebliches Beschäftigungsprojekt 2030 initiieren und durchführen können.
  • Der Leitfaden regionales Vorgehensmodell (TINr) erklärt, wie regionale gewerkschaftliche Akteure ein regionales Branchenprojekt „Beschäftigung 2030" initiieren und durchführen können.mmentiert.

Wie kann ich die Tools aus dem TIN-Projekt nutzen?

Alle Tools und weiteren Materialien aus dem Projekt TIN werden über eine einfache und selbsterklärende Benutzungsoberfläche auf einer USB-Stickversion bereitgestellt. Auf der Seite http://www.bsb-seite.de/TIN.html finden sich zudem alle Leitfäden und Tools im pdf-Format zum Download.

Ansprechpartner im I.M.U.

Jan Giertz

Personalstrategie, Personal­risiko­management, HR und Corporate Governance, Personalplanung, Interne Arbeitsmärkte

Telefon
+49 211 7778-185
E-Mail
jan-paul-giertz@boeckler.de

Kai Beutler

ist seit 1986 Betriebsratsberater. Schwerpunkte sind Beschäftigungs­förderung „besser-statt-billiger“ und „Gute-Arbeit“-Gestaltung. Er war 15 Jahre auch Unternehmensberater für Beteiligungs­projekte bei der MA&T Sell & Partner GmbH Aachen als geschäfts­führender Gesellschafter und hat sich vorher seine Hörner in der Industrie abgestoßen, bei BMW in München und der Siemens AG in Nürnberg Moorenbrunn und Köln. Zusätzlich fördert er die internationale gewerkschaftliche Kooperation (www.IGAKK.org).

Sabine Beutert

ist seit 2008 Gewerkschaftssekretärin bei der IG Metall GS Köln-Leverkusen Schwerpunkt Maschinenbau, Koordination des Produktionsarbeitskreises der Geschäftsstelle. Davor war sie über 20 Jahre Betriebsratsberaterin bei der TBS beim DGB NRW e.V., zuletzt im Schwerpunkt Beschäftigungssicherung/ wirtschaftliche Fragen

Viktor Steinberger

ist Diplom-Soziologe und seit 1995 Betriebsratsberater mit Funktionen in Projekt- und Fachleitungen bei der TBS beim DGB NRW e.V.. 1980 Diplom an der FU Berlin, Start-Up Erfahrung, Wissenschaftler und Projektant auch an der TU und dem Fraunhofer IPK in Berlin. Arbeitsschwerpunkte u.a. Beteiligung 2 (statt Einbindung) der Beschäftigten in Transformationsprojekten.